Wunde, Wunder, Punkt. Zur Idee der Kulturellen Landpartie

Wunde, Wunder, Punkt.
Zur Idee der Kulturellen Landpartie
Von Reinhard Kahl

 

Natürlich war das Wendland für uns Hamburger von Anfang an eine Landpartie. Erst politisch und auch etwas revolutionsfolkloristisch. Dann privat und auch etwas eskapistisch. Schließlich auch kulturell und irgendwann mit etwas zu vielen Räucherstäbchen & Co. Und nun wieder politischer!

In all diesen Partien steckt das Zauberwort der Kulturellen Landpartie. Der Wunderpunkt. Das war es. Wunde und Wunder! Das hatte eine mächtige Resonanz. Für jeden eine etwas andere. Gut so.

Erst mal die Wunde. Unvergessen bei Franz Kafka, diese wunderschöne Wunde, mit der ich auf die Welt gekommen bin, das einzige, was ich habe. Wer darüber zu lange nachdenken muss, sollte daran denken, dass die Alternative zur Wunde, zumal wenn sie schlecht verheilt, die Narbe ist. Ein verwachsenes, gefühlloses Gewebe. Die Wunde kann ein Atmungsorgan sein, nicht nur für Dichter oder Künstler. Zeigt her eure Wunde, verlangte Josef Beuys.

Und dann das Wunder. Wunder gibt es auch für Atheisten. Man muss nur Hannah Arendt hören: Jeder neue Anfang wird zum Wunder, wenn er von dem Standpunkt der Prozesse, die er notwendiger Weise unterbricht, gesehen und erfahren wird.

Nun starten wir die Landpartie 2017. Wir müssen radikaler und pragmatischer werden. Beides. Also politischer. Wir haben 2016 mit Gesprächen in unserer Scheune auf dem Höhbeck begonnen bei der KLP mitzumachen. (Auch weil ein bisschen unzufrieden über zu viele Räucherstäbchen.)

2017 geht es weiter: Radikaler und pragmatischer, also politischer. Nicht ist nötiger als Neuanfänge. Die können Wunder sein.

Noch Mal Hannah Arendt: Das Wunder als ein ausschließlich religiöses Phänomen zu sehen, bei dem es nicht mit rechten Dingen zugeht, scheint mir auf einem Vorurteil zu beruhen. Bereits die Entstehung der Erde ist eine unendliche Unwahrscheinlichkeit, wie die Naturwissenschaftler sagen – ein Wunder, wie wir sagen würden.

Im vergangenen Jahr haben wir bei einem Hannah Arendt Nachmittag in unserer Scheune ihre Stimme gehört. Vielleicht sollten wir aus ihren Reden und Interviews immer wieder was einspielen, zum Beispiel aus ihrem Vortrag Freiheit und Politik, gehalten am 12. 8. 1958:

Die außerordentliche Gefahr der totalen Diktaturen für die Zukunft der Menschheit ist nicht so sehr, dass sie politisches Handeln unterbinden, als dass sie die Elemente der Freiheit und des Handelns in allen Tätigkeiten ertöten.

Gegen die fertige Welt setzen wir die Wunde und das Wunder, also den Wunderpunkt.

Gar nicht abergläubisch, sondern nur realistisch ist es, in der Politik mit dem Unvorhersehbaren zu rechnen, und Wunder dort zu erwarten, wo sie tatsächlich dauernd möglich sind. Genau das verstand Hannah Arendt unter Politik.