philosophisches café 31.
oktober 2011
Thema: Den Gefühlen auf der
Spur
Gast: Ute Frevert
Reinhard Kahl moderiert
„So wie jede andere
Kapitalform kann man Gefühle erzeugen, bearbeiten oder manipulieren. Gefühle
sind heute in gewisser Weise zu einem Kapital geworden, das es zu managen gilt.“
Sind sie das Tiefste oder das Oberflächlichste? Sind sie ein
Gewebe aus intuitiven Gewissheiten oder ein unzuverlässiger Nebel, den der
Verstand aufzulösen hat? Oder sind sie vielleicht das alles und noch viel mehr?
Gefühle sind so tief in den Leib eingeschrieben, wie in die
Geschichte. Sie sind die Grammatik unserer Wahrnehmungen und Beziehungen.
Gefühle sind zwischen den Menschen. Zwischen ihnen entsteht Welt. Dort werden
sie modelliert, in Traditionen verwandelt und ummodelliert. Sie sind jedenfalls
nicht nur private Regungen.
Die Historikern Ute Frevert geht den Gefühlen in einem
Forschungsprojekt am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung nach. Schon in
früheren Arbeiten über Ehre und Vertrauen war sie ihnen auf der Spur. So war ein
klassisches Stereotyp Frauen seien emotional, irrational und empfindlich.
Männer hingegen seien kontrolliert, rational und sachlich. Aber schon in ihren
Studien über das 19. Jahrhundert konnte Ute Frevert zeigen, wie Männer ihre
Leidenschaften pflegten - besonders in der Politik.
In ihrem Forschungsschwerpunkt am Max-Planck-Institut
blicken Ute Frevert und ihre Arbeitsgruppe nach Indien als Vergleichsraum. Sie
untersuchen wie Menschen dazu erzogen wurden, bestimmte Gefühle zu haben, sie
zu zeigen oder zu unterdrücken.
Gefühle sind so wenig privat wie unschuldig. Sie sind
bevorzugter Gegenstand von Manipulationen und Instrumentalisierungen in Politik,
Wirtschaft und im Privaten.
Die Historikerin Ute
Frevert lehrte nach Jahren in Bielefeld und Konstanz von 2003 bis
2007 an der Yale University. Seit 2008 ist sie Direktorin des Bereichs
"Geschichte der Gefühle" am Max-Planck-Institut für
Bildungsforschung in Berlin. Zuletzt erschien: „Gefühlswissen – Eine
lexikalische Spurensuche in der Moderne“ (Campus). In diesen Tagen erscheint: „Emotions in History – Lost and Found“ (CEU
Press, Budapest & New York)