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Wunde, Wunder, Punkt. Zur Idee der Kulturellen Landpartie

Wunde, Wunder, Punkt.
Zur Idee der Kulturellen Landpartie
Von Reinhard Kahl

 

Natürlich war das Wendland für uns Hamburger von Anfang an eine Landpartie. Erst politisch und auch etwas revolutionsfolkloristisch. Dann privat und auch etwas eskapistisch. Schließlich auch kulturell und irgendwann mit etwas zu vielen Räucherstäbchen & Co. Und nun wieder politischer!

In all diesen Partien steckt das Zauberwort der Kulturellen Landpartie. Der Wunderpunkt. Das war es. Wunde und Wunder! Das hatte eine mächtige Resonanz. Für jeden eine etwas andere. Gut so.

Erst mal die Wunde. Unvergessen bei Franz Kafka, diese wunderschöne Wunde, mit der ich auf die Welt gekommen bin, das einzige, was ich habe. Wer darüber zu lange nachdenken muss, sollte daran denken, dass die Alternative zur Wunde, zumal wenn sie schlecht verheilt, die Narbe ist. Ein verwachsenes, gefühlloses Gewebe. Die Wunde kann ein Atmungsorgan sein, nicht nur für Dichter oder Künstler. Zeigt her eure Wunde, verlangte Josef Beuys.

Und dann das Wunder. Wunder gibt es auch für Atheisten. Man muss nur Hannah Arendt hören: Jeder neue Anfang wird zum Wunder, wenn er von dem Standpunkt der Prozesse, die er notwendiger Weise unterbricht, gesehen und erfahren wird.

Nun starten wir die Landpartie 2017. Wir müssen radikaler und pragmatischer werden. Beides. Also politischer. Wir haben 2016 mit Gesprächen in unserer Scheune auf dem Höhbeck begonnen bei der KLP mitzumachen. (Auch weil ein bisschen unzufrieden über zu viele Räucherstäbchen.)

2017 geht es weiter: Radikaler und pragmatischer, also politischer. Nicht ist nötiger als Neuanfänge. Die können Wunder sein.

Noch Mal Hannah Arendt: Das Wunder als ein ausschließlich religiöses Phänomen zu sehen, bei dem es nicht mit rechten Dingen zugeht, scheint mir auf einem Vorurteil zu beruhen. Bereits die Entstehung der Erde ist eine unendliche Unwahrscheinlichkeit, wie die Naturwissenschaftler sagen – ein Wunder, wie wir sagen würden.

Im vergangenen Jahr haben wir bei einem Hannah Arendt Nachmittag in unserer Scheune ihre Stimme gehört. Vielleicht sollten wir aus ihren Reden und Interviews immer wieder was einspielen, zum Beispiel aus ihrem Vortrag Freiheit und Politik, gehalten am 12. 8. 1958:

Die außerordentliche Gefahr der totalen Diktaturen für die Zukunft der Menschheit ist nicht so sehr, dass sie politisches Handeln unterbinden, als dass sie die Elemente der Freiheit und des Handelns in allen Tätigkeiten ertöten.

Gegen die fertige Welt setzen wir die Wunde und das Wunder, also den Wunderpunkt.

Gar nicht abergläubisch, sondern nur realistisch ist es, in der Politik mit dem Unvorhersehbaren zu rechnen, und Wunder dort zu erwarten, wo sie tatsächlich dauernd möglich sind. Genau das verstand Hannah Arendt unter Politik.

Tische raus am 17. Juni – Mit der größten Tafel der Welt die Demokratie feiern!

NACH DER KULTURELLEN LANDPARTIE IM WENDLAND GEHT ES WEITER 

Tische raus am 17. Juni – Mit der größten Tafel der Welt die Demokratie feiern!

Zum Abschluss der KLP wird in der Gesprächsscheune Brünkendorf die Initiative „Die Offenen Gesellschaft“ und ihr Projekt vorgestellt überall in Deutschland am 17. Juni um 17 Uhr die Tische rauszustellen. Eine große Tafel der Gastfreundschaft und Demokratie, eben der offenen Gesellschaft. Eine Idee auch fürs Wendland.

