Als im Sommer eine unvermutete Allianz verschiedener Zeitungen – zumindest ihrer Chefredakteure –, Schriftsteller und Politiker diverser Provenienz sich aus unterschiedlichsten Gründen auf die Rechtschreibreform einschossen, musste man den Eindruck gewinnen, die Einheit der deutschen Sprache stünde auf dem Spiel und es drohe ein Zustand anarchischer Beliebigkeit. Alles halb so schlimm, findet Reinhard Kahl und hofft, dass sich am Ende der Debatte die Einsicht durchsetzt, dass der Vielfalt, ja gar dem „Fehler“ein gewisser und oftmals nützlicher Reiz innewohnt. Das letzte Gefecht? Der endlose Rechtschreibkrieg und das Land der ABC-Schützen Reinhard Kahl Der Sommer ist vorbei. Der neue Duden steht auf dem Schreibtisch und ist noch dicker als der alte. Wie dick war eigentlich Dudens Duden? Eine Ernte von „5000 neuen Wörtern“ annonciert jetzt der Verlag. Die CD zum Buch ist auch schon auf der Festplatte. Das automatische Programm ist inzwischen ja viel wichtiger als das griffbereite Buch. „Die Installation verläuft selbsterklärend“, steht auf dem Cover. Stimmt. Und Korrekturen durch das Rechtschreibprogramm kommen jetzt viel seltener und sind zumeist akzeptabel. Der neue Duden ist großzügiger. So einfach könnte das alles also sein. Und tatsächlich liest man seit einigen Tagen, es ist Mitte September, kaum noch etwas über den deutschen Rechtschreibkrieg. Nur noch ein paar Meldungen über Nachhutgefechte. „Welt“ und „Spiegel“ schreiben immer noch „dass“ und „hier zu Lande“. Interessant, dass in dieser Hinsicht nicht die Autoren schreiben, sondern ein Programm. Aber wen interessiert eigentlich ob hier dass oder daß steht? Wem fällt das auf? Worum eigentlich ging es diesen Sommer im deutschen Rechtschreibkrieg? Die zweite Augustwoche war interessant. Montag morgen. Das Feuilleton der FAZ: „Es genügt ihre Anweisungen zu ignorieren,“ steht da. Und: „Dieser Klüngel hat uns nichts zu sagen.“ Hans Magnus Enzensberger, schon einst ein angry young man der deutschen Literaturszene, ruft – schon wieder erzürnt
zum zivilen Ungehorsam auf. Gegen „unsere Vormünder“ rebelliert der Schriftsteller.
Wir lesen eine Abrechnung mit der „Unbelehrbarkeit der ministerialen
Ignoranten.“ Es klingt so wie, endlich, jetzt machen wir Revolution.
Weiter mit Enzensberger. Auf ins letzte Gefecht. Gegen wen? Gegen diejenigen,
die sich „sklavisch an die Vorschriften von Amtsinhabern“ halten, „die selber
nicht imstande sind, einen vernünftigen deutschen Satz hervorzubringen.“
Letztere seien die Kultusminister. Diesen Oberidioten gehorchen die Unteridi-
oten „auf die servilste Art und Weise“. Das seien die Lehrer. Gute Gelegenheit
diesen gleich noch eins überzuziehen. „Sie sind allesamt praktisch unkündbar,
selbst einen Narren oder Alkoholiker loszuwerden verbietet das Beamtenrecht.“
Schon recht. Das sollte man ändern. Aber was hat das mit
der Rechtschreibreform tun? Im Ressentiment hängt halt alles mit allem zusammen
und am Ende ist der Rechthaber der einzige Mensch, umzingelt von
Unzurechnungsfähigen. Die Kultusminister, „ein Kreis von Legasthenikern, der
es zu Ämtern gebracht hat“. Vollstrecker des Stammtischs wissen es. Die
Rechtschreibung muss Chefsache werden.
Einer der neuen Chefs heißt Christian Wulff, niedersächsischer Ministerpräsident.
Er nimmt den Legasthenikern in der Kultusministerkonferemz das Heft
aus der Hand und will mit den anderen Präsidenten zurück in den alten Zustand.
Ein paar Landeshäuptlinge, die mitmachen wollen, hat er schon gefunden. Seitdem
findet er morgens Stapel zustimmender Post auf dem Schreibtisch und
nicht mehr nur den Protest wegen Sparen und Sozialabbau.
