Das Philosophische Café / 11. 3. 2004 19´00
Thema: Auf der Suche nach dem Glück in der Moderne
Gast: Dieter Thomä
Reinhard Kahl moderiert
„Wie das Glück von dieser Welt ist, so ist auch das Unglück von dieser Welt – und nichts kann als Grund dafür herhalten, die Welt schlechthin für ein Unglück zu halten.“ Dieter Thomä
Glück ist ein Versprechen auf das moderne Philosophen nicht mehr bauen wollen. Hegel meinte „Perioden des Glücks“ seien die „leeren Seiten im Buch der Weltgeschichte“ und Nietzsche rief: „Trachte ich nach dem Glücke? Ich trachte nach meinem Werk.“ Freud ging noch weiter. „Dass der Mensch glücklich sei,“ dementierte er, sei nicht „im Plan der Schöpfung enthalten“. Tatsächlich trieben im 20. Jahrhundert politische Programme mit dem Ziel, den Himmel auf Erden zu errichten, die Welt an den Rand der Hölle. Nach Auschwitz geriet die Rede vom Glück sogar in den Verdacht der Komplizenschaft. „Noch der Baum, der blüht, lügt,“ schrieb Adorno. Und heute entwickeln viele Zeitgenossen angesichts des Gedankens an die Möglichkeit des Glücks eine Art Verlustangst, als komme ihnen ohne Probleme oder gar Katastrophen das Entscheidende abhanden. Sollte man da nicht lieber auf das große, unglückliche Wort verzichten?
Nobelpreisträger Imre Kertész, der als Fünfzehnjähriger ins Konzentrationslager deportiert worden war, erinnert sich im „Roman eine Schicksallosen“: „Sogar dort, bei den Schornsteinen, gab es in der Pause zwischen den Qualen etwas, das dem Glück ähnlich war.“ Der Philosoph Dieter Thomä wählt den Schriftsteller Kertèsz zu einem Gewährsmann, um dem Glück in den Trümmern der Moderne eine zweite Chance zu verschaffen. Wird es nicht Zeit zu fragen, ob das Unglück wirklich das letzte Wort behalten darf? Soll das Versprechen auf Wunscherfüllung vollends in die Macht der Werbung gehen? Dürfen die Diskurse über das Gelingen der Ratgeberliteratur überlassen werden?
Dieter Thomä ist Professor für Philosophie an der Universität St. Gallen. Er schrieb zuletzt „Vom Glück in der Moderne“ (Suhrkamp)