philosophisches café 22. oktober 2009
Thema: Knappe Zeit
Gast: Harald Weinrich
Reinhard Kahl moderiert
"Kurz ist das Leben, lang ist die Kunst", Hippokrates
Der Umgang mit der Zeit ist die Geheimgrammatik unseresLebens. Heute versuchen wir Zeit durch Beschleunigung zu vermehren. Tatsächlichschrumpft sie häufig auf diese Weise. Dreht man diese Paradoxie um, könnte manmit Rousseau sagen: Zeit verlieren heißt Zeit zu gewinnen.
Dennoch, Zeit bleibt knapp und wird im Laufe des Lebensimmer knapper. Auch die Schere zwischen der uferlosen Weltzeit und derbefristeten Lebenszeit des Individuums geht weiter auseinander.
Wie heilt man diese Wunden?
Indem wir unsere Mußzeit durch die Technik verkürzen, um damitdie Kannzeiteines frei gewählten Lebens zu dehnen? Oder kommen wir erst recht nicht mehrnach, wenn der Gartender Wünsche wächst? Hilft dann nur noch die Tiefe, ja die Ewigkeitdes Augenblicks, die sich allerdings nicht herbei kommandieren lässt. Wieerhält sie eine Chance?
Kaum ein anderer Autor hat Zeit so sehr zu seinem Themagemacht wie Harald Weinrich. Eines seiner ersten Bücher war Tempus –Besprochene und erzählte Welt, eines der jüngsten ist Knappe Zeit –Kunst und Ökonomie des befristeten Lebens. Dazwischen schrieb erunter anderen Lethe– Kunst und Kritik des Vergessens, eine Linguist der Lüge und eine Literaturgeschichteder Heiterkeit.
Weinrich, der zuletzt ein Bestiarum – Vom Leben und Lesen der Tiereveröffentlicht hat, gehört zu der amphibischen Gattung, die verschiedene Aggregatszuständeliebt. Er ist Linguist und Schriftsteller, Literaturwissenschaftler undEssayist, Lyriker und Romanist, der in Princeton, Bielefeld und München undzuletzt am Collège de France gelehrt hat – als erster und bislang einzigerDeutscher. Und immer noch ist der 82jährige nicht müde. Aber das Thema desAbends gewinnt an Aktualität.
„Die Zeit ist knapp. Das Geld ist knapp. Arbeitsplätze sindknapp. Die fossilen Brennstoffe sind knapp. Bald wird auch das Wasser knappwerden. Wir möchten besitzen, was wir nicht haben und werden es nicht bekommen:es ist knapp. Falls alles, was gut und schön ist, wird oder ist knapp. Washeißt eigentlich genau <<knapp>>?“ Harald Weinrich