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AUF ZUR KULTURELLEN LANDPARTIE (KLP) – IM WENDLAND

   Vom 25. Mai (Himmelfahrt) bis zum 5. Juni (Pfingstmontag) gibt es im schönen Wendland das größte selbstorganisierte Kulturfestival Norddeutschlands, die KULTURELLE LANDPARTIE, KLP. Seit 27 Jahren sind die Dörfer und Flecken zwischen Lüchow und Danneberg, vor allem rund um Gorleben, übersät von Wunderpunkten.

Wunder! Und eben auch Wunden!

Ich habe für die Web-Seite der KLP https://www.kulturelle-landpartie.de/ueber.html ein paar Gedanken zu Wundern und Wunden beigetragen.

Wie im vergangenen Jahr machen wir mit. In der Scheune unseres Hauses auf dem Höhbeck nahe Gartow (Brünckendorf, Dorfstraße 1) gibt es Gespräche am Nachmittag (17 Uhr) und an einigen Tagen abends um 21 Uhr eine Spätvorstellung: Kino und Musik.

Hier unsere Programmkarte. Dieses Plakat hat zu viele Daten, deshalb bitte Klick! Karte_Br

Unseren Wunderpunkt verstehen wir als eine Art Freihandelszone. Kein Eintritt, keine Honorare für die Gesprächsgäste, für die Reisekosten und die immer unterschätzen Gemeinkosten geht der imaginäre Hut rum. Anmelden muss man sich auch nicht. Außer: an den auf der Programmkaste mit * bezeichneten Termine wollen wir nach dem Gespräch gemeinsam Kochen und Essen, also ein Symposion, wie in der Antike… Dazu bitte anmelden: 05846 – 979 405  am besten mail@reinhardkahl.de Notfalls auch 0170 903 26 89

Zwei Änderungen.  Am 30. Mai gibt es nicht die Filmpremiere von „Wir bauen eine neue Stadt“, statt dessen den Film „Spider-Man, Hartz-IV-Möbel und die Flüchtlinge“. Ein Film von Reinhard Kahl über Van Bo Le-Mentzel, der am Freitag, den 26. Mai der Gast ist. Dieser Film, von dem wir vor einem Jahr schon eine erste Fassung gezeigt haben, ist nun fertig. Der Film „Wir bauen…“ ist leider nicht rechtzeitig fertig geworden.

Am letzten Tag, den 5. Juni, wird Andre Wilkens dabei sein. Er gehört zu den Gründern und zum Vorstand der wichtigen neuen Initiative Offene Gesellschaft https://www.die-offene-gesellschaft.de/about. Dazu mehr bei den Veranstaltungshinweisen.

Sonst läuft alles wie geplant. Wir erwarten allerdings Unerwartetes!

Auf keinen Fall verpassen die beiden Konzerte an Pfingsten!

Am Pfingstsonnabend 21 Uhr mit unserem wunderbaren Freund Mark Scheibe http://www.markscheibe.com  Bekannt u.a. von der Melodie des Lebens und vom letzten Archiv der Zukunft – Kongress in Bregenz.

HIER: Dieses Plakat hat zu viele Daten, deshalb bitte klick!  mark Scheibe Bruenkendorf_mit_Logo (

Und am Pfingstmontag:

… die noch nicht ganz so berühmte Singsucht 

 

 

 

 

 

 

DIE GRUNDIDEE:  radikaler & pragmatischer also politischer werden

Seit das Trump Präsident geworden ist, kann niemand mehr so tun als wäre nichts. Das Trump herrscht nicht nur in Amerika. Es pumpt sich auf, wo immer das Leben als Sackgasse empfunden wird. Es breitet sich in jenem Vakuum aus, das vielerorts entsteht.

Indessen rast der Mainstream unverdrossen weiter. Es scheint als blickten die Zeitgenossen dabei am liebsten in den Rückspiegel. Retrotopien überall. Dagegen helfen auch die schönsten Demokratieparolen nichts. Nötig ist eine andere Haltung.

