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Titel Macht bloss keine Fehler WDR
Datum 07.12.2004
Erschienen WDR 3 Diskurs 7. 12. 04

© Westdeutscher Rundfunk Köln 2004

Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen

Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript weder

vervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht ) werden.

Ein Feature von Reinhard Kahl

MACHT BLOSS KEINE FEHLER !

Warum deutsche Schulen nur mittelmäßig sind

Eine Feature von Reinhard Kahl

1. Sprecherin

Ein Grundschullehrer in Ahrensburg bei Hamburg fällt über einen seiner

Schüler das Urteil:

1. Zitator

Andreas ist nicht für das Gymnasium geeignet.

2. Zitatorin

„Das ist kein Gym-Kind!"

1. Sprecherin

sagt man in Hamburg.

2. Sprecher

Darin war sich der Lehrer ganz sicher. Kein Gym Kind. Und diese

Geschichte wäre schon zu Ende, beziehungsweise eine von

Hunderttausenden ähnlicher Schulgeschichten, die vom frühen Versagen,

von Beschämung und Entmutigung erzählen, hätte der Schüler Andreas

nicht einen Professor zum Vater gehabt. Professorenkinder kommen in

Deutschland immer zum Gymnasium, fast immer - oder zur Waldorfschule.

So auch Andreas. In der Waldorfschule lernte er die Geige zu lieben,

begeisterte sich für Musik, spielte im Ahrensburger Jugendorchester. Die

Musik entzündete ihn. Der Funke sprang vom Leiter des Orchesters auf

ihn über. Aus dem schüchternen, zurückhaltenden Jungen wurde ein

1

WDR 3 DISKURS, 07.12.2004

Macht bloß keine Fehler!

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Ein Feature von Reinhard Kahl

neugieriger. Er nahm am Wettbewerb „Jugend forscht" teil und wurde

Bundessieger. Dann machte er Abitur. Mit 1,0.

Er studierte Mathematik und Physik in Hamburg und setze das Studium in

Australien fort. Dort spezialisierte er sich auf ausgeklügelte Verfahren der

Statistik. Er kam mit Forschern in Kontakt, die an einer internationalen

Studie über Schülerleistungen in Mathematik und Naturwissenschaften

arbeiteten, der so genannten TIMS-Studie und erwarb sich dabei erste

Meriten.

Die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und

Entwicklung, ein Zusammenschluss der 30 stärksten Industrieländer, wurde auf

ihn aufmerksam und engagierte ihn für ihre Abteilung, die Bildungsindikatoren

errechnet. 1995, nach einer internationalen Bildungskonferenz, traf der neue junge

Mann für Statistik im Fahrstuhl der Pariser OECD Zentrale auf Tom Alexander,

damals Direktor des Education Department der Organisation.

1. Zitator

„Die reden viel, aber was passiert in Schulen eigentlich wirklich?"

1. Sprecherin

fragte der Direktor.

1. Zitator

„Kriegt man das denn irgendwie raus?"

2. Sprecher

Am Wochenende darauf setzte sich der neue Mitarbeiter an den Computer und

entwarf Grundzüge des „Programme for International Student Assessment", kurz:

Pisa.

1. Sprecherin

2

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Ein Feature von Reinhard Kahl

Andreas heißt mit Nachnamen Schleicher. Mann nennt ihn auch Mister Pisa.

Heute ist er der internationale Koordinator dieses größten Schülertests aller

Zeiten.

2. Sprecher

Bei der ersten Pisa Studie hatte Schleicher im Jahr 2001 die deutschen Ergebnisse

noch einmal nachrechnen lassen. Ihn erstaunte nicht, dass in Deutschland die

schwächeren Schüler schlecht abschneiden. Das, so vermutete er, sei

unvermeidlich in einem gegliederten Schulsystem, das die besseren von den

schlechteren Schülern trennt. Aber er konnte zunächst nicht glauben, dass auch

die Leistungsspitze, so schlecht abschneidet, denn die hat in Deutschland ja

anders als anderswo ihre eigene Schule. Das Gymnasium. Jetzt bei der zweiten

Pisa Studie...

3. Sprecher

... die Studie kommt nun alle drei Jahre...

2. Sprecher

... jetzt also, beim zweiten Durchgang, wundert sich Schleicher nicht mehr. Im

Gegenteil. Je feiner die erhobenen Daten sind und je genauer sie untersucht

werden, desto deutlicher tritt für ihn das deutsche Bildungsproblem hervor

Cut 1 Andreas Schleicher:

Wenn sie sich die Leistungen im Bereich Naturwissenschaften ansehen, da

könnte man sagen: na ja, gut, mit dem Bereich können wir leben. Aber was ist,

wenn die Schüler am Ende ihrer Schulzeit sagen: ich habe jetzt

Naturwissenschaften gemacht und damit will ich nie wieder etwas zu tun haben

in meinem Leben? Ein großer Teil dieser Schüler ist total demotiviert, da haben

wir zwar das Wissen noch vermittelt, aber die Fähigkeit, die Motivation dieser

Menschen, weiter zu lernen, im Leben ihre Kompetenzen auszubauen, die

haben wir unzureichend gefördert.

