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Der Raum ist der dritte Pädagoge
Spielraum-Bezugsraum-Handlungsraum
Eine Diskussionsveranstaltung
im MARTa Herford am
24.11.05, 19.00 Uhr
in Kooperation mit dem Regionalen
Bildungsbüro Herford
Für das Podium sind vorgesehen:
Lieselore Curländer, Landrätin des Kreises Herford
Dr. Gerhard Engelking, Regionales Bildungsbüro
Ulli Finkeldey, Designer
Doris Römer, Pädagogin
Reinhard Kahl, Journalist und Filmautor
Wilfried Lohre, Pädagoge, Bertelsmann Stiftung
Reinhold Nickles, Architekt
Moderation: Ernst Bonert
Das designforum-owl möchte u.a. einen Beitrag für
den Ausbau der Schulen zu Ganztagsschulen leisten.
Im Rahmen eines erweiterten Designbegriffs sollen
Gestalter ihre Kompetenzen für den Lebensraum-
Schule einsetzen. In Projekten mit Schülern, Lehrern,
Hochschulen und Unternehmen werden aktuelle
Themenbereiche der gegenwärtigen Alltagskultur
ganzheitlich auf die konkrete Lebenssituation der
Schüler bezogen. Dabei sollen mittels wirtschaftskultureller
Projekte die Bereiche Schule und Arbeit
verknüpft werden.
Die vieldimensionale Wirkung des Lebensraumes-
Schule als ein Handlungsraum, in dem der Schüler
sich und seine Möglichkeiten erkennt und dabei
Anerkennung findet, soll in den Projekten sichtbar
werden. Dabei geht es um die Wahrnehmung und
problemlösungsorientierte Behandlung des Naheliegenden.
Der pädagogische Ansatz orientiert sich
dabei an langjährigen Erfahrungen von modellhaften
Ganztagsschulen, wie sie der Journalist und Filmautor
Reinhard Kahl in seiner Dokumentation „Treibhäuser
der Zukunft“ vorgestellt hat und an den Erfahrungen
des Regionalen Bildungsbüros Herford, das mit dem
Projekt Schule & Co die Bildungslandschaft über den
Kreis Herford hinaus effizient gefördert hat.
In einer Auftaktveranstaltung am 24.11.2005 im
MARTa Herford unter dem Thema „Der Raum als
dritter Pädagoge“ wird Reinhard Kahl im Rahmen
einer Diskussion seine Erfahrungen mitteilen.
Fünf mögliche Gestaltungsprojekte für
wirtschaftkulturelles Wahrnehmen, Denken
und Handeln:
Gebäude gestalten und managen
Lebensraum-Schule, planen-gestalten-pflegen
kochen-bewirten-essen-genießen
Schulkochbuch, lecker-gesund-preiswert
Reisen und Events gestalten
Gestaltung-Organisation-Begleitung-Service
CO 2-neutrale Kraftstoffe
Schulberatungsfirma für Pflanzenöl als Treibstoff
Neue Märkte erschließen
Online-Auktionsservice für Bücher-Mode-Möbel-Media
Die Diskussionsform
Zur Vorklärung der unterschiedlichen Positionen soll
die Diskussion auf dem Podium beginnen und dann
später das zuvor angeregte und engagierte Publikum
in den Diskussionsverlauf einbeziehen.
Auf dem Podium sind vertreten:
Lieselore Curländer , Landrätin des Kreises Herford
Dr. Gerhard Engelking , Regionales Bildungsbüro
Ulli Finkeldey , Designer
Doris Römer , Pädagogin
Reinhard Kahl , Journalist und Filmautor
Wilfried Lohre , Pädagoge, Bertelsmann Stiftung
Reinhold Nickles , Architekt
Moderation: Ernst Bonert
Zum Thema ein Textauszug von Reinhard Kahl:
Raum & Zeit
»Der Raum ist der dritte Pädagoge«, sagte der 1994
verstorbene Begründer der »Reggiopädagogik«,
Loris Malaguzzi. In den kommunalen Vorschulen der
norditalienischen Reggio Emilia Romagna begann
man schon in den 80er Jahren, Kinder als Forscher
und Dichter anzusehen. Respekt und Neugier
wurden als kognitive und moralische Tugenden
entdeckt.
Der schöne Satz vom Raum als dem dritten Pädagogen
kommt nun erneut nach Deutschland. Diesmal
erreicht er die Schulen als vermeintlich schwedische
Maxime. Atmosphäre und Architektur, also eine gut
gestaltete und intelligent vorbereitete Umgebung,
sind für das Gelingen der Bildung entscheidend.
Diese Einsicht trat auch in Skandinavien ihren
Siegeszug in den Vorschulen an. Die Brisanz des
Satzes vom dritten Pädagogen wird deutlich, wenn
man ihn vollständig zitiert: »Die anderen Kinder sind
der erste Pädagoge. Lehrer sind der zweite und der
Raum ist der dritte Pädagoge.« Die Zeit noch als
vierten Pädagogen hinzuzufügen, wäre gewiss in
Malaguzzis Sinn. Betrachtet man die hierzulande
üblichen Klassenzimmer unter dem Aspekt dieser
vier Pädagogen, dann wird schlagartig klar, was
schief läuft. Die deutsche Schule setzt traditionell nur
auf den einen Pädagogen, den Lehrer, überfordert
und schwächt ihn.