Die letzte Veranstaltung in der Gesprächsscheune auf dem Höhbeck am Pfingstmontag um 17 Uhr wird ein Finale mit Ausblick. Dazu kommt aus Berlin Andre Wilkens*. Er ist Mitgründer und im Vorstand von „Die offene Gesellschaft“ https://www.die-offene-gesellschaft.de/about

Das Thema: Demokratie gibt es nur dann, wenn genug Menschen für sie eintreten, aktiv, überlegt, entschieden. Die Initiative Offene Gesellschaft ist eine bürgerschaftliche Initiative ohne Parteibindung, die für das politische Gemeinwesen so eintritt, wie es im Grundgesetz formuliert ist.

KONKRET UND AKTUELL: Tische und Stühle raus am 17 Juni

Warum nicht einfach mal die Demokratie feiern? Mit einem riesengroßen Dinner, vielleicht dem größten der Welt ? !
Setzen wir mit vielen anderen Menschen im ganzen Land ein Zeichen!

Am Sonnabend, dem 17. Juni 2017 um 17 Uhr heißt es überall im Land: Tische und Stühle raus und schön eindecken! Freundinnen, Freunde, Nachbarn und Fremde einladen, essen, debattieren, feiern und gemeinsam zeigen, welches Land Deutschland sein will und sein kann. Zeitgleich auf Dorfplätzen und Rathausmärkten, auf Fußballfeldern, Bürgersteigen und Dachterrassen, in Stadtparks und Hinterhöfen setzen Menschen ein international sichtbares Zeichen für das Engagement der Bürgergesellschaft und für gelebte Offenheit, Gastfreundschaft, Großzügigkeit, Vielfalt und Freiheit.

Auf diesem Foto die große Tafel durch Freiburg als wir vom Netzwerk „Archiv der Zukunft“ in und mit dem Theater Freiburg ein Wochenende „Theater träumt Schule“ veranstaltet haben 

Auch wir, Hanna und Reinhard Kahl, werden bei uns in der Dorfstraße 1 in Brünkendorf auf dem Höhbeck am 17 Juni um 17 Uhr Tische und Stühle rausstellen. Bei Regen steht die Tafel in der nun fast zwei Wochen bewährten Scheune: Interessenten und Anmeldungen, auch wegen „Was kommt auf die Tafel“:  mail@reinhardkahl.de / Tel. 01709032689

*Andre Wilkens  hat viele Jahre in Brüssel, London, Turin und Genf gelebt und dort für die EU, Stiftungen und die UNO gearbeitet. Bis 2015 leitete er das ProjektZentrum Berlin der Stiftung Mercator. Davor hat er das Open Society Institute (OSI) der Soros Stiftung in Brüssel geleitet sowie die Aktivitäten von Soros in Europa koordiniert.  Bekannt wurde er als Autor des Buches ›Analog ist das neue Bio‹ (Fischer Taschenbuch)

KLP 2. Juni 21 Uhr Film: Orte und Horizonte – Bildung braucht Gesellschaft. Ein Film von Reinhard Kahl

Der Film kreist um den Kongress gleichen Namens, den das Netzwerk Archiv der Zukunft  im Herbst 2014 im Festspielhaus Bregenz am Bodensee veranstaltet hat.

Es ist aber beileibe kein Kongressfilm nur aus Vorträgen und Talking Heads. Man sieht und erlebt Menschen und deren Arbeit, die beim Kongress auftreten und  vorgestellt werden vor Ort. Etwa die unglaubliche Wohngemeinschaft der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen mit der Gesamtschule Ost. Man erlebt dort eine Stadtteiloper in einem Viermastzelt mit mehr als 1000 Zuschauern und fast 500 beteiligten Schülern, Künstler und Initiativen aus dem Stadtteil.

Es ist übrigens eine Stadtteil aus Betonburgen mit überwiegend Hartz-IV-Empfängern. Man erlebt in dieser Schule die Proben für die „Melodie des Lebens“, die sich über ein Vierteljahr hinziehen und in der Kinder und Jugendliche hinreißende, tatsächlich Tränen rührende Lieder entwickeln um sie mit den Musikern des Orchesters vorzutragen, das man in Asien zu den zehn besten der Welt zählt – und nicht nur dort. Die Seele der „Musik des Lebens“ ist Mark Scheibe, der am Abend darauf in unserer Scheune um 21 Uhr singt und sich am Klavier begleitet.

