philosophisches café 23. februar 2010
Thema: Geld, Magie, das Maß und Goethe
Gast: Hans Christoph Binswanger
Reinhard Kahl moderiert
Die moderne Wirtschaft: Fortsetzung der Alchemie mitanderen Mitteln.
Hans Christopf Binswanger
Der Zusammenhang von Wirtschaft und mittelalterlicherAlchemie klingt zunächst selbst etwas dunkel, vielleicht sogar sektiererisch? Falsch.Hans Christopf Binswanger, emeritierter Wirtschaftswissenschaftler an derrenommierten Universität St. Gallen, hat die ökonomische Theorie des Geldeserweitert. Sein bekanntester Schüler ist Josef Ackermann, Chef der DeutschenBank, der bei ihm über Geldschöpfung promoviert hat.
Binswanger ist Grenzgänger. Erhat sich mehr und mehr der Umwelt- und Ressourcenökonomie zugewandt und dasModell einer ökologischen Steuerreform entworfen. Der Titel seines jüngstenBuches ist Programm: Vorwärts zur Mäßigung.
In seinem früheren Buch Geld und Magiedeutet er die moderne Wirtschaft anhand von Goethes Faust. Kennzeichen der Magie ist, dass etwasmühelos, ohne Einsatz geschieht, und das sehr schnell und praktisch unbegrenzt.Mit der Lizenz Geld zu drucken wurde eine maßlose Beschleunigung in Ganggesetzt. Der Mensch setzt sich an die Stelle derZeit. Damit wurde das Bewusstsein von der Begrenztheit aller Ressourcen untergraben.Das ist der Pakt mit Mephisto: Die Zeit sollihm verlorengehen, wenn er den höchsten Augenblick erreicht. Den erreicht Faust, als er meint, dauerhaftesWirtschaftswachstum verwirklicht zu haben. Das ist der rote Faden, dersich durch die gesamte Tragödie zieht.
Dass die Verleugnung der Endlichkeit auf Dauernicht gut gehen kann, liegt auf der Hand. Kann sie von einer an das Wachstumglaubenden Wirtschaft überhaupt zurückgenommen werden?
Im Faust räumt der Kaiser den Banken das Privileg ein,Banknoten auszugeben und so Papiergeld zu schaffen. Heutzutagehaben die Banken vom Staat die Lizenz, Buchgeld zu schaffen. Der Staat unterstütztdas insofern, als jedermann das Buchgeld in Bargeld umwandeln kann. Der Staat hat damitauch die Verantwortung dafür, was er inszeniert.
Hans Christopf Binswanger