In der Art holländischer Landgewinnung Polder schaffen, um Boden unter die Füße zu bekommen. Netze bilden und uns zu Gesprächen, zum Handeln und zum Leben verabreden. Müssen wir nicht zugleich radikaler & pragmatischer also politischer werden? Nur zu funktionieren und das Leben zu vertagen hat keine Würde. Das verbraucht die schwindenden Ressourcen Sinn und Natur. Scheinriesen wie das Trump und verklärende Retrotopien strömen dann in die Lücken.

Lernen könnte man von Seiltänzern und von Kindern, die auf einem Mäuerchen balancieren. Ihre Schritte können gar nicht klein genug sein, wenn sie denn genau sind. Zugleich richtet sich der Blick auf den Horizont, schon um das Gleichgewicht zu halten. Wer auf seine Füße starrt, der stürzt. Vielleicht gelingt mit dem Yin und Yang von kleinsten Schritten und weitem Horizontblick eine neue Balance, um Neues zu schaffen – und Ungewisses zu wagen wie die Kinder?

INFORMATIONEN ZU DEN EINZELNEN  TAGEN HIER AUF DER HOMEPAGE UNTER VERANSTALTUNGEN

KLP 25. Mai 17 Uhr Dieter Thomä, Das Trumpmonster: Wir brauchen bessere Störenfriede!

Wie entsteht Zukunft, die nicht nur fortgeschriebene Vergangenheit ist? Durch Störungen, sagt Dieter Thomä, der an der Universität St. Gallen Philosophie lehrt.

Dieter Thomae, deutscher Philosoph, geb. 1959 | Dieter Thomae, German philosopher, born in 1959

Störenfriede antworten auf die zuweilen verklumpten Zentren der Macht und auf die irgendwann verfestigten Muster jeder Ordnung. Aber es gibt sehr unterschiedliche Störenfriede.

Sind sie Fermente der Gärung, die Neues an den Rändern der Gesellschaft bilden? Oder entpuppen sie sich als Egomanen, Sektierer und Fanatiker, die die Destruktion auf die Spitze treiben? Diese spielen nur den Retter oder gar den Erlöser. Sie erweisen sich als Monster.  Derzeit besetzen solche  in mehreren Ländern Spitzenposten.

Im vergangen Jahr ist Dieter Thomäs viel diskutiertes Buch Per Robustus – Eine Philosophie des Störenfrieds erschienen (Suhrkamp Verlag, 716 Seiten). Er folgt diesem Wasserzeichen der Moderne von Thomas Hobbes´ „puer robustus“, dem kräftigen und widerspenstigen Knaben, bis zur unübersichtlichen Gegenwart.

Derzeit wird die Position des Störenfrieds eher von Rechts besetzt. Aber könnte der „Störenfried“ nicht zum Demokraten par excellence kultiviert werden? Ein Held der Übergänge und Verwandlungen in einer elastischen Ordnung, wie sie Thomas Jefferson vorschwebte, der die Gültigkeit von Gesetzen befristen wollte?

Die eigentlich wichtigen Dinge geschehen an den Rändern. Dort herrscht historischer Hochbetrieb. Demokratien ohne radikale Störenfriede sind jedenfalls keine.“ (Dieter Thomä)

Zur Einführung. Lesen: Philosophie Magazin http://ThomaeStoerenfriedPhilosophieMagazin5-2016 &  Neue Zürcher Zeitung  ThomaeStoerenfriedeNZZ1609

Hören: Thomä am 12. Januar 2017 im Philosophischen Café des Hamburger Literaturhaus:

Und: Am 21. Mai war Dieter Thomä Gast in der Sendung Zwischentöne im Deutschlandfunkhttp://www.deutschlandfunk.de/musik-und-fragen-zur-person-der-philosoph-dieter-thomae.1782.de.html?dram:article_id=383243

KLP 26. Mai 17 Uhr Van Bo Le-Mentzel, Hartz-IV-Möbel, die Tiny House University und: Von Kindern lernen