Der Film zeigt wie eine Schule in Potsdam mit Schülern des 7. und 8. Klassen seit Jahren eine Woche im Monat aus der Schule raus geht und am Schlänitzsee ein Gelände kultiviert, das früher ein Ferienzentrum der Stasi war. Inzwischen wird dort Gemüse und Getriebe angebaut. Was macht das mit den Jugendlichen – und auch mit den Lehrerinnen und Lehrern?

Oder eine Schule in er Schweiz, die Villa Monte, die seit 30 Jahren nicht unterrichtet und in der die Kinder und Jugendlichen „trotzdem“ und „deswegen“ viel lernen. Von keinem der Absolventen ist bekannt, dass er länger arbeitslos ist oder war. Diese Schule besucht übrigens häufig Remo Largo, der Autor, emeritierte Pädiater und Kindheitsforscher. Er entdeckt dort das Geheimnis des Gelingens.

Darüber hinaus sieht man natürlich Menschen bei einem Kongress, der sich als Selbstversuch dessen versteht, was er vorstellt, entwirft und diskutiert: Schulen, die Lebensorte werden und deshalb auch gute Lernorte sind.

 

KLP WAS SUCHT DIE KUH IN DER SCHEUNE? Kuh()nst von Friedemann von Stockhausen

WAS SUCHT  DIE KUH  IN DIE SCHEUNE?

Als wir Friedemann von Stockhausen fragten, ob er während der Kulturellen Landpartie einige seiner Bilder in unsere Gesprächsscheune hängen wollte, oder was ihm sonst zu unserem Programm einfalle, war eine Hängung an den Wänden gleich ausgeschlossen. Die landläufige Tendenz Scheunen in Kunstgalerien zu verwandeln, wolle er nicht unterstützen.

Was dann? Wir sprachen über eines der Wasserzeichen des Programms, den Seiltänzer, seine kleinen Schritte und den schon wegen seines Gleichgewichts nötigen Blicks zum Horizont. Und wir sprachen im speziellen über die Scheune in Brünckendorf; über die architektonische Klarheit und Strenge dieses besonderen Raums. Und dann über den Zweck von Scheunen im Allgemeinen. Über das Einfahren und den Schutz von Ernten. Auch unsere Gäste beweisen ja durch ihr Kommen die Bereitschaft sich „einzubringen“ und im Gespräch mitzuteilen.

Erst sollte es eine Installation mit einem Seil werden. Es gab viele Ideen was am Seil hängen könnte und was sinnbildlich für unser Bemühen, Seiltänzer zu sein, steht oder fällt.

Dann begann Friedemann sich auf seinen Beitrag zum Steirischen Herbst 2017 in Graz vorzubereiten. Er kam in Berührung mit Fellen und so auf die Kuh. Ein Tier, das gewöhnlich gar nicht mehr als Tier angesehen wird, so symbiotisch sind wir ihm in unserem Leben durch die Milch verbunden. Ein Tier, ein Körper, der in Stall und Scheune das Leben der Menschen seit undenklichen Zeiten teilte.

Und so hängt nun dieses Kuhfell unter der Scheunendecke.

Schön und einmalig in der Zeichnung, wie ein Fingerabdruck.

Ein Bild wie beim Rorschachtest, dieser zerlaufene und symmetrisch gefaltete Tintenklecks, in dem jeder etwas anderes sieht.

Was sich aber auch zeigt: jedes dieser Tiere ist ein Individuum. Für uns jedoch nichts anderes mehr als eine Ware in der Fleisch- und Milchproduktion. Oder beim sonntäglichen Ausflug in die Landschaft eine willkommene Motivbeilage.

Aber dieser Blick ist erst herauszufordern: Eine Landschaft in der Bauern Tiere, Heu und Stroh haben. Was eine Ernte ist. Unter welch lebensfeindlichen Bedingungen Lebensmittel produziert werden. Wozu Tierhaltung und Fleischfabriken führen.

Also Denken und Blicken: Schauen, Sehen, den Gedanken folgen und die Erträge ins Gespräch bringen. Ins Selbstgespräch und ins Gespräch mit anderen.

Der Künstler spannt den Rahmen. Der Rahmen begrenzt und stiftet ein Bild. Ein Bild der Imagination oder der Wirklichkeit, was es in jedem Fall braucht, ist das Auge des Betrachters.

