DIE ZEIT „Erwachsen werden..“ Rezension von Hentig & Bueb

DIE ZEIT 40 / 2006  – Literaturbeilage

 

Reinhard Kahl

Erwachsen werden

…Oder die Entdeckung der Erziehung

 

Hartmut von Hentig und Bernhard Bueb haben mit ihren neuen Büchern ihr pädagogisches Testament vorgelegt

 

 

In Hamburg-St. Pauli proben 85 Grundschüler mit englischen Choreographen, darunter Royston Maldoom, bekannt aus dem Film „Rhythm Is It!“. Schon nach ein paar Tagen mussten die verblüfften Lehrer eingestehen, so viel Selbstbeherrschung hätten sie bei den Kindern noch nie erlebt.

 

In Bremen fahren Migrantenkinder ins Sommercamp. Drei Wochen haben sie jeden Tag zwei Stunden Deutsch und dann zwei Stunden Theater. Anschließend Freizeit und Abenteuer. Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung hat den Lernforschritt dieser Wochen gemessen. Er übersteigt den eines Schuljahrs.

 

In den Kindern steckt mehr als die meisten Erwachsenen glauben. Fehlt also die Herausforderung? Und worin könnte sie bestehen? Darüber kommt eine neue Bildungsdebatte auf. Eine zweite nach Pisa. Bücher dazu haben Hartmut von Hentig, der Nestor der deutschen Pädagogik und Bernhard Bueb, Hentigs ehemaliger Assistent beim Aufbau der Laborschule in Bielefeld, geschrieben. Bueb hat dann 30 Jahre das Internat Salem geleitet.

 

Beide Autoren stellen Gemeinschaft und Erziehung in den Mittelpunkt. Dafür müssen sie eine Woge von Missverständnissen in Kauf nehmen. Will Hentig etwa einen Arbeitsdienst? Und wohin will Bueb zurück, wenn er die Disziplin lobt? Gemach.

 

Hartmut von Hentig macht zwei Vorschläge. In der Pubertät, also in den Klassen 7 bis 9 will er die Schule so weit wie möglich „entschulen.“ Jugendlichen sanieren zum Beispiel ein Bauernhaus. Sie gehen auf große Fahrt, lernen eine Fremdsprache im Ausland – aber nicht als Gastschüler. Sie machen naturwissenschaftliche Experimente oder sie leisten soziale Arbeit. Die Schule wird zum Basislager für ihre Expeditionen und zum Rückzugsort für Übungen in den Kulturtechniken.

 

Hentigs zweiter Vorschlag: Nach dem Ende der Schulzeit ein verpflichtendes soziales Jahr für alle. „Ich wünsche, dass junge Menschen erfahren, was eine Gemeinschaft ist,“ schreibt er und führt diese Idee in seinem Manifest „Bewährung“ aus. Er hat den Entwurf vor einem Jahr zu seinem 80. Geburtstag mit Freunden diskutiert. Es ist sein pädagogisches Testament. Er bringt seine Vorbehalte gegen die Schule und seine Passionen für sie auf den Punkt: Zumeist werden Kinder und Jugendliche über 10 oder 13 Jahre bloß zu Schülern gemacht und infantilisiert. Seine Hoffnung allerdings ist nicht klein zu kriegen. Die Schule sollte eine Polis werden, in der Kinder Lust darauf bekommen erwachsen zu werden. Sie sollen „die nützliche Erfahrung, nützlich zu sein“ machen. Lernen von Deutsch oder Mathematik ließe sich dann kaum noch verhindern. Übrigens im Bremer Sommercamp haben die Kinder gefragt, wo denn die Mathematik bleibe?

 

Lust aufs Erwachsenwerden, dieses eigentlich selbstverständliche erste Ziel verfehlen die Bildungseinrichtungen am weitesten. Hartmut von Hentig fürchtet, nach Pisa hätten sie sich davon noch mehr entfernt. Die Kompetenzen schulen? Schön und gut. Aber was wird aus den Personen? „Ich erlebe“, schreibt er, „dass sie zu Funktionären des System werden, erst in der Schule, dann im Erwerbsleben.“ Gegen diese Entfremdung setzt er „Gemeinsinn“. Er macht pragmatische Vorschläge für eine radikale Praxis und weist erste Schritte, wie Städte und Regionen sein Konzept erproben könnten. Natürlich soll der Versuch „evaluiert“ werden. Vielleicht wird man sich über die Ergebnisse ebenso wundern, wie Jürgen Baumert, der Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, der die phantastischen Zahlen übers Bremer Sommercamp zuerst nicht glauben konnte.

 

Bernhard Bueb hat ebenfalls sein pädagogisches Testament geschrieben. Der Leiter der „Schulen Schloss Salem“ ging vor einem Jahr in den Ruhestand und machte sich ans Bilanzieren. In einem Essay für die FAZ schrieb er vom „Recht der Jugend auf Disziplin.“ Selten soll es einen solchen Sturm an positiven Reaktionen gegeben haben. Das gab den Ausschlag das Buch zu schreiben und wohl auch die Disziplin ganz nach vorne zu stellen. Prompt druckte die Bildzeitung fünf Tage hintereinander Ausschnitte ab. Weil auch dort die Leserreaktion alle Erwartungen übertraf, stand Bueb in Riesenlettern auf Seite 1: „Deutschlands strengster Lehrer.“

 

Worum geht es? „Die Kunst der Erziehung haben wir verlernt,“ schreibt Bueb. Das liege daran, dass die Erwachsenen nicht an sich selbst glaubten. In der Tat. Erinnern nicht viele Lehrer, Eltern und Kita-Erzieher an Gastgeber, die bei einem Fest so tun, als wären sie gar nicht da? „Ihr wisst ja wo der Kühlschrank steht,“ sagen sie an der Tür. Das war’s. Keine Begrüßung. Wenig Form. Kaum ein Ritual. Und natürlich geben solche nicht erwachsen gewordenen Erwachsenen ihren Kindern oder Schülern zu verstehen: Seht zu wie ihr durch kommt, vielleicht wisst ihr besser, wie man lebt. Erwartet von uns nichts.