Van Bo Le-Mentzel mit ein paar Zeilen zu beschreiben ist nicht möglich. Es ist so vielfältig. Bekannt wurde er als Erfinder der sogenannten Hartz-IV-Möbel. Schöne Möbel zum Silberbauen, die nicht mehr als 24 € kosten und wofür auch der Ungeübte nicht länger als 24 Stunden braucht. Van Bo ist Architekt. Aber das Möbelbauen lernte in einem Volkshochschulkurs. Er wollte seiner Freundin beweisen, dass er ein Regal bauen kann. Das hatte er im Studium nicht gelernt. Inzwischen wurde er mit diesen Selbstbaumöbeln auf den Olymp des Designs, das Vitramuseum in Weil am Rhein, gebeten. Er wurde Vertretungsprofessor für Design an der HFBK in Hamburg. Im Jahr zuvor hatte er im Architekturbüro gekündigt, um Zeit für seine vielen eigenen Dinge zu haben. Dafür hatte er sich per Crowdfundig im Internet sein Stipendium erfunden. Er war also einigermaßen finanziert. Konnte er da noch ein Professorengehalt beziehen? Er verneinte das und gab sein Gehalt an die Studenten weiter. Derzeit unterrichtet er junge Flüchtlinge in Berlin. Er ist selbst als Dreijähriger von Laos mit seinen Eltern nach Deutschland geflüchtet.

Van Bo ist niemals nur der eine. Während große Schlangen von Flüchtlingen in Berlin vor dem Lageso (Behörde) standen, baute er in einem Workshop mit Kindern für die Wartenden ein kleines Haus, das „Hotel Lageso“.  In diesem Jahr hat er ein kleines Haus, das Tiny House, entworfen, das alle Grundbedürfnisse befriedigen soll. Schlafen, Tischen, Kochen und all das, wozu man einen Schreibtisch braucht.Es steht in Berlin am Bauhaus-Archiv. Andere kleine Häuser sollen dazu kommen. Was wäre, wenn wir in kleineren Häusern lebten und wenn sich mehr Leben zwischen den Häusern abspielt – wenn Leben dort entsteht?

Van Bo hat mit geringen Mitteln auch einen Spielfilm in der multireligiösen Migranten-Szene  gedreht. Und er hat gerade ein wunderschönes Buch veröffentlicht. Er schreibt davon, was er alles an und von seinem kleinen Sohn, der jetzt vier wird, alles gelernt hat. Der kleine Professor. 34 Dinge, die mich mein Sohn über das Leben, die Liebe und die Welt geleert hat. (ecowin Verlag) Er wird daraus aus etwas vorlesen. Sein Sohn, sein kleine Tochter und auch seine Frau kommen mit.

Und am 30. Mai gibt es in der Scheune einen Dokumentarfilm über Van Bo Le-Mentzel!

KLP 26. Mai 21 Uhr Film: Kinder – über das Lernende von Reinhard Kahl

Der Film ist der Versuch einen Tierfilm über Menschen zu drehen. Also beobachten. Geduldig und neugierig sein. Sich überraschen lassen. Und auf der Suche nach diesem Lerngenie, das beim Erwachsenwerden nicht verloren gehen muss. Im Gegenteil. Man könnte ja das Erwachsenwerden als Schutz und Weiterentwicklung dieser  Fähigkeit sehen, die wir Menschen  anderen Tieren voraus haben. Was heißt es eigentlich, wenn Albert Einstein auf die Frage, wie er  es sich erkläre, dass er all das bahnbrechende entdecken konnte, antwortet: Weil ich das ewige Kind geblieben bin.

Tatsche allerdings ist, dass unsere Kultur dazu neigt dieses Genie der Kinder im Laufe der Zeit zu brechen und sogar gewissermaßen abzutreiben. Manchmal durch die Dressur der Kinder zu Verwachsenen und neuerdings durch die Infantilisierungsfalle, in die im Konsum sitzt. Kinder wollen  ja vor allem eines: Immerzu tätig sein.

