Fremde und Freunde – Oder: Lob des Kollateralnutzens. Am 17. Juni war der „Tag der offenen Gesellschaft“.

Erinnerungen an einen schönen Sommerabend muss man nun wirklich nicht ins Internet stellen. Aber wenn sich etwas Unerwartetes ereignet, dann regen sich das Mitteilungsbedürfnis und der Wunsch die Sache weiter zu denken.

Am 17. Juni wollten auch wir der Initiative zum Tag der Offenen Gesellschaft folgen: http://www.reinhardkahl.de/wp-admin/post.php?post=1864&action=edit

Tische raus. Ein Zeichen setzen. Reden, debattieren und die Demokratie feiern. Musizieren und singen. Mit Freunden und Fremden. Und natürlich essen und trinken. Das wollten wir mit unserem diesjährigen Sommerfest verbinden. Wenn schon, denn schon. Also eine Einladung an die Freunde in Hamburg und an die aus dem Wendland, auch Nachbarn und Interessierte aus dem Landkreis dazu bitten. Dort wohnen wir teilzeit auf dem Höhbeck. Ein schöner Ort.

Aber das Wetter kam dazwischen. Über Tage blieb für den 17. Juni die Vorhersage: Wind, Regen und eine Höchsttemperatur von 17 Grad. Dabei erwarteten wir mindestens 70 Gäste, wahrscheinlich mehr, wir wollten ja offen sein. Eine große Tafel! Aber fröstelnd im Wind und womöglich im Regen sitzen? In sich verkrochen die Offene Gesellschaft proben? Eher nicht. Wir sagten ab. Einige wollten dennoch. Das war kein Problem, weil wir mit weniger Leuten ja auch in die Scheune oder ins Haus gehen könnten.

So kam es zu einer ganz besonderen Mischung, übrigens dann doch bei 23 Grad noch am Abend. 20 Menschen, die sich zum Teil kannten und zum Teil auch nicht. Zwischen Vertrauten und Fremden entstand ein Gespräch ganz seltener Art. Aufmerksamkeit und Schönheit. Ein ganz besonderes Reden und Zuhören. Jeder erzählte seine Geschichte. Das macht man unter Freunden nicht. Man meint sich ja zu kennen. Und unter Fremden macht man das schon gar nicht, weil man sich eben nicht kennt. Dann gibt es in beiden Fällen gewöhnlich Smalltalk und Geschichtchen.

Alle, die sich nachher meldeten – und das waren ungewöhnlich viele – schwärmten von der Heiterkeit, Schönheit und Wachheit. Die Worte geraten dann leicht zu groß. Jedenfalls ging der Abend uns nicht aus dem Kopf – und den anderen auch nicht.

Ja wirklich, wie es eine Macht der Rede geben soll, die nahezu Wunder zu tun vermag, so gibt es auch eine Macht der Zuhörers, die Wunder zu tun vermag, falls er so will.“ Soren Kirkegaard

Sichtbar wurden die Schönheit und Würde von Individuen. Die nicht reduzierbare Einmaligkeit einer jeden Biographie. Zum Beispiel ein Musikwissenschaftler aus Berlin. Er war mit dem Fahrrad unterwegs. Als seine Arbeit in der Akademie der Wissenschaften (Ost) in den 90ern abgewickelt wurde, sattelte auf Jogalehrer um. Zumeist ist er in Berlin, zuweilen reist er auch über Land. An jenem Wochenende war er auf dem Weg zu einem mehrtägigen Seminar „Joga und Radfahren“ auf der Burg Lenzen, gleich auf der anderen Seite der Elbe. Er erzählte wie das Umsatteln nach heiß-kalter Ungewissheit in den 90ern am Ende zum Vorteil wurde. Ein Kollateralnutzen. Den konnten wir an diesem Abend mehrmals entdecken.

Der ehemalige Amtsleiter einer Behörde in Hamburg, nun ganz im Wendland, hat mit seiner Frau das Projekt „Mitfahrbänke“ erfunden. Es wird gerade realisiert. Sie beobachteten, was jedem im Wendland auffällt: Die Busse sind  zumeist leer – außer wenn sie frühmorgens und am Nachmittag voller Schüler sind. Die Busse fahren zu selten, als dass man aufs Auto verzichten könnte und dafür, dass sie meistens leer sind, fahren sie zu häufig. Nun werden an Bushaltestellen „Mitfahrbänke“ aufgestellt. Daneben wird eine Konstruktion mit Klappschildern angebracht, auf denen die Ziele stehen: Gartow, Lüchow, Dannenberg. Eine App ist in Arbeit. Denn wer eine Mitfahrt etwa zum Bahnhof nach Wittenberge braucht, von wo man schnell nach Hamburg kommt und noch schneller in Berlin ist, der braucht natürlich eine verlässliche Verabredung.