 

Bueb will „Mut zur Erziehung“ machen. Damit meint er, die Erwachsenen sollen sich nicht verstecken. Sie schuldeten den Kindern Lebensformen und Herausforderungen. Sie mögen doch bitte für das, was sie für richtig halten, einstehen. Bueb will „die Würde der Erwachsenen wieder herstellen.“

 

Royston Maldoom, der englische Choreograph ist ganz nach Buebs Geschmack und einer seiner Helden. Er sagt den Kindern, ihr seit besser als ihr glaubt, und das will ich auch sehen. Er sagt: „Geht aus euch heraus“, und er verlangt, dass alle zuhören, wenn er oder ein anderer spricht. Er sagt: „Ich bin sehr streng,“ und noch nie haben die meisten Kinder so viel Zutrauen erfahren, wie bei ihm. Und tatsächlich sind die Proben ein Kampf um Disziplin und Form. Die Kinder sind dankbar für die Struktur und für den Spielraum, den sie dadurch erhalten. Dieses Yin und Yang der Pädagogik, viel geben und viel verlangen, wird nun im Entweder-oder-Land langsam entdeckt.

 

Doch manchmal ist es, als würde Bueb seine Entdeckung gleich wieder verdecken. Je weiter er sich von der Selbstreflexion der Erwachsenen entfernt, desto häufiger klingen seine Appelle, als sei die Würde der Erwachsenen von den Kindern bedroht. Dann scheint es, Barbaren seien zu bändigen. Der Dialog zwischen Kindern und Erwachsenen, den heute bereits die Säuglingsforschung als den Kern der Entwicklung und auch des Lernens herausarbeitet – nichts davon bei Bueb. Er fordert Respekt der Kinder vor den Erwachsenen. Aber Respekt kann man schwer verlangen. Respekt, das sagt schon das Wort, ist die Art, wie zurück geblickt wird. Wenn Bueb anfängt Disziplin und Gehorsam zu predigen, riecht es zuweilen nach dem Pulverqualm im Generationenkrieg. Seine Preisungen des Spiels als stärkstem Bildungsmedium und die Mahnung, dass kein Lernen gelingt, wenn Kindern die Selbstachtung fehlt, stehen als ganz andere Predigten daneben.

 

Bueb setzt auf Autorität. Aber was ist, wenn die Autorität weder in der Person des Erwachsenen fundiert, noch einer Tradition verwurzelt ist? Sie dann trotzdem und um so mehr proklamieren? Diese Frage stellte bereits Hannah Arendt 1958 in ihrem visionären Vortrag „Krise der Erziehung.“ „Die Autorität ist von den Erwachsenen abgeschafft worden, und dies kann nur eines besagen, nämlich dass die Erwachsenen sich weigern, die Verantwortung für die Welt zu übernehmen, in welche sie die Kinder hineingeboren haben.“

 

Dann, so meinte sie, greifen alle Wertedebatten zu kurz, dann stehen Neugründungen an. Dann muss man, wie Hartmut von Hentig, wieder und wieder über den Umbau der Institutionen nachdenken. Bueb ist hier weniger eindeutig. Wenn er an Salem denkt, setzt er auf  Disziplin und Gehorsam. Sieht er sich in der Bildungslandschaft um, entdeckt er in Schulgründern und Umgründern wie Enja Riegel aus Wiesbaden und Alfred Hinz von der Bodensee Schule in Friedrichshafen Verbündete.  Sie haben mit Theater und viel selbständiger Arbeit der Schüler jenseits aller Ingenieurspädagogik neue Formen und Rituale des Lernens schaffen und dabei die allerbesten Ergebnisse eingefahren .

 

Nach Pisa ist die geschwollene deutsche Rede über Bildung kleinlaut geworden und auf den Kompetenzbegriff geschrumpft.  Das war erst mal ganz gut so. Jetzt lernt man das Wort Erziehung neu zu buchstabieren. Dabei geht es vor allem um die Erwachsenen. In welche Welt wollen sie die nächste Generation hinein ziehen?

 

     

Hartmut von Hentig, Bewährung – Von der nützliche Erfahrung, nützlich zu sein

Hanser Verlag,  München 2006,  gebunden, 108 Seiten, 12.50 Euro

 

Bernhard Bueb,  Lob der Disziplin – Eine Streitschrift

List Verlag, München 2006,  Gebunden 174 Seiten;, 18 Euro  

 

Hannah Arendt, Die Krise der Erziehung  In: Zwischen Vergangenheit und Zukunft,
Piper Verlag (Serie Piper Nr. 1421), München 2000, broschiert, 448 Seiten; 18.90 Euro