Dokumentation 2008  83 Minuten

KLP 27. Mai 17 Uhr Hilal Sezgin, Mit Tieren leben – artgerecht ist nur die Freiheit

Die schrecklichste aller Welten wäre eine ohne Tiere
Elias Canetti

Ich wohne hier und die Schafe wohnen hier, aber wenn ich das nicht „Gnadenhof“ nenne, verstehen es die Leute nicht. Wenn sie mich fragen: „Was machst du mit den Tieren?“ und ich sage: „nichts“, ist das offenbar sehr schwer zu verstehen. Es gibt diese Idee, dass ein Tier zu etwas nutze sein muss. Dann sage ich oft: Ich bin auch zu nichts nutze. Ein Mensch hat unabhängig davon ein Lebensrecht – bei Tieren ist das auch so. Hilal Sezgin

Hilal Sezgin http://www.hilalsezgin.de ist Autorin. Nach Jahren als Kulturredakteurin bei der Frankfurter Rundschau zog es sie aufs Land. Sie fand einen Hof in der Lüneburger Heide. Dort wurde die Vegetarierin zur Veganerin. Das ergab sich aus dem Zusammenleben mit Tieren. Aus der Erfahrung und deren Reflexion. Sie wird davon erzählen, wie sie ihr Denken mit ihren Beobachtungen und Gefühlen in Übereinstimmung gebracht hat und damit natürlich zu Ende ist. Es geht um jene Stimmigkeit, die für Kant der Kern von Vernunft ist. Ihre Bücher „Artgerecht ist nur die Freiheit“ und „Hilal Sezgins Tierleben“ (Beck) erzählen davon. Sie bezeugen eine Haltung und begründen eine Praxis!

Mein Buch ist nicht radikal“, erklärt Hilal Sezgin. „Wir schlachten weltweit in anderthalb Jahren mehr Tiere, als es jemals Menschen gab. Was also ist radikal? Das Plädoyer für ein Ende des Gemetzels – oder das Gemetzel?“

Lange grenzten sich die Menschen von den Tieren als intelligent und beseelt ab. Die anderen Kreaturen schienen für die Krone der Schöpfung geschaffen. Aber die alten Unterscheidungen werden porös. Je mehr wir über Tiere wissen, desto verwandter werden sie uns. Wir entdecken ihre Einzigartigkeit und wunderbare Vielfalt. Tier-Ethiken werden formuliert. Doch diese neue Sensibilität Tieren gegenüber bleibt überwiegend sentimental. Abgespalten von der Praxis.

KLP 28. Mai 17 Uhr Maximilian Probst, Verbindlichkeit! Aus freien Stücken!

„All das, was dem Menschen der Vormoderne Halt und Heim zu sein schien: weggeblasen. Das Individuum steht nun allein in der Pflicht für seine Welt andere zu begeistern, das heißt – denn allein will keiner bleiben – eine neue Gemeinschaft zu finden.“ Maximilian Probst

Für die Generationen der 68er und deren Nachfolger, die aus einem antiautoritären Impuls aufbegehrt und sich so gebildet haben, waren Wörter wie Verbindlichkeit oder Haltung verdächtig. Dafür gab es gute Gründe. Haltung erinnerte an Haltung annehmen und Militär. Verbindlichkeit schien eine Floskel für Kandare, fast Freiheitsberaubung. Solche Sekundärtugenden wurden verneint. Aber wenn dann in der Position von Verneinung verharrt wird, wenn die Geste erstarrt? Dann wird erneut die Verneinung nötig.

Maximilian Probst wurde 1977 in Hamburg geboren, wo er Philosophie, Geschichte und Germanistik studierte. Danach arbeitete er in Wien für den Passagen Verlag, übersetzte Werke von Paul Virilio, Alain Badiou und Slavoj Žižek. Seit 2011 schreibt er vorwiegend für die „Zeit“. Seine Artikel sind nie routiniert, gleichgültig ob es um den Erdölsumpf geht, der Trump und Putin verbindet, um die Philosophie des Radfahrens, ums Gehen, um den Gartens, um das Aristokratische an den Bewegungen eines Tennisspielers oder um Joggende Manager, an denen er zeigt, wie man das Richtige zielgerichtet falsch machen kann.

