Thema: Die Verfeinerung der
Deutschen
Gast: Erwin Seitz
Reinhard Kahl moderiert
Dass Entscheidende
ist, dass ich ein Gastwirtsohn bin, dass man nie in einem kleinen, privaten Haushalt
aufgewachsen ist, sondern immer inmitten der Leute.
Erwin Seitz ist gelernter Metzger und Koch, er studierte
Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie und hat nun 800 Seiten über die Verfeinerung der Deutschen geschrieben
(Insel). Selten verkörperte und beglaubigte ein Autor so sehr seine These.
Es geht es ums Essen, Kochen und Genießen. Seine Spurensuche
führ zunächst ins Mittelalter und in die Renaissance, also in Zeiten, da die Ausdifferenzierung des Genusses und
der Lebensformen zumindest für Menschen, die nicht im Schatten standen, zu
höchster Verfeinerung kam. Man erfährt aber auch von den Askese-Predigten eines
Martin Luther und davon, wie seine Frau den zunächst widerwilligen Reformer mit
der Raffinesse ihrer Küche verführte. Aber von dieser Gegenreform wurde wenig
überliefert. Wirksamer wurden preußische Tugenden. Friedrich Wilhelm der Erste hielt solche Dinge für Larifari, das nur
viel Geld kostete und die vermeintlich notwendige Aufrüstung der Armee
behinderte. Er hielt sich an das uralte Rezept: Schraube das kulturelle Niveau
auf allen Gebieten herunter, dämme die sinnliche Lebendigkeit der Menschen so
weit wie möglich ein, drille die Leute, mache sie gleichförmig, dann kannst Du
sie beherrschen.
Man sollte sich wieder an Horaz erinnern. „Sapere aude!“,
das später zum Aufklärungsruf wurde, Wage es, vernünftig zu sein oder
bei Kant, Habe Mut, dich deines eigenen
Verstandes zu bedienen, hieß bei dem römischen Dichter ursprünglich Wage es zu schmecken. Sapere hieß erst im übertragenen Sinn Weisheit erlangen. Es geht also darum
auf den Geschmack der Welt zu kommen. Das beginnt mit den Sinnen und am eigenen
Leibe.
Seitz Spurensuche führt in die vielfältigen deutschen
Regionen und bis zur Gegenwart. Gute Küche war regional. Wenn wir nun im
Zeitalter der Glokalisierung (Ulrich Beck) vielleicht eine
Lokalisierung mit einem Globalisierungs-G vor uns haben, dann kommt Seitzens
Erinnerung an die Verfeinerungen des guten Lebens gerade wie gerufen.