2. Sprecher

3

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Die von Andreas Schleicher konzipierte und geleitetet Studie erschöpft sich ja

keineswegs im Aufstellen einer Weltliga der Schulen, in der Deutschland der

Anschluss an die Spitze nicht gelingt. Die Pisa Studie gibt Einblicke in das, was

Bildung ausmacht. Getestet werden die 15jährigen. Sind sie vom Lernen

begeistert oder werden sie ausgerechnet durch die Schule gleichgültig gemacht?

Können sie Probleme lösen und mit ihrem Wissen etwas anfangen, oder bedienen

sie nur mehr oder weniger widerwillig den Schulbetrieb?

Cut 2 Andreas Schleicher:

Entscheidend ist, wie gut können junge Menschen, wenn sie in den Beruf kommen,

Wissen anwenden, / kreativ neues Wissen schaffen, / inwieweit können sie Probleme

lösen. /Inwieweit können wir miteinander arbeiten./ Heute kommen sie alleine nicht

weiter, heute kommt es sehr darauf an, wie gut wir miteinander lernen, miteinander

arbeiten können, also auf interpersonelle Kompetenzen, die wirklich viel weiter gehen

als einfache Kommunikation. / Es reicht heute nicht mehr, die Leute mit Lernen zu

füttern, wenn sie dann nicht weiter motiviert sind.

2. Sprecher

Deshalb untersucht Pisa nicht das Schulwissen. Die Studie ist nicht wie ein

Wissenstest oder wie eine Klassenarbeit konzipiert. Sie fragt nach den

Kompetenzen, nach dem Umgang mit Wissen.

1. Sprecherin

Nun bestätigt auch die zweite internationale Pisa Studie für Deutschland das

enttäuschende Bild. Diesmal nahmen 41 Nationen teil. Im internationalen Ranking

sind es allerdings nur 31 Industriestaaten.

3. Sprecher

Deutschland erreicht im Vergleich zu den Ergebnissen von vor drei Jahren geringe

Verbesserungen. Sie gehen offenbar auf das Konto erhöhter Anstrengungen bei

den Kindern aus den Mittelschichten. Deren Eltern wurden vom Pisa-Schock

besonders irritiert. In Deutschland investieren sie inzwischen mehr als zwei

Milliarden Euro jedes Jahr in Nachhilfe.

2. Sprecher

Aber die deutschen Schulen bleiben zweitklassig. Ein Maßstab ist, wie gut sie die

schwächeren Kinder fördern und wie sehr sie die leistungsstarken dazu

anspornen, so gut wie möglich zu werden. In beidem sind sie schwach. Vor allem

ein Versagen ist skandalös:

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1. Sprecherin

Die deutschen Schulen entlassen fast ein Viertel der Schüler in eine neue

Unterschicht von Bildungsarmen. Das sind 15jährige Schüler, die allenfalls das

Niveau von Grundschülern erreichen. Sie haben Schwierigkeiten beim Lesen

einfacher Texte und mit den Grundrechenarten. Die Studie nennt sie eine

„Risikogruppe." Der Übergang zur Arbeitswelt ist bei diesen Schülern gefährdet.

Diese Gruppe, wie gesagt, fast ein Viertel der Jugendlichen, ist im internationalen

Vergleich besonders groß.

3. Sprecher

Auch die Schere zwischen Schulen mit besseren und mit schlechteren

Ergebnissen geht in Deutschland besonders weit auseinander, ohne dass die

besseren deutschen Schulen, also die Gymnasien, im internationalen Vergleich

hervorstechen würden.

1. Sprecherin

Die geringe Wirksamkeit deutscher Schulen zeigt sich auch in einem weiteren

Befund der Studie:

3. Sprecher

In keinem vergleichbaren Land hängt der Schulerfolg der Kinder so sehr von

Einkommen und Bildung der Eltern ab, wie in Deutschland. Bei gleichen

Testwerten hat in Deutschland ein Kind von Akademikern eine drei Mal größere

Chance das Abitur zu machen, als ein Kind von Facharbeitern.

2. Sprecher

Die Wirksamkeit der deutschen Schulen ist gering. Das System ist sozial

ungerecht. Und die Schulen sind offenbar auch nicht sehr anspruchsvoll.

1. Sprecherin

In Mathematik sind die Leistungen deutscher Schüler bei Routineaufgaben

noch über dem internationalen Durchschnitt. Sie fallen allerdings ab, sobald die

Aufgaben anspruchsvoller werden.

3. Sprecher

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Den deutschen Schüler mangelt es an Selbständigkeit, Zusammenarbeit und

Freude am Lernen.

2. Sprecher

Andere Untersuchungen, etwa aus dem Max-Planck-Institut für Bildungsforschung,

zeigen allerdings, dass die Intelligenz der Schüler steigt. Aber auch dort wird in

Tests über längere Zeiträume festgestellt, dass ihre Schulleistungen sinken.

Wie kommt das?

Warum gehen in Deutschland viele Kinder zur Schule wie zum Zahnarzt?

Warum erinnert ihr Lernen zuweilen an Bulimie: Informationen sammeln,

Prüfungen bedienen und sich wieder entlasten?

Was ist mit unseren Schulen los?

Atmo 1 Pausenhallengemurmel

1. Sprecherin

Ein deutsches Gymnasium. Der Tag beginnt wenig einladend. Die

Schüler warten im Foyer, sitzen auf dem Boden, spielen Karten,

stehen herum.