„Es denkt, wie es regnet.“ Lichtenberg

 

AUF ZUR KULTURELLEN LANDPARTIE (KLP) – IM WENDLAND

   Vom 25. Mai (Himmelfahrt) bis zum 5. Juni (Pfingstmontag) gibt es im schönen Wendland das größte selbstorganisierte Kulturfestival Norddeutschlands, die KULTURELLE LANDPARTIE, KLP. Seit 27 Jahren sind die Dörfer und Flecken zwischen Lüchow und Danneberg, vor allem rund um Gorleben, übersät von Wunderpunkten.

Wunder! Und eben auch Wunden!

Ich habe für die Web-Seite der KLP https://www.kulturelle-landpartie.de/ueber.html ein paar Gedanken zu Wundern und Wunden beigetragen.

 

Wie im vergangenen Jahr machen wir mit. In der Scheune unseres Hauses auf dem Höhbeck nahe Gartow (Brünckendorf, Dorfstraße 1) gibt es Gespräche am Nachmittag (17 Uhr) und an einigen Tagen abends um 21 Uhr eine Spätvorstellung: Kino und Musik.

 

 

Hier unsere Programmkarte. Dieses Plakat hat zu viele Daten, deshalb bitte Klick!

 

Unseren Wunderpunkt verstehen wir als eine Art Freihandelszone. Kein Eintritt, keine Honorare für die Gesprächsgäste, für die Reisekosten und die immer unterschätzen Gemeinkosten geht der imaginäre Hut rum. Anmelden muss man sich auch nicht. Außer: an den auf der Programmkaste mit * bezeichneten Termine wollen wir nach dem Gespräch gemeinsam Kochen und Essen, also ein Symposion, wie in der Antike… Dazu bitte anmelden: 05846 – 979 405  am besten mail@reinhardkahl.de Notfalls auch 0170 903 26 89

 

 

 

Zwei Änderungen.  Am 30. Mai gibt es nicht die Filmpremiere von „Wir bauen eine neue Stadt“, statt dessen den Film „Spider-Man, Hartz-IV-Möbel und die Flüchtlinge“. Ein Film von Reinhard Kahl über Van Bo Le-Mentzel, der am Freitag, den 26. Mai der Gast ist. Dieser Film, von dem wir vor einem Jahr schon eine erste Fassung gezeigt haben, ist nun fertig. Der Film „Wir bauen…“ ist leider nicht rechtzeitig fertig geworden.

 

Am letzten Tag, den 5. Juni, wird Andre Wilkens dabei sein. Er gehört zu den Gründern und zum Vorstand der wichtigen neuen Initiative Offene Gesellschaft (Link zur Webseite die-offene-gesellschaft.de). Dazu mehr bei den Veranstaltungshinweisen.

 

Sonst läuft alles wie geplant. Wir erwarten allerdings Unerwartetes!

Auf keinen Fall verpassen die beiden Konzerte an Pfingsten!

Am Pfingstsonnabend 21 Uhr mit unserem wunderbaren Freund Mark Scheibe http://www.markscheibe.com  Bekannt u.a. von der Melodie des Lebens und vom letzten Archiv der Zukunft – Kongress in Bregenz.

HIER: Dieses Plakat hat zu viele Daten, deshalb bitte klick!
Plakat Mark Scheibe als Adobe PDF

 

Und am Pfingstmontag:

… die noch nicht ganz so berühmte Singsucht 

 

 

 

 

 

 

 


DIE GRUNDIDEE:  radikaler & pragmatischer also politischer werden

Seit das Trump Präsident geworden ist, kann niemand mehr so tun als wäre nichts. Das Trump herrscht nicht nur in Amerika. Es pumpt sich auf, wo immer das Leben als Sackgasse empfunden wird. Es breitet sich in jenem Vakuum aus, das vielerorts entsteht.

Indessen rast der Mainstream unverdrossen weiter. Es scheint als blickten die Zeitgenossen dabei am liebsten in den Rückspiegel. Retrotopien überall. Dagegen helfen auch die schönsten Demokratieparolen nichts. Nötig ist eine andere Haltung.