«Es ist eine seiner großen Qualitäten, dass er verbindet, was man nicht verbinden kann: das Zeitgebundene und das Zeitlose.» (Urteil der  Jury des Clemens-von-Brentano-Preises)

Anfang des Jahres erschien sein Buch Verbindlichkeit im Rowohlt Verlag

Probst schreibt:

Die Verbindlichkeit hat als Symbol den Handschlag. Hier hast du mein Wort, dass ich alles tun werde, was in meiner Macht steht, den Bund, den wir eingehen, zu halten. Aber es steht keineswegs alles in unserer Macht! Dass die Verbindlichkeit nicht mehr sozioökonomisch gedeckt ist, sondern jeder sie aus eigener Kraft aufrecht erhalten muss, bedeutet auch: Wir können ihr Scheitern nicht ausschließen. Wir müssen darauf hoffen, dass uns gelegentlich vergeben wird.
Das ist es, was sie zu einem Schlüsselbegriff unserer Zeit werden lässt: Sie weist jeglichen Fundamentalismus zurück….

Verbindlichkeit kann nicht bei den Menschenrechten halt machen kann: Sie muss auch auf kommende Generationen und deren Existenzbedingungen bezogen sein, auf die Ökologie. Ja, sie muss in letzter Konsequenz noch über den Menschen selbst hinausreichen, um ihn, neben nicht-menschlichem Leben, als Teil der Existenzbedingung der Welt im Ganzen zu umfassen. Ob uns notorisch selbstverliebten Menschen das gelingt? Danach sieht es zurzeit nicht aus. Aber es könnte nicht schaden, würden wir die Verbindlichkeit gegenüber der Natur überhaupt einmal anerkennen und ihr Gegenteil, das unverbindliche Tun und Lassen im eingeschliffenen Gefühl der Folgenlosigkeit, als eine der großen mörderischen Ideologien unserer Zeit demaskieren.

Aber was folgt daraus? Im Alltag meistens ein Zielkonflikt. Soll ich zum Termin nach München fliegen? Jeder weiß: Der CO2-Ausstoß ist beim Flugzeug um ein Vielfaches höher als bei Bahn und Bus. Jeder weiß: Die CO2-Emissionen befördern den Treibhauseffekt und heizen das Klima an. Jeder weiß: Die Erderwärmung geht mit Überschwemmungen, Dürreperioden, Hungersnöten und Wirbelstürmen einher. Jeder weiß: Vor allem auf der Südhalbkugel verlieren Menschen deshalb ihr Leben. Aber keiner will etwas davon wissen, sagt man ihm, sein Flug nach München sei keine so gute Idee.

Wie kann das sein?

Es kann sein, weil es dafür zwei ausgefeilte Strategien gibt, die immer schnell zur Hand sind. Die erste Strategie lässt sich als Adiaphorisierung bezeichnen. Der Soziologe Zygmunt Bauman versteht unter diesem Begriff einen Prozess, der moralische Gefühle zu neutralisieren vermag. Das geschieht, indem eine konkrete Tat herausgelöst wird aus der Kategorie der Handlungen, die einer moralischen Beurteilung unterliegen. Bauman macht für diesen Vorgang hauptsächlich die moderne Bürokratie und Technik verantwortlich. Es sei geradezu Kennzeichen der Moderne, „die moralische Verantwortung vom moralischen Ich auf gesellschaftlich konstruierte und verwaltete überindividuelle Agenturen zu verlagern oder durch eine freischwebende Verantwortung innerhalb einer bürokratischen ‚Niemandsherrschaft‘ zu ersetzen“.