Die Klassenräume werden erst kurz vor Acht geöffnet

Atmo 2 Chemie Unterricht – Kreidegeräusche / Sprechertext in einen wechselnden Rhythmus mit

dieser Atmo bringen

2. Sprecher

Und dann wird der Stoff vermittelt. Schüler sollen aufnehmen, was

Lehrer mit ihnen durchnehmen. Was drankommt, steht im Lehrplan.

Und der verlangt zumeist mehr, als zu schaffen ist.

Alle haben wenig Zeit, manche haben nie Zeit, und dennoch herrscht

viel Langeweile.

Im Mittelpunkt der deutschen Tradition steht der sogenannte „fragendentwickelnde

Unterricht". Lehrer haben dabei ihr Ergebnis fest im

Blick. Nach Vortrag und Tafelbild führen Lehrer mit ihren Fragen die

Schüler Schritt für Schritt ans Ziel. So das Konzept. Jeder soll im

gleichen Tempo den gleichen Weg in den gleichen kleinen Schritten

zurücklegen.

Die Lernenden werden als ideale Durchschnittsschüler auf durchaus

hohem Niveau angesprochen. Aber werden sie auch erreicht?

Cut 3a Elsbeth Stern:

Diesen fragend-entwickelnden Unterricht nennt man übrigens auch

"Osterhasenpädagogik", wollen sie wissen warum?

1. Sprecherin

Fragt Elsbeth Stern vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

Cut 3b Elsbeth Stern:

Der Lehrer versteckt das Wissen und die Schüler sollen es finden. So wird

Wissen ja häufig in der Schule erworben. Wenn der Lehrer mir die Aufgaben

vorgegeben hat und wenn dann genügend geübt wurde, dann kann man es.

Aber sobald die Aufgaben - das haben ja Pisa und Timms zutage gebracht -

von dem üblichen Format in der Schule abweichen, können viele deutsche

Schüler die Aufgabe nicht mehr lösen, weil das Wissen träge abgespeichert und

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unflexibel ist, denn es war immer nur auf eine bestimmte Anforderung

zugeschnitten.

2. Sprecher

Deutsche Lehrpläne sehen respektheischend aus. Dicke Bände. Man staunt,

wenn man sie mit Lehrplänen aus Norwegen oder Schweden vergleicht, das

sind Broschüren, oder das knapp 100 Seiten umfassende Heft aus Finnland, in

dem alles steht, was der Staat an Ergebnissen von allen Schulstufen erwartet.

Die deutschen Wälzer dokumentieren hohe und allerhöchste Ansprüche.

3. Sprecher

Tatsächlich ist es so, dass die detaillierten Lehrpläne hier zu Lande von Lehrern

kaum gelesen werden. Die Pläne machen vor allem ein schlechtes Gewissen.

Hingegen werden die verständlichen und knapp gefassten Schriften, in denen

die erfolgreichen PISA-Staaten ihre Erwartungen an Schulen formulieren, sogar

von den Eltern gelesen.

2. Sprecher

Anderswo hängt die Latte niedriger als bei uns. Aber fast alle bemühen sich,

drüber zu springen. In Deutschland wird die Latte häufig so hoch gehängt, dass

es viele vorziehen, lieber unter ihr durch zu kriechen. Und wenn man sich die

deutschen Debatten um Pisa ansieht, geht es immer noch mehr um die Position

der Latte, als um Springen der Schüler.

Das deutsche, dreigliedrige Schulsystem rühmt sich ja seiner Differenziertheit.

Zitatorin

Keine Einheitsschule!

2. Sprecher

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Ein Feature von Reinhard Kahl

Aber bei genauerem Hinsehen erweist es sich als starr in seinen Leitbildern.

Individuen haben in ihrer jeweiligen Einmaligkeit von Talenten und Fehlern in

deutschen Schulen schlechte Karten.

Denn die Lehrer fragen hier: passt der Schüler in die Schule? Sie fragen nicht:

passt der Unterricht zu den Schülern? Häufig unterrichten sie einfach ihre

Fächer, nicht aber die Schüler.

Jürgen Baumert, Direktor am Max Planck Institut für Bildungsforschung, sieht

darin eine der Erbsünden deutscher Schulen

Cut 4: Baumert

Für mich ist diese Unterrichtsführung einer der Gründe, weshalb alle

Lehrer/innen - und zwar aller Schulformen - immer die falschen Schüler

haben. Also wenn sie das hören, ja woran liegt es, „ja ich habe zu viele

unbegabte Schüler", das sagen Hauptschullehrer genauso: „ wir müssten viel

mehr auf die Sonderschule überweisen". Im Gymnasium: „Ja es kommen zu

viele ungeeignete Schüler aufs Gymnasium". Und dieses ist im internationalen

Vergleich wirklich verblüffend. Wir haben in der Sekundarstufe, in der

Mittelstufe die homogensten Lerngruppen der Welt. Wir haben eine

Dreigliedrigkeit. Die (Schüler) sind leistungshomogenisiert, und trotzdem ist

die Klage über zu große Heterogenität bei uns so groß wie in keinem anderen

Land.