Mitte der Woche. Zwei andere Chefs schließen sich der Revolution an, die von
„Spiegel“ und Springer-AG , Aust und Döpfner. Und auch viele andere Zeitungen
sind voll vom Aufbegehren gegen das Rechtschreibdiktat. Die Deutschen
schwelgen in einer ihrer geliebten Katastrophen. Diese ist immerhin fast gratis,
gleichsam die erste Schnäppchenkatastrophe.
Am Anfang stand ja der plausible Anspruch, eine Rechtschreibreform solle
Klarheit schaffen – und zwar ganz eindeutig und vorerst endgültig. Dieses Vorhaben
ist nun nach manchen Reformen der Reform vorerst gescheitert. Aber
ihre „Rückname“, wie Spiegelchef Stefan Aust eigensinnig in der Hausmittelung
des Magazins buchstabiert, wird nicht so flächendeckend sein, wie sich das
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die Romantiker der neuerdings „klassisch“ genannten alten Schreibe vorstellen.
Das ist ja das Schöne. Selbst die Protagonisten der Kehrtwende sind in
ihrer Performanz viel unvollkommener, eigenwilliger und auch interessanter,
als wenn sie Normen proklamieren und sich blamieren. Zum Beispiel Peter
Müller, Ministerpräsident in Saarbrücken. Der frisch erweckte Orthografiepopulist
bekennt, wie froh er nun sei, bald wieder „Sauerststoffflasche“ mit einem
f weniger schreiben zu dürfen. Falsch, Peter. Setzen! Auch nach den Regeln
seiner alten Schreiborthopädie müssen hier drei f sein, ganz anders als bei der
bei unseren Rechthabern, so beliebten Flussschifffahrt, die nach altem Recht
mit zwei f auskommt. Ob zwei oder drei f hängt davon ab, ein Vokal oder Konsonant
folgt. Die neue Rechtschreibung hat auf diese geregelte Unregelmäßigkeit
verzichtet. Aber wer will eigentlich noch in dieses Geheimwissen eingeweiht
werden? Müssen wir diesen Regeln wirklich folgen? Warum werden nicht
die Varianten mit zwei und drei f freigegeben? Dann wäre Frieden. Die deutsche
Fehlerinquisition könnte sich wichtigeren Aufgaben zuwenden.
Die komplizierte deutsche Rechtschreibung steht ja nicht erst seit gestern am
Pranger. Denn Normalsterbliche wie Stefan Aust und Peter Müller mussten
sich nicht nur als Schüler, sondern lebenslang mit einem Schreibsystem
quälen, dessen Regeln oft nur für 60 Prozent der Fälle galten und daneben
40 Prozent Ausnahmen produzierten. Deshalb war zunächst ja auch fast jedermann
für eine Reform. Außerdem hatte das endlose Rechtschreibprojekt seit
dem kalten Krieg und später unter den Vorzeichen von Entspannungspolitik
noch eine ganz andere Funktion. Die Einheit der deutschen Sprache wahren!
Das konnte man sich in Deutschland am besten als Ergebnis neuer, einheitlicher
Rechtschreibregelungen vorstellen: Bundesrepublikund DDR zusammen
mit Österreich, der Deutschschweiz und sogar Lichtenstein im Boot.
Wie so oft gelingt eine deutsche Einigung nicht und produziert auf geheimnisvolle
Weise Zerwürfnisse, eben weil es ja immer nur die eine Wahrheit geben
darf. Irgendetwas von Religionskrieg tönt durch diesen Kulturkampf immer
noch hindurch. So wie wir auf unserem deutschen Sonderweg auch diesen nicht
enden wollenden 30-jährigen Bildungskrieg haben. Haben sich die Deutschen
mit vielen ihrer Probleme so sehr angefreundet, dass sie von ihnen nicht mehr
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– Rechtschreibreform – Reinhard Kahl5
lassen wollen? Natürlich, man könnte sagen, alles nur Sommertheater. Aber
in diesem Stück geht es inzwischen so bitter ernst und humorlos zu, wie das
wohl nur teutonische Stämme fertig bringen. Im August sind sich viele Deutsche
tatsächlich einig, es drohe wieder mal Chaos. Selbst die Fraktionsvorsitzende
der Grünen im Bundestag, Karin Göring-Eckardt sieht die ganze Sache
„zur Anarchie führen“. Wer Deutschland in diesen Tagen nur aus dem Feuilleton
kennt, der müsste tatsächlich glauben, die Basis der Kultur würde weggeätzt,
das Schlimmste droht: Beliebigkeit. Und, das scheint dort nun wirklich
das Allerschlimmste, jeder macht, was er will.