In der Art holländischer Landgewinnung Polder schaffen, um Boden unter die Füße zu bekommen. Netze bilden und uns zu Gesprächen, zum Handeln und zum Leben verabreden. Müssen wir nicht zugleich radikaler & pragmatischer also politischer werden? Nur zu funktionieren und das Leben zu vertagen hat keine Würde. Das verbraucht die schwindenden Ressourcen Sinn und Natur. Scheinriesen wie das Trump und verklärende Retrotopien strömen dann in die Lücken.

Lernen könnte man von Seiltänzern und von Kindern, die auf einem Mäuerchen balancieren. Ihre Schritte können gar nicht klein genug sein, wenn sie denn genau sind. Zugleich richtet sich der Blick auf den Horizont, schon um das Gleichgewicht zu halten. Wer auf seine Füße starrt, der stürzt. Vielleicht gelingt mit dem Yin und Yang von kleinsten Schritten und weitem Horizontblick eine neue Balance, um Neues zu schaffen – und Ungewisses zu wagen wie die Kinder?

INFORMATIONEN ZU DEN EINZELNEN  TAGEN HIER AUF DER HOMEPAGE
UNTER VERANSTALTUNGEN

KLP 25. Mai 17 Uhr Dieter Thomä, Das Trumpmonster: Wir brauchen bessere Störenfriede!

Wie entsteht Zukunft, die nicht nur fortgeschriebene Vergangenheit ist? Durch Störungen, sagt Dieter Thomä, der an der Universität St. Gallen Philosophie lehrt.

Dieter Thomae, deutscher Philosoph, geb. 1959 | Dieter Thomae, German philosopher, born in 1959

Störenfriede antworten auf die zuweilen verklumpten Zentren der Macht und auf die irgendwann verfestigten Muster jeder Ordnung. Aber es gibt sehr unterschiedliche Störenfriede.

Sind sie Fermente der Gärung, die Neues an den Rändern der Gesellschaft bilden? Oder entpuppen sie sich als Egomanen, Sektierer und Fanatiker, die die Destruktion auf die Spitze treiben? Diese spielen nur den Retter oder gar den Erlöser. Sie erweisen sich als Monster.  Derzeit besetzen solche  in mehreren Ländern Spitzenposten.

Im vergangen Jahr ist Dieter Thomäs viel diskutiertes Buch Per Robustus – Eine Philosophie des Störenfrieds erschienen (Suhrkamp Verlag, 716 Seiten). Er folgt diesem Wasserzeichen der Moderne von Thomas Hobbes´ „puer robustus“, dem kräftigen und widerspenstigen Knaben, bis zur unübersichtlichen Gegenwart.

Derzeit wird die Position des Störenfrieds eher von Rechts besetzt. Aber könnte der „Störenfried“ nicht zum Demokraten par excellence kultiviert werden? Ein Held der Übergänge und Verwandlungen in einer elastischen Ordnung, wie sie Thomas Jefferson vorschwebte, der die Gültigkeit von Gesetzen befristen wollte?

Die eigentlich wichtigen Dinge geschehen an den Rändern. Dort herrscht historischer Hochbetrieb. Demokratien ohne radikale Störenfriede sind jedenfalls keine.“ (Dieter Thomä)

Zur Einführung. Lesen: Philosophie Magazin http://ThomaeStoerenfriedPhilosophieMagazin5-2016 &  Neue Zürcher Zeitung  ThomaeStoerenfriedeNZZ1609

Hören: Thomä am 12. Januar 2017 im Philosophischen Café des Hamburger Literaturhaus:

Und: Am 21. Mai war Dieter Thomä Gast in der Sendung Zwischentöne im Deutschlandfunkhttp://www.deutschlandfunk.de/musik-und-fragen-zur-person-der-philosoph-dieter-thomae.1782.de.html?dram:article_id=383243

KLP 26. Mai 17 Uhr Van Bo Le-Mentzel, Hartz-IV-Möbel, die Tiny House University und: Von Kindern lernen

