philosophisches café
21. Juni 2011 19 Uhr
Das
Gespenst des Kapitals
Gast: Joseph Vogl
Reinhard Kahl moderiert
„Märkte erzeugen
Wildnis.“ Joseph Vogl
„Alle
arbeiten sie für die Zukunft. Dieser opfern sie das Daseyn und die Zukunft macht
bankrott.“ Arthur Schopenhauer
Der Markt regelt es. Der Markt gleicht aus. Der Markt ist
rational. Und er ist gerecht. Wie die Glockenkurve in der Gaußschen
Normalverteilung zieht er die Extreme in die Mitte. Das sei bestenfalls die
halbe Wahrheit und in Gänze ein Mythos, argumentiert der Literatur- und
Kulturwissenschaftler Joseph Vogl. Märkte sind vielmehr wie das Wetter, voller
Turbulenzen. In den Glaubenssätzen der Ökonomen findet er die unaufgeklärte
Diesseitsreligion an nicht versiegende Ressourcen und an ein Wachstum ohne
Grenzen. „Man hat auf eine endlos
fortgesetzte Zukunft gesetzt, gleichzeitig aber ihre Ressourcen verbraucht und
die gegenwärtige Nutzung der Zukunft hat den Vorrat an gegenwärtig verfügbarer
Zeit ausgeschöpft.“
Dieses Himmel und Hölle Spiel wird in Finanzmärkten
turbulent, die sich zeitweise von der stofflichen Produktion lösen und mit dem
Mittel des Kredits die Geldmengen vergrößern, als würden sie Geld drucken. Dann
werden Kredite nicht mehr auf Waren oder Leistungen, sondern auf die Zukunft
genommen. Aber was passiert, wenn die Zukunft nicht mehr weit und immer weiter
wird? Wie wird abgerechnet, wenn Virtuelles in Reales zurück getauscht werden
soll? Dann erweist sich die kapitalistische Ökonomie als „voranlaufende Verpfändung der Zeit.“ Wenn diese Ökonomie nicht mehr nur die Märkte und die
Arbeit, sondern die Lebenswelt erfasst hat, tritt dann an die Stelle des
Widerspruchs von Kapital und Arbeit ein Antagonismus von Kapital und
Lebenswelt?
„Während nämlich
Finanzmärkte nach irdischer Unaufhörlichkeit streben, während sich Subjekte
über ihre eigene Endlichkeit hinweg träumen, wird dieses chrematische Streben
stets durch fixe Termine, fällige Zahlungen heimgesucht. Ökonomische Zeit ist
maßlos, leer, unbestimmt, historische Zeiten sind angefüllt, konkret,
irreversibel und beschränkt.“
Joseph Vogl hat an der Humboldt Universität zu Berlin den
Lehrstuhl für Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaft inne und ist Permanent Visiting
Professor in Princeton. „Das
Gespenst des Kapitals“ ist im diaphanes Verlag erschienen. Die FAZ nannte das Buch „so wirksam wie
ein Crash.“