Thema: Erwachsene Idealisten, Gast:Susan Neiman
Reinhard Kahl moderiert
„Die Aufforderung, die Welt, so wie sie ist, zuakzeptieren, istkein Zeichen von Reife, es ist schlicht Kapitulation.” Susan Neiman hat einPlädoyer aus Empörung, voller Hoffnung und auf den breiten Schultern derAufklärung verfasst: „Moralische Klarheit – Leitfaden für erwachseneIdealisten.”
Sie istempört darüber, „dass wir unsere wichtigsten Begriffe ausgerechnet denjenigenüberlassen, die sie am meisten missbrauchen.” Damit meint sie vor allem dieamerikanische Rechte und deren Kampf für Ideale. Diese verlangt sie für dieAufklärung zurück und widerspricht einer verbreiteten scheinbar pragmatischenAbgeklärtheit, die einwendet: „Sei doch realistisch.” Für sie heißt das: „Schraubedeine Erwartungen herunter. Die Welt wird dich enttäuschen, versuch also bessergar nicht, deine Vorstellungen zu verwirklichen.”
Susan Neiman studierte Philosophiein Harvard und an der FU Berlin. Sie war Professorin in Yale und an derUniversität Tel Aviv, bis sie in Potsdam die Leitung des Einstein Forumsübernahm. Bekannt wurde ihre Untersuchung über das Böse. Im Buch „MoralischeKlarheit” sammelt Neiman die großen Gedanken der Aufklärung und macht sich auchgegen die Gleichgültigkeit und den Zynismus ehemaliger Linker stark. „SolangeIdeen über das Mögliche von Ideen über das Wirkliche begrenzt werden, hat keineandere Idee eine Chance.” Es geht also um eine Haltung. Es geht um dieWiederentdeckung eines „Möglichkeitssinns”, von dem Robert Musil sprach. Esgeht um das Duo von Vernunft und Leidenschaft. Es ist keine Übertreibung, dassSusan Neiman dieses Duo verkörpert wie wenige andere. Abgeklärten Realismushält sie für Trägheit. Sie setzt nicht auf faden Optimismus, sondern aufHoffnung. Das ist etwas ganz anderes. Und sie setzt auf Ideen und Ideale.„Natürlich widerstreiten Vernunftideen den Behauptungen der Erfahrung. Dazusind Ideen ja da.” Ihr Buch „Moralische Klarheit – Leitfaden für erwachseneIdealisten“ ist in der Hamburger Edition erschienen