Van Bo Le-Mentzel mit ein paar Zeilen zu beschreiben ist nicht möglich. Es ist so vielfältig. Bekannt wurde er als Erfinder der sogenannten Hartz-IV-Möbel. Schöne Möbel zum Silberbauen, die nicht mehr als 24 € kosten und wofür auch der Ungeübte nicht länger als 24 Stunden braucht. Van Bo ist Architekt. Aber das Möbelbauen lernte in einem Volkshochschulkurs. Er wollte seiner Freundin beweisen, dass er ein Regal bauen kann. Das hatte er im Studium nicht gelernt. Inzwischen wurde er mit diesen Selbstbaumöbeln auf den Olymp des Designs, das Vitramuseum in Weil am Rhein, gebeten. Er wurde Vertretungsprofessor für Design an der HFBK in Hamburg. Im Jahr zuvor hatte er im Architekturbüro gekündigt, um Zeit für seine vielen eigenen Dinge zu haben. Dafür hatte er sich per Crowdfundig im Internet sein Stipendium erfunden. Er war also einigermaßen finanziert. Konnte er da noch ein Professorengehalt beziehen? Er verneinte das und gab sein Gehalt an die Studenten weiter. Derzeit unterrichtet er junge Flüchtlinge in Berlin. Er ist selbst als Dreijähriger von Laos mit seinen Eltern nach Deutschland geflüchtet.

Van Bo ist niemals nur der eine. Während große Schlangen von Flüchtlingen in Berlin vor dem Lageso (Behörde) standen, baute er in einem Workshop mit Kindern für die Wartenden ein kleines Haus, das „Hotel Lageso“.  In diesem Jahr hat er ein kleines Haus, das Tiny House, entworfen, das alle Grundbedürfnisse befriedigen soll. Schlafen, Tischen, Kochen und all das, wozu man einen Schreibtisch braucht.Es steht in Berlin am Bauhaus-Archiv. Andere kleine Häuser sollen dazu kommen. Was wäre, wenn wir in kleineren Häusern lebten und wenn sich mehr Leben zwischen den Häusern abspielt – wenn Leben dort entsteht?

Van Bo hat mit geringen Mitteln auch einen Spielfilm in der multireligiösen Migranten-Szene  gedreht. Und er hat gerade ein wunderschönes Buch veröffentlicht. Er schreibt davon, was er alles an und von seinem kleinen Sohn, der jetzt vier wird, alles gelernt hat. Der kleine Professor. 34 Dinge, die mich mein Sohn über das Leben, die Liebe und die Welt geleert hat. (ecowin Verlag) Er wird daraus aus etwas vorlesen. Sein Sohn, sein kleine Tochter und auch seine Frau kommen mit.

Und am 30. Mai gibt es in der Scheune einen Dokumentarfilm über Van Bo Le-Mentzel!

KLP 26. Mai 21 Uhr Film: Kinder – über das Lernende von Reinhard Kahl

Der Film ist der Versuch einen Tierfilm über Menschen zu drehen. Also beobachten. Geduldig und neugierig sein. Sich überraschen lassen. Und auf der Suche nach diesem Lerngenie, das beim Erwachsenwerden nicht verloren gehen muss. Im Gegenteil. Man könnte ja das Erwachsenwerden als Schutz und Weiterentwicklung dieser  Fähigkeit sehen, die wir Menschen  anderen Tieren voraus haben. Was heißt es eigentlich, wenn Albert Einstein auf die Frage, wie er  es sich erkläre, dass er all das bahnbrechende entdecken konnte, antwortet: Weil ich das ewige Kind geblieben bin.

Tatsche allerdings ist, dass unsere Kultur dazu neigt dieses Genie der Kinder im Laufe der Zeit zu brechen und sogar gewissermaßen abzutreiben. Manchmal durch die Dressur der Kinder zu Verwachsenen und neuerdings durch die Infantilisierungsfalle, in die im Konsum sitzt. Kinder wollen  ja vor allem eines: Immerzu tätig sein.

Dokumentation 2008  83 Minuten

KLP 27. Mai 17 Uhr Hilal Sezgin, Mit Tieren leben – artgerecht ist nur die Freiheit

Die schrecklichste aller Welten wäre eine Welt ohne Tiere
Elias Canetti

Ich wohne hier und die Schafe wohnen hier, aber wenn ich das nicht „Gnadenhof“ nenne, verstehen es die Leute nicht. Wenn sie mich fragen: „Was machst du mit den Tieren?“ und ich sage: „nichts“, ist das offenbar sehr schwer zu verstehen. Es gibt diese Idee, dass ein Tier zu etwas nutze sein muss. Dann sage ich oft: Ich bin auch zu nichts nutze. Ein Mensch hat unabhängig davon ein Lebensrecht – bei Tieren ist das auch so. Hilal Sezgin