2. Sprecher:

Deutsche Lehrer wurden für die erste Pisa Studie gefragt, welche Schüler in

ihrer Klasse wohl zu der sogenannten Risikogruppe gehörten, also zu denen,

die nur die niedrigste Kompetenzstufe erreichten – oder nicht mal die. Das

erschütternde Ergebnis:

1. Zitator:

Neun von 10 Schülern mit diesen eklatanten Lücken wurden von ihren Lehrern

nicht als solche erkannt.

2. Sprecher:

Man muss sich fragen: kennen die Lehrer ihre Schüler nicht? Sind Lehrer so sehr

von ihren Bildern überzeugt, die sie sich von ihrem Unterricht machen, dass sie die

vor ihnen sitzenden Schüler übersehen?

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3. Sprecher

Jürgen Baumert und seine Kollegen haben Lehrer gefragt – und zwar die

vermeintliche Elite, Lehrer die an Lehrplänen mitarbeiten oder Schulbücher

schreiben, ob und in welchem Alter Schüler schwierige Aufgaben lösen können

oder schwierige Texte verstehen:

Cut 5: Baumert

Das verblüffende war: alle Lehrplanexperten bis auf eine ganz kleine Minderheit

sind der Meinung, dass die wesentlichen Anforderungen unabhängig von der

Schwierigkeit bis zum Ende der achten Jahrgangsstufe erledigt sind. Sie sind

der Meinung, dass die schwierigsten Aufgaben in der Hauptschule von etwa

60% gelöst werden, in der Realschule von 75 % und im Gymnasium von etwa

80 % gelöst werden und wenn man jetzt fragt, wie hoch sind denn die

Lösungswahrscheinlichkeiten wirklich, dann sieht man, dass sie die leichtesten

Aufgaben etwas zu schwer einschätzen, aber die schwierigsten Aufgaben

grotesk unterschätzen, also von den 60 % Hauptschülern, die die schwierigen

Aufgaben lösen sollen, ist die Lösungswahrscheinlichkeit 0.3 %, d.h. es gibt gar

keinen Hauptschüler, der diese Aufgaben lösen kann. Und ähnlich grotesk ist

die Verschätzung für die Realschüler, und von den Gymnasiasten sollen etwa

80 % die Aufgaben lösen, also sie sollen wirklich Expertenleser sein, 29 % sind

es, d.h. also auch im Gymnasium gibt es eine groteske Unterschätzung der

Schwierigkeiten von anspruchsvollen Leseaufgaben und unsere Frage ist: wie

kommt denn das eigentlich?

2. Sprecher:

Man wundert sich. Wir würden wohl auf die Barrikaden gehen, wenn das

Gesundheitssystem Patienten, die gesund sind, für krank hält und Kranke für

gesund.

3. Sprecher:

Jedenfalls haben deutsche Lehrer ein generalisiertes Bild von Schülern, das mit

ihrer Wirklichkeit nicht übereinstimmt.

Der einzelne Schüler, der dem Bild nicht entspricht, wird als Abweichender oder

gar als Versager gesehen und – das weiß man aus der Psychologie: so wie

man gesehen wird, so wird man dann auch. Dieser systematische

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Verkennungsvorgang an den deutschen Schulen lässt sich auch in nüchternen

Zahlen ausdrücken.

1. Zitator

12 Prozent der Schüler werden am Anfang der Schulzeit zurück gestellt, weil

sie nicht zur Schule passen. 24 Prozent bleiben wenigstens einmal sitzen. In

keinem anderen Land, außer in Portugal ist diese Quote so hoch.

2. Sprecher:

Die Hauptschwäche unseres dreigliedrigen Schulsystems ist nicht so sehr die

Unfähigkeit, Begabungen zu erkennen und zu fördern. Die Hauptschwäche ist

auch nicht, die Kinder stärker nach ihrer sozialen Herkunft zu sortieren als nach

Talenten. Die Hauptschwäche des deutschen Schulsystems ist , dass es die

Schulen aus der Verantwortung entlässt, sich um schwierige Schüler zu

kümmern. Kinder mit Schwierigkeiten beim Lernen – und Lernen macht immer

auch Schwierigkeiten – werden zu schwierigen, störenden und schließlich

gestörten Kinder, werden zu Schulversagern gemacht. Das ist in dem Ausmaß

beispiellos im Vergleich zu allen anderen von PISA untersuchten Ländern.

In diesem deutschen System wird die Chance vertan, Kinder und Jugendliche in

ihrer Individualität zu erkennen und anzuerkennen, und ihnen die Möglichkeit zu

geben, dabei etwas über ihr eigenes Lernen herauszufinden – so dass

gewissermaßen die Intelligenz der Schule selbst steigt. Selektion vergiftet die

Atmosphäre in Deutschland, auch an den Gesamtschulen.

So klingt es wie Hohn, wenn Schulforscher herausfinden, dass die

Gesamtschulen mit ihrer internen Differenzierung in verschiedene

Leistungsniveaus schärfer sortieren als das dreigliederige System.

3. Sprecher

Daraus folgt, dass ein bloßer Umbau unseres dreigliedrigen Schulsystems zu

Gesamtschulen allein nichts verbessern würde, wenn nicht zugleich diese

deutsche Neigung zum Herabstufen und Herabsetzen anderer zum Thema

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gemacht und tatsächlich zivilisiert würde. Die PISA- Spitzenreiter Japan und

Finnland kennen diesen deutschen Sortier- und Selektionswahn nicht. In Japan

wie in Finnland werden alle Schüler bis zum 9. Jahrgang gemeinsam

unterrichtet. In Schweden ist jede Differenzierung bis Klasse neun vom Gesetz

ausdrücklich verboten. Auch die USA und Kanada kennen nur Schulen, in die

bis zur 10. Klasse alle Kinder und Jugendliche gehen. Die deutsche

Schulneurose...

