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Übergänge – von der belehrten zur lernenden Gesellschaft |
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Mats Ekholm, Stockholm
Der schwedische Blick
Mats Ekholm lehrt Erziehungswissenschaft an der Universität Karlsstadt. Er ist einer der angesehensten Beobachter der internationalen Bildungsszene. Viele Jahre war er Generaldirektor von Skolverket, der schwedischen Bildungsagentur. Im Jahr 2003 reiste er als einer von vier Gutachtern für die OECD Lehrerstudie durch Deutschland. Er kennt unsere Schulen von vielen Besuchen.Vor einiger Zeit äußerte er in einem Interview die Befürchtung, die deutschen Schulen seien "auf dem Weg in eine alte Zeit“.
Vor allem aber ist Mats Ekholm einer der Architekten und Begleiter der kontinuierlichen schwedischen Reform. Diese wird er ebenso vorstellen, wie er seine Eindrücke von deutschen Schulen, und von deutschen Lehrern, vortragen und der Debatte aussetzen wird.
Deutsch – schwedische Vergleiche sind aufschlussreich.
Auf der einen Seite der besondere deutsche Weg in der Bildung, der für Schweden lange Zeit das Vorbild war. Noch in den 50iger Jahren gab es in Schweden grundständige Gymnasien, die hier zu Lande bereits nach dem 1.Weltkrieg abgeschafft worden waren. Auf der anderen Seite beginnt Schweden Anfang der 60iger Jahre zunächst langsam einen Schulentwicklungsprozess, der sich seit 20 Jahren in einer Weise dynamisiert, die manchen Schwedenreisenden mit der Frage zurück kehren lässt: Schaffen wir den Anschluss?
In Schweden basiert die Bildung auf der Förskola. Sie wird von 75 % der Kinder zwischen eins und fünf besucht. Bei den sechsjährigen sind es 93%. Die Förskola genießt von allen Bildungseinrichtungen bei der Bevölkerung das höchste Ansehen. 83% der Pädagogen, die dort arbeiten, haben studiert.
Darauf folgt die neunjährige Grundskola. Bis Klasse 8 gibt es keine Noten. Strikte Leistungsdifferenzierung untersagt das Gesetz. Die Sekundarstufe II (Gymnasium) schließlich vereinigt akademische und berufsvorbereitende Programme. Sie wird von 90% der Jugendlichen besucht. Von den Jugendlichen eines Jahrgangs beginnen über 70 % ein Studium.
Auf dem Innovationsindex der EU steht Schweden an der Spitze. Bei TIMSS und PISA war das Land vorn. Bei IGLU, der Untersuchung der Viertklässler, erreichte es Platz 1.
Ist die Zeit gekommen, dass sich Deutschland Schweden zum Vorbild nehmen sollte? Wollen die Deutschen das? Dabei suchen sich ja die Schweden ihre Anregungen in vielen Ländern, auch in den vielfältigen reformpädagogischen Traditionen aus Deutschland. Und sie haben den Schulen die Freiheit gegeben, die eine lernende Organisationen braucht, um ihre Probleme in Lösungen zu verwandeln.
Bereits in der Grundskola fallen Selbständigkeit, Gelassenheit und Zusammenarbeit der Schüler auf. Ihre Arbeitshaltung beeindruckt die Besucher am meisten. „Obwohl es bis zur achten Klasse keine Noten und keine Leistungsdifferenzierung gibt,“ fragen die Deutschen. Und die Schweden fragen verwundert zurück, „warum sagen Sie eigentlich obwohl?“
Als eine der folgenreichsten Veränderungen in schwedischen Schulen sieht Mats Ekholm die Einführung der Präsenz an 35 (60-Minuten) Stunden die Woche für Lehrer. Mit ihrer Anwesenheit wurde die Schule mehr und mehr zum Arbeitsplatz und Lebensort für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Lehrer als Vorbild und als Schulveränderer aus Eigennutz.
Im Herbst 2001 wurde in Schweden auch das Lehrerstudium neu organisiert. Das erste Jahr studieren alle gemeinsam, gleichgültig ob ihr Ziel die Arbeit in der Vorschule oder im Gymnasium ist. Sie sollen erst mal „Lernwissenschaftler“ werden. Das neue Ideal heißt, weniger die Theorie praktizieren, als die Praxis theoretisieren. Und man sagt, die Besten sollten in die Vorschule gehen.
Dieser schwedische Blick, den viele Deutsche bekanntlich nicht teilen, wird kurz vor dem Erscheinen der zweiten internationalen PISA –Studie zur Diskussion gestellt.
(Tilman Kressel) (Reinhard Kahl)
LI-Tagungen Journalist
Mats Ekholm
Der schwedische Blick
Mittwoch 17. November 2004 um 19.00 Uhr
in der Aula des Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung
Felix-Dahn-Str. 3 (U-Bahn Schlump oder Christuskirche)
Die Veranstaltungsreihe Übergänge – von der belehrten zu lernenden Gesellschaft versteht sich als ein Forum, das Menschen unterschiedlicher Profession zusammenbringen will.
Alle Veranstaltungen sind öffentlich.
Bitte auch an Nicht-Pädagogen weitergeben!