Hilal Sezgin http://www.hilalsezgin.de ist Autorin. Nach Jahren als Kulturredakteurin bei der Frankfurter Rundschau zog es sie aufs Land. Sie fand einen Hof in der Lüneburger Heide. Dort wurde die Vegetarierin zur Veganerin. Das ergab sich aus dem Zusammenleben mit Tieren. Aus den Erfahrungen mit Tieren und der Reflexion dieser Erfahrungen. Hilal Sezgin wird davon erzählen, wie sie ihr Denken mit ihren Beobachtungen und Gefühlen in Übereinstimmung gebracht hat und damit natürlich nicht zu Ende ist. Es geht um jene Stimmigkeit, die für Kant der Kern von Vernunft ist. Ihre Bücher „Artgerecht ist nur die Freiheit“ und „Hilal Sezgins Tierleben“ (Beck) erzählen davon. Sie bezeugen eine Haltung und begründen eine Praxis!

Mein Buch ist nicht radikal“, erklärt Hilal Sezgin. „Wir schlachten weltweit in anderthalb Jahren mehr Tiere, als es jemals Menschen gab. Was also ist radikal? Das Plädoyer für ein Ende des Gemetzels – oder das Gemetzel?“

Lange grenzten sich die Menschen von den Tieren als intelligent und beseelt ab. Die anderen Kreaturen schienen für die Krone der Schöpfung geschaffen. Aber die alten Unterscheidungen werden porös. Je mehr wir über Tiere wissen, desto verwandter werden sie uns. Wir entdecken ihre Einzigartigkeit und wunderbare Vielfalt. Tier-Ethiken werden formuliert. Doch diese neue Sensibilität Tieren gegenüber bleibt überwiegend sentimental. Abgespalten von der Praxis.

KLP 28. Mai 17 Uhr Maximilian Probst, Verbindlichkeit! Aus freien Stücken!

„All das, was dem Menschen der Vormoderne Halt und Heim zu sein schien: weggeblasen. Das Individuum steht nun allein in der Pflicht für seine Welt andere zu begeistern, das heißt – denn allein will keiner bleiben – eine neue Gemeinschaft zu finden.“ Maximilian Probst

Für die Generationen der 68er und deren Nachfolger, die aus einem antiautoritären Impuls aufbegehrt und sich so gebildet haben, waren Wörter wie Verbindlichkeit oder Haltung verdächtig. Dafür gab es gute Gründe. Haltung erinnerte an Haltung annehmen und Militär. Verbindlichkeit schien eine Floskel für Kandare, fast von Freiheitsberaubung. Aber für Schulden. Solche Sekundärtugenden wurden verneint. Aber was, wenn in der Position von Verneinung verharrt wird, wenn die Geste erstarrt? Dann wird erneut die Verneinung nötig.

Maximilian Probst wurde 1977 in Hamburg geboren, wo er Philosophie, Geschichte und Germanistik studierte. Danach arbeitete er in Wien für den Passagen Verlag, übersetzte Werke von Paul Virilio, Alain Badiou und Slavoj Žižek. Seit 2011 schreibt er vorwiegend für die „Zeit“. Seine Artikel sind nie routiniert. Ob es um den Erdölsumpf geht, der Trump und Putin verbindet, um die Philosophie des Radfahrens, ums Gehen, um den Garten, um das Aristokratische an den Bewegungen eines Tennisspielers oder um Joggende Manager, an denen er zeigt, wie man das Richtige zielgerichtet falsch machen kann.

«Es ist eine seiner großen Qualitäten, dass er verbindet, was man nicht verbinden kann: das Zeitgebundene und das Zeitlose.» (Urteil der  Jury des Clemens-von-Brentano-Preises)

Anfang des Jahres erschien sein Buch Verbindlichkeit im Rowohlt Verlag

Probst schreibt:

Die Verbindlichkeit hat als Symbol den Handschlag. Hier hast du mein Wort, dass ich alles tun werde, was in meiner Macht steht, den Bund, den wir eingehen, zu halten. Aber es steht keineswegs alles in unserer Macht! Dass die Verbindlichkeit nicht mehr sozioökonomisch gedeckt ist, sondern jeder sie aus eigener Kraft aufrecht erhalten muss, bedeutet auch: Wir können ihr Scheitern nicht ausschließen. Wir müssen darauf hoffen, dass uns gelegentlich vergeben wird.
Das ist es, was sie zu einem Schlüsselbegriff unserer Zeit werden lässt: Sie weist jeglichen Fundamentalismus zurück….