Die zweite geradezu klassische Strategie, moralische Gefühle zu betäuben, besteht im Wegschauen. Ich habe beispielsweise noch nie einen Klimatoten gesehen, ertrunken, verdurstet, verhungert. Wie auch? Ich habe noch nie die südliche Halbkugel betreten. Das alles ist weit weg. Und was man davon hört, erreicht uns über die Medien. Auch die müssen wir nicht lesen, den Artikel in der Zeitung überblättern wir einfach, haben gerade keine Zeit dafür, der Fernsehsender lässt sich wechseln, wenn es droht, unangenehm zu werden, irgendein besserer Film kommt immer. Und: Stimmt es überhaupt, was in den Zeitungen steht, was über den Bildschirm eilt? Wir zweifeln, wir haben ja gelernt, an allem zu zweifeln. Warum nicht auch daran? Stimmt das überhaupt mit der Erderwärmung und dem CO2, haben die Dürreperioden vielleicht andere Gründe, ist nicht meist irgendein afrikanischer Despot schuld? Ruckzuck ist unser Teil der Verantwortung für die Stürme, Überschwemmung und Dürre versunken, vertrocknet, verweht. (Aus dem Buch Verbindlichkeit mehr Leseproben hier https://www.rowohlt.de/download/file2/row_upload/3499154/LP_978-3-498-05244-7.pdf.)

KLP 29. Mai 17 Uhr Helmut Schreier, Öffentlichkeit schaffen! Die Aktualität der Demokratieidee von John Dewey

John Dewey gehört zu den Theoretikern, die man wieder lesen sollte, die wieder zu entdecken sind. Und da niemand ja mit dem, was man alles lesen sollte, hinterher kommt, ist es ein Glück, wenn jemand seine Lebenszeit unter anderem  für John Dewey genutzt hat und außerdem ein gutes Gedächtnis und einen dialogischen Verstand hat. Dieser Jemand ist Helmut Schreier. Viele Jahre war er in der Hamburger Universität Professor in den Erziehungswissenschaften. Nun lebt er überwiegend in Quickborn, mitten im Landkreis.

Er ist Autor und Co-Autor von über 30 Büchern zur Erziehungsphilosophie und Umwelterziehung. Er war mehrfach Gastprofessor in den USA und Kanada und hat als pädagogischer Berater in arabischen und afrikanischen Ländern und in Asien gearbeitet. Wir könnten also mehre Gespräche mit ihm ansetzen. Vielleicht kommt das ja auch dabei heraus, denn es geht darum Öffentlichkeiten zu schaffen. Öffentlichkeiten in den verschiedenen  Aggregatzuständen: Beim guten Abendessen, in der Scheune, auf dem Marktplatz, bei der Demo, in den Medien: eben das große Gespräch, die vielen Gespräche zwischen der kleinsten Form, die Plato das „Gespräch zwischen mir und mir selbst“ nannte, also dem Denken, und den weiten Diskursen der Gesellschaft.

Dazu gehört auch unser Selbstversuch in der Scheune in Brückendorf während der Kulturellen Landlandpartie.

Und damit sind wir auch schon ganz nah an John Dewey. Er war ein selten vielseitiger Philosoph und Pädagoge. Er war vor allem Demokrat. Demokratie war der gemeinsame Nenner seines umfangreichen Werkes. Er lebte von 1859 bis 1952 in den USA, war einer der Begründer der Reformpädagogik, übrigens einer kaum fürs Sektiererische anfälligen, und einer Philosophie, die man pragmatisch nennt. Aber was heißt das eigentlich?

Die Praxis bildet den Ausgangs- und Bezugspunkt alles Theoretisierens. Dessen Wert erweist sich einzig in dem, was es zur Verbesserung der Praxis und zur Verbesserung der Bedingungen beizutragen vermag, unter denen sich das gesellschaftliche Leben der Menschen unter bestmöglicher Anwendung ihrer Intelligenz entfalten kann. Schreibt Helmut Schreier in: John Deweys demokratischer Glaube, Freiburg 2016 (Derk Janßen Verlag)

KLP 30. Mai 17 und 21 Uhr, Film

Programmänderung !

