Fast wurde es zum pädagogischen Unwort: Das Üben. Höchste Zeit, es zu rehabilitieren? Allerdings nicht ein Üben von der Art, wie Linkshänder zu Rechtshändern umgeschult wurden. Kein Exerzieren, das den Eigensinn bekämpft. Eher Exerzitien damit Eigensinn zur Welt kommt.
Üben gilt zumeist als gestrig, als das Gegenteil von Entdeckerlust und Selbstverwirklichung. Doch Üben bedeutete bis zum Anbruch des Industriezeitalters, sich ständig zu verbessern. Es bestand im Wechsel von Wiederholen, Variieren, Wiederholen. Diese Einheit zerbrach im 19. Jahrhundert. Das Variieren wurde schwächer, bis es aus dem Üben ganz verschwand und nur noch als Fehler zurückblieb. Das Üben wurde aufs Wiederholen beschränkt und strikt aufs richtige Ausführen des vorher eindeutig Definierten ausgerichtet.
Doch Üben ist für das Wollen ebenso wichtig wie für das Können. Sloterdijk hat viele starke Übungstraditionen frei gelegt, von denen keine einfach übernommen werden kann. Wie unser Bildungssystem von einem gewandelten Verständnis des Übungs-Begriffs profitieren könnte, soll in dieser Veranstaltung thematisiert werden.
Die Wiederentdeckung des Übens ist Thema des neuen Buches von Peter Sloterdijk »Du musst Dein Leben ändern« (Suhrkamp Verlag, 2009).
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