Zitatorin

... bin ich denn hier richtig?

Gehöre ich Dazu?

Bin ich nicht vielleicht doch auf der falschen Schule?

Und was muss ich tun, damit niemand merkt, was ich nicht kann…

2. Sprecher

Diese deutsche Schulneurose ist in anderen Ländern weniger oder gar nicht

ausgeprägt.

Aber bevor wir uns in Ländern, die bei Pisa gut abschneiden umsehen,

untersuchen wir diese deutsche Schulneurose noch etwas genauer.

3. Zitator / jugendlich, männlich:

Ich erzähle dem Lehrer, was er erwartet, auch wenn ich es nicht verstehe. Mein

Lehrer ist fest davon überzeugt, dass ich Mathematik verstehe und nur etwas

faul bin. Jedenfalls gebe ich mir von Tag zu Tag Mühe, ihm diesen Eindruck zu

vermitteln. Ich melde mich in der Stunde ein- bis zweimal, um etwas zu sagen.

1. Sprecherin

Johann Kegler, inzwischen Student, hat als Schüler eines Berliner

Gymnasiums unter der Bank seinen Alltag protokolliert. Eine ganz normale

Mathematik Stunde zum Beispiel.

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3. Zitator / jugendlich, männlich:

Was ich dann sage, habe ich mir vorher aus meinem Ordner raus geholt.

Ansonsten verhalte ich mich still, höre ein bisschen Musik, lese in meinem Buch

und schaue meinem Lehrer zustimmend in die Augen, wenn er mich beim

Erklären seiner Aufgaben ansieht. Es ist die reine Strategiefähigkeit, mit der ich

durch den Matheunterricht komme. Diesen Instinkt, zwei- bis dreimal in der

Stunde fit zu sein, eignet man sich im Laufe der Jahre an.

1. Sprecherin

Und die gleiche Art Unterricht sieht aus der Gegenperspektive so aus:

Zitatorin

Viele Jugendliche wollen überhaupt nichts lernen. Das hat mich jeden Tag neu

entsetzt. Sie wollen verwertbare Abschlüsse, um „einen guten Beruf" zu

bekommen, sie wollen das Abitur als zentralen Endzweck von Schule.

1. Sprecherin

Das schreibt die Lehrerin Anne Fliegenhenn aus Münster:

Zitatorin

Dementsprechend lernen sie, was sie müssen. Neugier und Offenheit für die

Anstrengung des eigenen Denkens sind ganz und gar nicht vorauszusetzen, noch

nicht einmal Respekt vor Bildung überhaupt. Viele Eltern interessieren sich für

die Schule nur und ausschließlich nur dann, wenn es um schlechte Noten ihrer

Kinder geht. Wie soll man als junger Mensch allen Ernstes 13 Jahre Schule

aushalten, wenn darin nichts Beglückendes, Befreiendes, Kräftigendes zu

erwarten ist, sondern nur Mühsal auf dem Weg zum einzig erhofften und

ersehnten Zertifikat, nach dem das Leben erst anfangen soll?"

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1. Sprecherin

Vermutlich werden viele Schüler der Diagnose der Lehrerin zustimmen, so wie

sie vermutlich der Beschreibung von Johann Kegler, als er noch Schüler eines

Berliner Gymnasiums war, zustimmt.

Aber warum finden in unseren Schulen darüber kaum Gespräche zwischen

Schülern und Lehrern statt?

Der Schüler Johann Kegler, hatte ohne Pisa und erziehungswissenschaftliche

Forschung den Kern des Problems verstanden.

3. Zitator / jugendlich, männlich:

„Die beiden großen Fehler der Schule sind folgende: Erstens die Zeiteinteilung:

Niemand kann sich in einer Dreiviertelstunde wirklich effektiv mit einer Sache

auseinandersetzen. Wenn man sich gerade eingearbeitet hat und zu verstehen

beginnt, klingelt es schon. Während diese erste Sache eigentlich einfach zu ändern

wäre, ist der zweite Fehler weitaus schwerer zu beheben. Die Art und Weise, wie

einem der Stoff vermittelt wird. Auf schmutzigen Tafeln, in kahlen Räumen mit

kreischender Kreide. In Räumen, die schlecht belüftet sind und in denen man in Reih

und Glied sitzt. Von Lehrern, die verkrampft oder schlaff sind und sich hinter ihren

Notenbüchern verstecken.

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2. Sprecher

Mitsommernacht in Berlin. Am kleinen Wannsee feiern Jugendliche aus fast

allen Kontinenten. Für die internationalen Gäste ist es Abschied und für einige

Deutsche schon wieder die Rückkehr. Ein Jahr Schüleraustausch ist vorbei.