Der angekündigte Film Wir bauen eine neue Stadt schwitzt noch im Schnittcomputer. Das ist schade, aber wie meine Großmutter meinte, man weiß nie, wofür´s gut ist. Es gibt nun den Film Spider-Man, Hartz-IV-Möbel und die Flüchtlinge zu sehen, der mir vielleicht bisher mein liebster ist. Knapp 60 Minuten über und vor allem mit Van Bo Le-Mentzel. Er ist bereits am Freitag, den 26. Mai, der Gast bei den Gesprächen in der Scheune http://www.reinhardkahl.de/wp-admin/post.php?post=1663&action=edit
Eine noch unfertige, kürzere Vorabfassung dieses Films haben wir schon vor einem Jahr während der KLP gezeigt. Er wurde noch erweitert. Mehr über Van Bo in der Ankündigung für den 26. Mai.


Van Bo ist eine Mensch, der in besondere Weise aus seinen Flüchtlingswurzeln, und das sind ja gekappte Wurzeln, Kraft und eine  ungemeine Phantasie bezieht. Ein Mensch, der den Grundideen unserer KLP-Veranstaltung sehr nahe kommt. Er ist pragmatisch und radikal. So entsteht eine gänzlich unideologische politische Haltung. Er ist dauern dabei jene Polder (im Sinne der holländischen Landgewinnung) zu bilden, die uns Boden unter den Füssen verschaffen, ein Boden von anderer Textur als der unter Verwertungs- und Optimierungsimperativen stehende Grund unseres Alltag. Ob Möbel erfinden und bauen oder an der Kunsthochschule lehren oder Flüchtlingskinder unterrichten, ob als Autodidakt einen Film drehen und den Film dann am Laptop mit seinem kleinen Sohn im Bällebad eines Familienzentrums liegend schneiden….  Van Bo wagt Schritte ins Ungewisse, ja sogar ins Nichts, und siehe, es wächst ihm Grund unter den Füßen. Dann hat er etwas Heiliges. Etwas Heiliges für Atheisten. Zugleich ganz irdisch unheilig und vor allem unprätentiös. Eben ein Mensch und nie ein Darsteller.

KLP 1. Juni 17 Uhr, Von der Freiheit des Migranten, Texte von Vilem Flusser

Migration ist eine kreative Situation. Und eine schmerzhafte. Wer die Heimat verlässt (aus Zwang, oder aus freier Wahl, beides ist schwer zu unterscheiden), leidet. Denn tausend Fäden verbinden ihn mit der Heimat, und wenn diese durchschnitten sind, ist es, als hätte ein chirurgischer Eingriff stattgefunden, schrieb Vilem Flusses 1994 in seinem Buch Von der Freiheit des Migranten, Einsprüche gegen den Nationalismus (Bollmann Verlag).

Flusser war zeitlebens Migrant. Er sah diese Erfahrung nicht nur als schmerzlich an, sondern als Möglichkeit für neue Erfahrungen, als die Chance die (schmerzhafte) Trennung zu überwinden und sich sein eigenes Leben und seine Nächsten frei zu wählen. Dabei verwandelte er die Frage frei wovon? in die Frage  frei wofür? Denn der Mensch ist frei, weil er sich mit einer unvorhersehbaren und unerklärlichen Bewegung gegen seine Bedingungen empören kann und sie verändern kann.

Flussers Theorie des Mirgranten ist nicht aus der Fernsicht auf die Welt entstanden, sondern am eigenen Leib.  Er beglaubigt sie mit seiner Praxis. Er brachte ideenreich Neues zur Welt. Als Autor, also Urheber, aber auch in alter Philosophentradition wie eine Hebamme, die Geburten ermöglicht, die sie weder gezeugt noch ausgetragen hat.