Wir waren uns bald darüber im Klaren, dass diese praktische Idee soziale Nebenwirkungen haben wird, die sich als die Hauptsache herausstellen könnten. Leute reden miteinander. Sie kommen ins Gespräch und lernen sich kennen. Denn nicht nur die Busse sind leer. Auch auf den Straßen in den Dörfern sieht man niemanden, fast niemanden zu Fuß. Nicht anders sieht es in Lüchow, Schnackenburg oder Dannenberg aus. Wohnen hier überhaupt Menschen?

Mal sehen, was aus dem „Mitfahrbänke“- Projekt wird. Es ist in Wahrheit wieder mal nichts anderes ist als die Verwirklichung des Selbstverständlchem, das allerdings gar nicht selbstverständlich ist.

Unterbrochen von Suppe, Vorspeise, Hauptspeise und einem wunderbaren Nachtisch, einer Zitronensuppe, die ein Höhbeck-Bewohner nach dem Rezept seiner Mutter zubereitet hatte, ging es weiter mit den Geschichten. Ein ehemaliger Ressortleiter und stellvertretender Chefredakteur beim STERN, musste gehen, nachdem er sich mit dem Chef verkracht hatte. Er wusste erst mal nicht, ob und wie ein Leben ohne den STERN  möglich sein sollte. Nun konnte man ihm ansehen, was für ein glücklicher Buchautor er geworden ist. Zweimal die Woche morgens um sechs trifft er sich mit Freunden und rudert auf der Alster. Von Jahr zu Jahr ist er jünger geworden.

Ein Gast, den wir nicht kannten, und der auch nicht viel über sich sagte, erzählte von der Dialog-Theorie des amerikanischen Physikers David Bohm, der mit Robert Oppenheimer und Albert Einstein zusammengearbeitet hatte. Später entwickelte er mit dem Theologen Martin Buber seine Dialogmethode. Das passt zum Abend als wärs bestellt und macht immer noch  Appetit auf mehr. https://de.wikipedia.org/wiki/David_Bohm .

Neben dem Dialoggast saß der Besitzer des Weinladens in Gartow. Er stammt aus Dresden – unüberhörbar – arbeitete in einer Gießerei und wurde zum gefragten herum reisenden Experten seiner Branche. Nun ist der Wein sein Ding. Und der Laden ist ein Treffpunkt. Einer der wenigen. Seine Frau hatte mal im Krankenhaus gearbeitet und wurde Beraterin und Organisationsentwicklerin für Krankenhäuser. Sie ist glücklich darüber ein neues Krankenhaus als Gesundhaus planen zu können. Die Filmemacherin, die mal die berühmte Dokumentation „Gorleben: Der Traum von einer Sache“ gemacht hatte, arbeitet nun an Projekten ihrer Tochter mit, die Spielfilme macht und mit der sie oft anderer Meinung ist. Sie ist gespannt, wozu das führt.

Das sind Ausschnitte eines wunderbaren Abends. Wir sind auf den Geschmack gekommen, wollen solche Abende wiederholen und die Tafel mit Freunden und Fremden empfehlen. Vorgenommen haben wir uns an diesem Abend, dass es am 17. Juni 2018 oder an einem anderen Tag in Sonnenwendnähe nächstes Jahr im Wendland wenigstens 100 Tafeln geben wird. Mit dem Probesitzen fangen wir bald an.

Eine gute Fügung also, dass wir die große Tafel abgesagt hatten und dass es zur kleineren Tafel und zum Austausch von Geschichten kam. Aber natürlich wissen wir nicht, was uns mit der großen Tafel entgangen ist.

Über den Kollateralnutzen haben wir noch länger gesprochen. Ihn in den Blick zu bekommen, könnte helfen die Gesellschaft offen zu halten und immer wieder zu öffnen: Was draus machen. Die Welt upcyceln.

Hier noch zwei Berichte aus den beiden Wendlandmedien, Internet und Print:

http://wendland-net.de/video/tafeln-trinken-und-ueber-die-weltevolution-diskutieren-27697

aus der Elbe-Jetzea Zeitung am 23. Juni 2017