„Stellt Euch vor," schwärmt eine Schülerin, „am ersten Tag nach den Ferien

haben die Lehrer ihre Handynummern an uns verteilt!" Seit wenigen Tagen ist

sie aus Stockholm zurück. Dort ging sie ein Jahr zur Schule. Auf dem Rasen

um sie herum stehen ihre staunenden Berliner Mitschüler und etwas

gelangweilt dreinschauende Amerikaner, Kanadier und Neuseeländer. „Was ist

denn daran so aufregend?" fragt eine Stimme mit englischem Akzent. „Na, die

Lehrer waren jederzeit für uns da," antwortet die Rückkehrerin, „auch

nachmittags und sie waren irgendwie..." „Freunde," ergänzt eine amerikanische

oder kanadische Stimme. „Ja, man konnte mit ihnen über alles reden."

Der Himmel wird schon türkis, da fragt ein junger Amerikaner die Deutschen:

„Warum sind die Lehrer eigentlich eure Feinde?" Jetzt wird es still. Die Berliner,

eben noch so eloquent, suchen nach Worten. Diese Frage haben sie sich noch

nie gestellt. Den Kleinkrieg in der Schule fanden sie bisher ganz normal. Nun

aber bricht es aus ihnen heraus, wie bei einem Tribunal: „Ihr seid wie der Rotz

an meinem Ärmel, hat unser Deutschlehrer mindestens einmal die Woche

gesagt," erzürnt sich ein Abiturient von einem der vornehmsten Gymnasien der

Stadt. „So ein arroganter Scheißkerl," kommentiert angewidert das Mädchen,

das in Schweden war. „Uhr seid eben die blödesten Schüler auf der ganzen

Welt, habe ich es euch nicht schon immer gesagt?" zitiert jemand seine nach

Pisa derart auftrumpfende Mathelehrerin.

2. Sprecher

Woher kommen der Kleinkrieg, das Misstrauten, diese latente Feindlichkeit in

unseren Schulen?

Cut 5: (Wolfgang Edelstein

Ich bin immer wieder entsetzt, wirklich grundlegend entsetzt, über diese

pausenlose Demütigung, der die Kinder ausgesetzt werden.

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1. Sprecherin

...sagt ein Vater, leidgeprüft..

Cut 6: Edelstein

Meine Tochter kommt aus der Schule gestern, sie ist in der zwölften Klasse.

Sie kriegt ihre Geschichtsklausur zurück. Und was sagt ihr der Lehrer: Du

kannst nur labern. Sie hat Stunden gesessen und diese Aufsätze

geschrieben, viel Mühe und sie kriegt Vieren und er sagt: Du kannst halt nur

labern. Und ich sage: soll ich ihm mal einen Brief schreiben? Und sie sagt:

mach das bitte nicht, vielleicht hat er ja sogar recht. Aber ich meine, die

braucht Tage um sich zu erholen

1. Sprecherin

Der Vater ist vom Fach: Wolfgang Edelstein, inzwischen emeritierter Direktor

am Max Planck – Institut für Bildungsforschung in Berlin.

Er hat die Dramen der Schule, hinter denen sich immer individuelle Tragödien

verbergen, untersucht. Sie reimen sich immer wieder auf den gleichen

misanthropischen Ton.

1. Zitator und Zitatorin (2):

Du gehörst nicht hierher.

Du kannst nichts.

Du störst.

2. Sprecher:

Viele Schüler und Eltern halten diesen vergifteten Urteilen nicht Stand.

Schüler übernehmen sie in ihr Selbstbild. Eltern tragen es an ihre Kinder mit

Strafpredigten weiter. Sie drohen und ermahnen:

1 Zitator und Zitatorin (2) im Wechsel

Streng dich endlich mehr an!

Mach bloß nicht so viele Fehler.

Stell dich nicht so an!

Aus dir wird nie was!

Dann musst du eben vom Gymnasium abgehen.

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Ein Feature von Reinhard Kahl

1. Sprecherin:

Wolfgang Edelstein, geht gegen den Wunsch seiner Tochter in die Schule und

spricht mit den Lehrern.

Cut 7 Edelstein

Ich rede mit der Mathematiklehrerin von Anna letztes Jahr. Also eine Studienrätin

mit den Fächern Mathematik und Physik. Anna hat bei dieser Studienrätin

konsistent immer Sechsen. Und ich meine, Sechs ist eine Unverschämtheit, weil

es jede Entwicklungschance raubt, es ist nicht kompensierbar, d.h. es ist

intentional so gesetzt und ich rede mit ihr und frage sie, ob sie wirklich auf der

Sechs beharrt. Und sie sagt: es ist meine Aufgabe unfähige Schüler auszulesen.

Ich sage, wie bitte? Ich dachte, es ist ihre Aufgabe den Kindern etwas

beizubringen. Darauf hat sie nicht reagiert. Ich sagte, haben sie die Ergebnisse

von Timms, ...

3. Sprecher:

....TIMMS, eine internationale Studie über die Kenntnisse der Schüler in

Mathematik- und Naturwissenschaften...

Cut 8 Edelstein

...darauf sagte sie: ist alles Nonsens. In Timss steht nämlich, dass die

Mathematikleistungen schlechter sind, gerade bei den guten

Mathematiklehrern, diesen hochprofessionellen, als bei den anderen. Ist alles

Nonsens sagt sie. Und jetzt hat sie, die nicht mehr, jetzt ist sie ja in der Klasse

zu einem anderen Lehrer gekommen und da hat sie eine Vier. Sie lebt seit

letztem Jahr in dem Terror, dass sie diese Lehrerin in der dreizehnten Klasse

noch mal kriegt.

