Reinhard Kahl
Der Vorteil verschieden zu sein
Bildung nach der Industriegesellschaft
Vortrag mit Filmeinspielungen – Diskussion
Hannover / Didacta / 15. Februar
Alle Debatten über
Bildung sind offene oder heimliche Selbstgespräche der Gesellschaft über ihre
Zukunft. Bisher trugen Schulen die Signatur der Industriegesellschaft. Was wird
ihre Signatur in Zukunft sein?
Seit einigen
Jahren ist ein Umbruch zu beobachten. Debattenstichworte dafür sind die
„Individualisierung des Lernens“ und Schulen, die „Lebensorte“ werden sollen. Die Schulen selbst verstehen sich dabei
mehr und mehr als institutionelle Individuen, weniger als nachgeordnete
Behörden oder gar als Anstalten. Sie werden lernende Organisationen mit
Eigensinn und einer Biografie. Beispiele dafür sind jene, die in den letzten
Jahren mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurden.
Waren Deutsche
Schulen im 19. Jahrhunderts für viele Länder Vorbild, so könnten diese neuen
Strömungen die Diskurse über gelingende Bildung auch anderswo befruchten, so
wie sich innovative Pädagogen aus Deutschland in anderen Ländern umgesehen
haben.
Wären nicht - zumal
im Kontext von Bildung - globale Lerngemeinschaften nötig, wie sie schon vor
Jahren Wolf Lepenies (damals Rektor des Wissenschaftskollegs Berlin) verlangt
hatte?
Wären Schulen nicht
als Schauplätze jener „Glokalisierung“
zu verstehen, von der Ulrich Beck spricht, also Orte einer Lokalisierung mit einem Globalisierungs-G
als Vorzeichen? Schulen die Zugehörigkeit und Heimat versprechen, damit die
Kinder und Jugendlichen wagen sie selbst zu werden und sich aus dieser
Sicherheit heraus und mit Neugier ins Neuland wagen?
Goethe hatte auch
dazu einen schönen Spruch: „Kinder
brauchen Wurzeln und Flügel“. Das schrieb er im Westöstlichen Diwan. Er
hatte das Bild aus dem Persischen importiert. Das war also auch schon das
Ergebnis eines Dialogs in einer globalen Lerngemeinschaft.