Gewiss ist seine Biographie privilegiert im Vergleich zu den Elends- und Kriegsflüchtlingen heute. Der in Prag geborene musste  1939 vor den Nazis fliehen. Über London gelangte er 1940 schließlich nach Brasilien, wo er bis 1972 blieb. Aber auch aus Brasilien musste er aufgrund der dort herrschenden Diktatur emigrieren, bis er sich nach einem einjährigen Zwischenaufenthalt in Meran schließlich in Robion, Südfrankreich, niederließ. Frei zu sein bekam für ihn eine ganz buchstäbliche und zugleich hoch metaphorische Bedeutung.  Wir Migranten sind die Fenster, durch welche die Einheimischen die Welt sehen können… A man is not a tree.  Die  Freiheit des Migranten hat somit etwas Paradigmatisches. Sie bedeutet los zu lassen und sogar der geheimnisvollen Fäden, welche ihn an die Heimat binden abzuschneiden. Dieser Schnitt ermöglicht auf den geheimnisvollen und zunächst bedrohlichen Fremden zuzugehen. Er ermöglicht es eine völlig neue Welt zu sehen und zu erfahren.

Damit ändert sich der Begriff von Heimat. Wohnen kann der mensch überall und irgendwo muss er wohnen. Aber Heimat? Sind das am Ende nicht vor allem die anderen? Jedenfalls ist es nicht die „Heimat“. Die wurde erst komplementär zu den Vertreibungen in der Moderne erfunden. Dazu gehört in gewisser Weise auch die Flucht vom Land in die Städte.  Vor allem verwirft Flusser die Nation als Mega-Heimat. Er fragt, was ist die Nation? Von Frankreich aus gesehen ist jeder Staat ein Nationalstaat, weil ‚Nation‘ statt ‚König‘ steht. Von Deutschland aus (von wo das ‚Volk‘ herkommt) gibt es drei Staatstypen: 1) ein Volk, ein Reich und womöglich ein Führer, 2) ein Volk und einige Reiche und 3) ein Reich und mehrere Völker.

Das sind Überlegungen des 1920 Geborenen und 1991 bei einem Unfall tragisch Umgekommenen, die nun wieder aktuell werden: Der Nationalismus ist ein Gespenst, das in verschiedenen Gestalten aus dem Abgrund auftaucht, der sich beim Zusammenbruch der politischen Vernunft (raison d‘ etat) öffnet und es ist ihm mit Vernunft nicht beizukommen.

Wir werden an Hand von Textauszügen Gedanken von Flusser diskutieren, ihnen widersprechen, sie modifizieren, kurz: sie uns tätig aneignen. Dabei wird auch ein brandneuer Text eine Rolle spielen. Der Berliner Autor Daniel Schreiber hat einen erhellenden Essay geschrieben: Zuhause – Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen: War das Gefühl des Zuhauseseins früher mit dem konkreten Ort verbunden, aus dem wir stammen, schreibt er, ist es heute eher mit einem imaginären Ort verknüpft, zu dem wir hinwollen.

Wenn es stimmt, dass Menschen Wurzeln und Flügel brauchen, wie Goethe in Anlehnung an persische Traditionen schrieb, ist diese Spannung heute gefährdet und häufig abhanden gekommen. Sind die Wurzeln gekappt, werden die überanstrengten Flügel bald lahm.

Der Essayist und Kunstkritiker Daniel Schreiber, dessen Arbeit über Susan Sonntag international Resonanz fand und der in seinem sehr persönlichen Essay Nüchern. Über das Trinken und das Glück Auskunft gab, berichtet von seiner Einsamkeit an den vorübergehenden Sehnsuchtsorten New York und London und spürt seinem „zuhauselosen Zuhause“ in Mecklenburg-Vorpommern nach, um sich in Berlin schließlich eines zu schaffen.

Allerdings, schreibt er: Manchmal müssen Dinge, die zerbrochen sind, auch zerbrochen bleiben. Manche Dinge gehen im Leben nicht auf. Er fragt, ob in der Wurzellosigkeit eine Form von Würde liegt und begnügt sich dann mit einem Zuhause, das gut genug ist. Dieses gut genug entlastet und ist kein letztes Wort: Zu Hause sein bedeutet unvollkommenes und beständiges Ankommen, ein Ankommen, von dem wir uns selbst immer erzählen müssen.

2. Juni 21 Uhr Film: Orte und Horizonte – Bildung braucht Gesellschaft. Ein Film von Reinhard Kahl

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