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„Die Welt liegt zwischen den Menschen“ Zur Aktualität von Hannah Arendt
Vortrag von und Diskussion mit Reinhard Kahl mit O-Tönen und Videoausschnitten
„Die Welt liegt zwischen den Menschen, und dies Zwischen – viel mehr als, wie man häufig meint, die Menschen oder gar der Mensch – ist heute Gegenstand der größten Sorge und der offenbarsten Erschütterungen in nahezu allen Ländern der Erde.“ Hannah Arendt
Sie hat das Denken – und den Irrtum – gewagt. Sie hat kein System entwickelt. Das nannte sie „Denken ohne Geländer.“ „Jeder Mensch steht an einer Stelle in der Welt, an der noch nie ein anderer vor ihm stand,“ schrieb sie in ihrem Buch „Vita activa“, das sie ursprünglich „Amor Mundi,“ Liebe zur Welt, nennen wollte. Weil jeder Mensch anders ist, gewissermaßen ein Dissident, braucht er eine Welt, die ihm „ein Heimatsgefühl“ gibt. Nur dann kann man, „auf seine Fremdheit zu verzichten“. In der Verlassenheit moderner Menschen sah sie eine Ursache für totalitäre Bewegungen. Das Gegengift zu dieser fortbestehenden Gefahr war für sie Politik. Darunter verstand sie nicht die Politiker-Politik, sondern das Handeln, vor allem das Zusammenhandeln und die Möglichkeit Neues anzufangen. Macht, schrieb sie, komme von Mögen.
Am 14. Oktober 2006 wäre Hannah Arendt 100 Jahre alt geworden. Bekannt wurde sie als scharfe Analytikerin totaler Herrschaft. Weltweites Aufsehen erregte ihre Berichterstattung über den Eichmann Prozess. Mit ihrer These von der "Banalität des Bösen“ eckte sie an. Vor der Dummheit der Funktionäre und Mitmacher, so meinte sie, müsse man sich mehr fürchten als vor dem herkömmlichen Scheusal. Hannah Arendt ging es um die Frage, wie eine Welt vieler Möglichkeiten entstehen kann, eine, die sich im „Zwischen“ entfaltet und nicht aus der Substanz der erlösenden einen und einzigen Wahrheit aufkeimen kann. Ein Sieg der einen Wahrheit wäre für sie gleichbedeutend mit der Verklumpung der Welt. Ein für die meisten Zeitgenossen immer noch ein irritierender Gedanke, sind wir doch Kinder von 2500 Jahren Monotheismus.
In ihrer Dankesrede anlässlich zum ihr 1959 in Hamburg verliehenen Lessing-Preis sagte sie: "Jede Wahrheit, ob sie nun den Menschen ein Heil oder ein Unheil bringen mag, ist unmenschlich im wörtlichsten Sinne, weil sie zur Folge haben könnte, dass alle Menschen sich plötzlich auf eine einzige Meinung einigten, so dass aus Vielen einer würde, womit die Welt, die sich immer nur zwischen den Menschen in ihrer Vielfalt bilden kann, von der Erde verschwände."
zur Person Reinhard Kahl
Reinhard Kahl, Journalist, sowie Autor, Regisseur und Produzent von Fernseh- und Videodokumentationen. Geboren 1948 in Göttingen. Studium der Erziehungswissenschaften, Philosophie, Soziologie und Psychologie in Frankfurt und Hamburg. Seit 1975 Journalismus als Beruf, beim NDR, DIE ZEIT, GEO, WELT, SZ und taz. Im Hamburger Literaturhaus Gastgeber des monatlich stattfindenden Philosophischen Cafés und im Stuttgarter Literaturhaus Gastgeber des Stuttgarter Bildungsdiskurses. 1987 mit dem Grimme Preis für die NDR Serie "Kindsein ist kein Kinderspiel" ausgezeichnet. Zuletzt die Dokumentation „Treibhäuser der Zukunft – Wie Schulen in Deutschland gelingen".
Reinhard Kahl wird von Prof. Dr. Stephan A. Jansen eingeleitet und moderiert, die vor einem Jahr anläßlich des Stuttgarter Bildungsdiskurses gemeinsam diese Veranstaltungsidee entwickelten. Welt konnte in Hannah Arendts Verständnis nur „zwischen den Menschen“ entstehen. Das macht sie zur nahen Verwandten einer Universität, die sich wie die Zeppelin University als „Hochschule zwischen den Disziplinen“ versteht. |