Karg und linear
Für eine große Zahl von Grundschulen gilt das nicht
mehr. Aber die meisten Schulräume sind schmucklos.
Das Interieur ist häufig zum Verzweifeln karg.
Die Zeit wird so linear konstruiert, dass sie fast zum
Punkt schrumpft. Kein Wunder, dass die meisten
Lehrer behaupten, gar keine Zeit zu haben, und
dass sich ihre Schüler in der verklumpten Zeit
langweilen. Der übliche »fragend entwickelnde
Unterricht« kommt durchaus mit einem leeren
Raum aus, ganz so als seien die Schüler gar nicht
anwesend – was ja irgendwie stimmt. Wo man nicht
Individuum sein darf, wird das Unumgängliche zum
notwendigen Übel. Weder Kooperation noch Gemeinschaft
bilden sich. Von Eleganz und Schönheit
ganz zu schweigen. Erst wenn die Verschiedenheit
nicht als Abweichung und Nachteil angesehen wird,
hört der Raum auf, Container zu sein und kann ein
reizvoller Ort werden. Und weil die Verschiedenen
jeweils ihre Eigenzeit haben, kommen Rhythmen
auf. Sind Raum und Zeit als Koordinaten für Differenzen
erst mal akzeptiert, dann entstehen in
Schulen Lernlandschaften. Dürfen die Pfade des
Verstehens verschlungen sein, werden Raum und
Zeit immer komplexer, ja intelligenter. Gibt es aber
in der Klasse nur den einen Pädagogen, der unaufhörlich
sendet, und sollen die Schülerempfänger
nur auf seine Frequenz eingestellt sein, wird bald
der ganze Raum eine einzige Quelle von Störungen.
Jetzt erschließt sich auch, was Raum ist:
gedehnte Zeit, also Gegenwart. Wenn Gegenwart
nichts gilt, wenn alles in die angebliche Zukunft
treibt, wird der Raum zum schmalen Korridor, den
man nicht schätzt, in dem man sich nicht aufhalten
und schon gar nicht einrichten will. Folglich heißt die
Parole, wenn Gegenwart verloren geht und wenn
der Raum zu nichts mehr einlädt: »Ich hab keine
Zeit«. Will man allerdings das Wissen auf direktem
Weg und möglichst schnell in die Köpfe der Schüler
transportieren, braucht man den leeren Raum und
die lineare Zeit. Das Ganze hat nur einen Nachteil:
Die meisten Schüler werden nicht erreicht. Sie
schalten nach und nach ab. Ist aber die Schule ein
gestalteter Raum und eine rhythmisierte Zeit, also
eine Welt zur »Personwerdung«, wie es Alfred Hinz
von der Bodensee-Schule ausdrückt, dann lässt
sich die Vermittlung von Wissen gar nicht vermeiden.
« Was deutschen Pädagogen, die in den
letzten Jahren Skandinavien entdecken, als erstes
auffiel, war ja, dass Leistung dort gar nicht so sehr
im Zentrum steht. Aber die Besonderheit jedes
Einzelnen wird respektiert und das alltägliche
Versprechen von Zugehörigkeit gibt man vorbehaltlos.
Genau das bekommt der Leistung. Diese
Einsicht kann man auf die deutsche Debatte um die
Ganztagsschule übertragen. Die Umgründungen
sind ein Anlass, Raum und Zeit der Schule neu zu
vermessen. Ganztagsschulen bieten die Chance,
den Unterricht als engen Kanal zum Durchschleusen
von trägen Wissenspaketen zu weiten. Man
sieht an der Bodensee-Schule, der Jena-Plan-
Schule in Jena, der Montessori-Gesamtschule in
Potsdam und an vielen anderen deutschen Schulen,
die gelingen, wie reich die soziale und kognitive
Ernte ausfällt, wenn Lehrer mit den anderen drei
Pädagogen kooperieren, ja zuweilen spielen.
Eine Frage der Kultur
Aber wehe einer Schule, die als gestresste,
gegenwartslose und verwahrloste Vormittagsschule
ganztägig wird. Die hält keiner aus. Auf diese List
kann man natürlich setzen. Je mehr Zeit eine
Schule hat, umso dringender stellt sich die Frage
nach ihrer Kultur. Gewiss. Andererseits ertragen
viele das, was eigentlich nicht auszuhalten ist, doch
viel zu lange. Wenn sich jetzt Schulen, nur um an
Mittel für den Ausbau einer Kantine zu kommen, zur
Ganztagsschule erklären und ihre Schüler nachmittags
zwei Stunden in der Kantine von einer schnell
angelernten Kraft (»Erste-Hilfe-Kurs«) die Hausaufgaben
»betreuen« lassen, und das heißt häufig, die
Zeit totzuschlagen, dann könnte es uns in Deutschland
gelingen, auch noch diese gute Idee zu diskreditieren.
P. S.
Josef Brodsky schrieb: »Ob ihrs glaubt oder
nicht, die Evolution hat ein Ziel: Schönheit.«
http://www.reinhardkahl.de/artikellesen53r_5_51.htm |