1. Sprecherin:

Wolfgang Edelstein fragt in seinen Studien danach, unter welchen Bedingungen

sich das Wissen und das Erlernen von Wissen mit der eigenen Wahrnehmung

verknüpft und schließlich zu einer Erfahrung sinnerfüllten Lernens führt?

Cut 9 Edelstein

Das heißt, ganz primitiv gesprochen, was macht mir Sinn? Und wenn sie Kinder fragen, ob das Lernen interessant

ist, kriegen sie in der Regel bei ganz kleinen Kindern ganz klare Indikatoren dafür, dass sie das interessant finden,

dass sie mehr lernen wollen. Und je mehr Erfahrung sie mit der Schule haben, desto mehr nimmt das ab. Ich habe

mal eine Untersuchung gemacht über Lernfreude. Die Kleinen, also Erstklässler und Zweitklässler sind extrem

hoch auf dieser Variable und schon in der dritten Klasse nimmt es ab, und von da an nimmt es kontinuierlich ab

und es nimmt immer sprunghaft zu, wenn ein neues Fach kommt und im Laufe des ersten Jahres, in dem das Fach

erfahren wird, nimmt es wieder ab.

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2. Sprecher

Um die deutschen Schulprobleme zu verstehen, lohnt es sich den Unterricht

genauer anzusehen. Nicht wie ein Pädagoge, eher wie ein Ethnologe.

Jürgen Baumert, der die Federführung der ersten Pisa-Studie hatte, ging ein

Licht auf, als er Unterrichtsvideos aus Deutschland und Japan aus der schon

mehrfach zitierten Timms-Studie verglich, die sich vor allem mit Mathematik

befasste. In Japan, das Europäer häufig für so gleichförmig halten, heißt in

Mathematik die Maxime:

Cut 10 Baumert

Findet so viele Lösungen wie möglich. Nicht eine Lösung, sondern das

Problem hat viele Lösungen, die unterschiedlich sind, jede Lösung hat

Vorteile, hat Nachteile, wir wollen versuchen so viele Lösungen wie möglich

zu finden. In dieser Zeit geht dann der Lehrer durch die Reihen und guckt den

Schülern über die Schulter. Also viele Lösungen, die üblicherweise kommen,

hat er in seiner Unterrichtsvorbereitung stehen. Und er spricht dann mit

Schülern, gibt nie Lösungen oder Ergebnisse vor, sondern regt Denken an;

wenn einer nicht weiter kommt, stellt er `ne Frage, die zu der einen oder

anderen Lösung führen kann, aber er formuliert das Problem eher neu, als

dass er das Ergebnis mitteilt.

3. Sprecher

Auch Wege, die nicht zum Ziel führen, gelten in Japans Klassen als interessant,

manchmal sogar als interessanter als der routinierte, erfolgreiche Weg.

2. Sprecher

Mathematikunterricht ist keine neutrale, rein kognitive Übung. Mathe-Unterricht

ist eine Einführung in Denkweisen. Mathematik ist ein geistiges Initiationsritual.

Wichtiger als der Stoff, wichtiger als Lehrpläne ist wie unterrichtet wird.

Cut 11 Jürgen Baumert

Der deutsche Unterricht beginnt: die ersten fünf Minuten werden die Hausaufgaben

kurz vorgestellt, noch mal kurz wiederholt, und dann wird ein neues Thema

eingeführt, in einem sehr kurzschrittig, fragend entwickelnden Unterricht. Der

Lehrer hat ein Ziel vor Augen. Und in einem sehr geschickten Verfahren bringt er

die Schüler dazu, dass sie dem Beweis folgen und nach 20 Minuten beim Ergebnis

sind. Das ist so wie ein Trichterverfahren, von einer sehr weiten Frage führt man

es immer enger, konvergent, bis die Lösung, die Routine an der Tafel steht oder in

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den Heften der Schüler. Und dann folgt eine kurze Phase, wo noch eine

Übungsaufgabe gemeinsam durchgerechnet wird und dann gibt's die Stillarbeit, wo

sehr ähnliche, häufig nicht abgestufte Aufgaben gelöst werden, das ist eine

typische deutsche Stunde.

2. Sprecher:

Dieser Unterricht stimuliert Schüler nicht zum Denken. Er ermuntert sie schon gar

nicht, sich auf das unsichere Feld von Problemlösungen zu wagen. Im typischen

deutschen Unterricht, stören immer zwei Dinge.

1. Zitator

Die intelligente Frage und der Fehler.

2. Sprecher:

Dabei sind beide so verwand. Man kann nicht denken, ohne sich zu irren. Man

kann nichts Neues heraus finden, ohne Fehler zu machen. Fehlerverbote laufen

auf Denkverbot hinaus. Aber Fehlervermeidung ist das Charakteristische der

deutschen Schulkultur.

Die Pisa-Studie macht den Verdacht zum Befund:

3. Sprecher

Deutsche Schüler schneiden bei Aufgaben, die eigenständiges Denken verlangen

schlecht ab.