Kaum vorstellbar, dass es vor 1901 keine staatlich erlassene Rechtschreibung
gab. Damals wucherten barocke Ungetüme, zu denen auch noch unsere
Großschreibung von Substantiven gehört. Jacob Grimm, der große Wörter- und
Geschichtensammler schrieb klein, sein Bruder allerdings war da ganz anderer
Meinung. Man konnte sich entscheiden. Vielfalt war möglich.
Tatsächlich hatte bereits Duden, dessen Maxime ja hieß, „schreib wie du
sprichst“, etwas anderes bewirkt als das, was er beabsichtigt hatte. Der Vereinfachungsversuch
öffnet der großen Normierung der Schrift Tor und Tür.
Das passte hervorragend ins DIN-Zeitalter der ersten industriellen Moderne,
in der die Deutschen Weltmeister wurden. Auch die jüngste, eher zahme Rechtschreibreform
lebt noch von dem Traum einer alle Zweifelsfälle berücksichtigenden
und ordnenden zentralistischen Regelungskraft.
Der neuerliche Ausbruch eines deutschen Kulturkampfes ist ein merkwürdiges
Amalgam. Anarchistische Töne mischen sich mit der Sehnsucht nach der
eindeutigen Vorgabe, die den Schreibenden von aller Kontingenz entlasten soll.
Die List des ganzen Theaters ist doch erfreulich: Der Zwangscharakter einer
orthopädischen Schreibweise ist in Deutschland dahin. Manche nennen das
Chaos. Seit Dudens Normierung liefen wir in sprachlichen Einlagen. Ausgerechnet
die Doppelherrschaft von alter und neuer Rechtschreibung hat nun in
den vergangenen Jahren ganz unbeabsichtigt einen enormen Zivilisationsgewinn
gebracht. Die alte Leitdifferenz von „richtig – falsch“, die immer nur eine
Möglichkeit durchgehen lässt, wird nun im Alltag von der überlegenen Unterscheidung
„möglich – nicht möglich“ durchsetzt und langsam ersetzt. „Mög-
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lich – nicht möglich“, das ist etwas ganz anderes als die befürchtete Beliebigkeit,
gar Anarchie im Schreiben! Schreiben wir doch Schifffahrt mit zwei oder
drei f, mit einem f aber lieber nicht. Reicht das nicht?
Und: Wenn die Dinge nicht ganz aufgehen, dann gehen sie weiter. Und die Sprache
ist für die Überdeterminierung eines Systems, das nicht nur nach einem Algorithmus
programmiert, das beste Beispiel. Fehlertoleranz ist der wichtigste
Begriff in Theorien über lernende Organisationen.
Und seien wir ehrlich: Wer morgens die „FAZ“ liest, mit der alten Rechtschreibung,
die dort die „bewährte Rechtschreibung“ genannt wird und dann zur
„Süddeutschen“ greift, mit ihrer nach eigenen Redaktionsregeln modifizierten
neuen Rechtschreibung und dann vielleicht noch die „taz“, mit linientreuer
neuer Rechtschreibung, fällt dem überhaupt was auf? Ob achtmal nun mit oder
ohne Bindestrich geschrieben wird, groß oder klein, ist das wichtig?
Stellen wir uns doch mal Schulen vor, in denen Lehrer begründen müssen, warum
sie die Schreibweise eines Wortes als falsch anstreichen. Man wird dann
erkennen, dass es sehr oft mehrere akzeptable Möglichkeiten und vor allem,
dass es sehr unterschiedliche Arten von Fehlern gibt. Und natürlich, vieles geht
nicht. Man muss sich verständlich machen, seinen Stil finden.
Vielleicht sollten unsere Don Quijotes, die in den Krieg für die eine ganze wahre
und richtige Rechtschreibung ziehen, zwischendurch mal Goethe lesen. Wir
empfehlen als Tagesmotto: „Ihr seht schon ganz manierlich aus, kommt mir nur
nicht absolut nach Haus.“ Goethe wusste, das Absolute ist tödlich. Also halten
wir es mit dem Meister aus Weimar. Er war gar nicht zimperlich, schrieb seinen
Namen mal mit H und mal ohne, oder auch Göthe. Das sollte ein Schüler
mal wagen!
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– Rechtschreibreform – Reinhard Kahl