Verbindlichkeit kann nicht bei den Menschenrechten halt machen kann: Sie muss auch auf kommende Generationen und deren Existenzbedingungen bezogen sein, auf die Ökologie. Ja, sie muss in letzter Konsequenz noch über den Menschen selbst hinausreichen, um ihn, neben nicht-menschlichem Leben, als Teil der Existenzbedingung der Welt im Ganzen zu umfassen. Ob uns notorisch selbstverliebten Menschen das gelingt? Danach sieht es zurzeit nicht aus. Aber es könnte nicht schaden, würden wir die Verbindlichkeit gegenüber der Natur überhaupt einmal anerkennen und ihr Gegenteil, das unverbindliche Tun und Lassen im eingeschliffenen Gefühl der Folgenlosigkeit, als eine der großen mörderischen Ideologien unserer Zeit demaskieren.

Aber was folgt daraus? Im Alltag meistens ein Zielkonflikt. Soll ich zum Termin nach München fliegen? Jeder weiß: Der CO2-Ausstoß ist beim Flugzeug um ein Vielfaches höher als bei Bahn und Bus. Jeder weiß: Die CO2-Emissionen befördern den Treibhauseffekt und heizen das Klima an. Jeder weiß: Die Erderwärmung geht mit Überschwemmungen, Dürreperioden, Hungersnöten und Wirbelstürmen einher. Jeder weiß: Vor allem auf der Südhalbkugel verlieren Menschen deshalb ihr Leben. Aber keiner will etwas davon wissen, sagt man ihm, sein Flug nach München sei keine so gute Idee.

Wie kann das sein?

Es kann sein, weil es dafür zwei ausgefeilte Strategien gibt, die immer schnell zur Hand sind. Die erste Strategie lässt sich als Adiaphorisierung bezeichnen. Der Soziologe Zygmunt Bauman versteht unter diesem Begriff einen Prozess, der moralische Gefühle zu neutralisieren vermag. Das geschieht, indem eine konkrete Tat herausgelöst wird aus der Kategorie der Handlungen, die einer moralischen Beurteilung unterliegen. Bauman macht für diesen Vorgang hauptsächlich die moderne Bürokratie und Technik verantwortlich. Es sei geradezu Kennzeichen der Moderne, „die moralische Verantwortung vom moralischen Ich auf gesellschaftlich konstruierte und verwaltete überindividuelle Agenturen zu verlagern oder durch eine freischwebende Verantwortung innerhalb einer bürokratischen ‚Niemandsherrschaft‘ zu ersetzen“.

Die zweite geradezu klassische Strategie, moralische Gefühle zu betäuben, besteht im Wegschauen. Ich habe beispielsweise noch nie einen Klimatoten gesehen, ertrunken, verdurstet, verhungert. Wie auch? Ich habe noch nie die südliche Halbkugel betreten. Das alles ist weit weg. Und was man davon hört, erreicht uns über die Medien. Auch die müssen wir nicht lesen, den Artikel in der Zeitung überblättern wir einfach, haben gerade keine Zeit dafür, der Fernsehsender lässt sich wechseln, wenn es droht, unangenehm zu werden, irgendein besserer Film kommt immer. Und: Stimmt es überhaupt, was in den Zeitungen steht, was über den Bildschirm eilt? Wir zweifeln, wir haben ja gelernt, an allem zu zweifeln. Warum nicht auch daran? Stimmt das überhaupt mit der Erderwärmung und dem CO2, haben die Dürreperioden vielleicht andere Gründe, ist nicht meist irgendein afrikanischer Despot schuld? Ruckzuck ist unser Teil der Verantwortung für die Stürme, Überschwemmung und Dürre versunken, vertrocknet, verweht. (Aus dem Buch Verbindlichkeit mehr Leseproben hier https://www.rowohlt.de/download/file2/row_upload/3499154/LP_978-3-498-05244-7.pdf.)

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