Cut 12: Baumert

Wenn ein Individuum Fehler macht, da ist immer noch was Richtiges dran, und der

versucht, seinen besten Beitrag zu geben. Das ist die eine Seite, sozusagen die

Seite der Akzeptanz. Sie nutzen Fehler teilweise, um sie bis zum Ende

durchzuspielen, um dann zu gucken, was sind denn die Folgen, wenn wir dich mal

ernst nehmen, kann das richtig sein und dann gibts 'nen neuen Ansatz. Bei uns

geht’s eher: schnelle Korrektur durch den Lehrer oder, was noch schlimmer ist,

der nächste Schüler wird gefragt, dann kommt die richtige Lösung, sieht man in

Japan seltener.

Cut 13a Stern

Unsere Schule ist sehr leistungsorientiert, aber nicht lernorientiert;

1. Sprecherin:

Elsbeth Stern, Forschungsgruppenleiterin am Max Planck Institut für

Bildungsforschung.

Cut 13b Stern

Man unterscheidet in der Lehr- Lernforschung zwischen einer

Leistungsorientierung, das ist: krieg ich meinen Abschluss mit guten Noten, damit

ich damit Zugang zu weiteren Ausbildungsgängen habe. Lernorientiert heißt: habe

ich die Mathematik wirklich verstanden. Habe ich verstanden, wie Phänomene zu

erklären sind.

Die Leistungsorientierung ist enorm bei uns, jeder Schüler tut gut daran, möglichst

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früh zu überlegen, wie er mit wenig Aufwand bestimmte Abschlüsse und Noten

bekommt. Aber es interessiert nicht, bis zum Pisa Schock, was können die

Schüler, nur stimmen die Noten.

3. Sprecher:

Das ist das große und wohl verheerende Missverständnis der deutschen Schule.

2. Sprecher:

Man spricht von Leistung, ja man beschwört sie, und verhindert durch eine

verengte Leistungsvorstellung das Lernen. Denn Leistungen zu erbringen, heißt ja

effektiv sein, fertig werden, auf das Produkt fixiert sein ...

3. Sprecher:

... die Zeit der Leistung beginnt, wenn das Lernen und Forschen vorbei ist. Wird

die Leistung zu früh verlangt, geht das auf Kosten der Zeit zum Lernen ...

2. Sprecher:

...dann verführt man die Schüler so zu tun als ob sie schon verstanden hätten,

was ihnen noch unklar ist. Das Dümmste und Schädlichste, was beim Lernen

passieren kann. Wenn der Faden reißt, weil man aufgehört hat Fragen zu stellen

und stattdessen intelligent klingende Antworten gibt oder lieber schweigt, was

dann?

3. Sprecher:

Dann müsste man eigentlich das Tempo verlangsamen. Tatsächlich wird dann der

Druck erhöht und man verlangt von den Schülern:

1. Zitator

Lernt schneller. Nutzt die Zeit.

2. Sprecher:

Ganz falsch sagt Deutschlands renommierteste Lernforscherin Elsbeth Stern:

Cut 14 Stern

Zeit haben ist ein wichtiger Faktor. Und zwar stressfreie Zeit, wo ich mich mit

einem Problem auseinandersetzen muss. Diese Zeit sollte nicht im

Klassenkontext sein, sondern unter kontrollierten Bedingungen nachmittags, in

einer Ganztagsschule, wo man selber bestimmen kann, wo man noch etwas

nachzuholen hat.

2. Sprecher

Und noch ein anderer Zeitfaktor ist wichtig. Man nennt ihn neuerdings

„Nachhaltigkeit."

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Lerne ich für die nächste Prüfung oder versuche ich so zu lernen, wie es einzig

sinnvoll ist: Unwichtiges und Unverstandenes vergessen und das geprüfte und

wirklich angeeignete Wissen mit neuem Wissen verbinden. Das verdaute Wissen

macht hungrig auf Neues und nicht satt. Überdruss an Wissen, ist ein Zeichen,

dass was nicht stimmt.

Cut 16 a Karin Bossaller

Ich habe eine Freundin gefragt, die in meinem Alter ist -

also ich bin in Nordschweden aufgewachsen, auf dem Land und sie

ist in Südschweden, in einer Grosstadt aufgewachsen. Wir haben

verglichen: hast Du jemals geschummelt?

1. Sprecherin

Karin Bossaller ist in Schweden geboren. Sie lebt seit 30 Jahren in

Bremen, ist dort Schulleiterin.

Cut 16 b Karin Bossaller

Nein, wir wären gar nicht auf die Idee gekommen. Es bringt mir ja gar

nichts, weil wir ja dann mit uns selbst verglichen wurden. Das lohnt

sich ja gar nicht. Wozu soll ich denn schummeln? Dann wird es ja das

nächste Mal schwieriger, denn ich muss ja immer besser werden. Und

das hat sie auch nicht. Aber wir haben festgestellt: sie hat drei Kinder,

ich habe drei Kinder, die hier zur Schule gegangen sind, und das ist

das, was die gelernt haben.

Das können sie alle. Ich war entsetzt, aber es ist so. Die haben für die

Prüfung gelernt, und dann haben sie es vergessen. Dass es fürs

Leben ist, also freiwillig – das Gefühl habe ich nie gehabt, leider.

2. Sprecher

Deutsch – schwedische Vergleiche sind aufschlussreich.

Auf der einen Seite der besondere deutsche Weg in der Bildung, der für Schweden

lange Zeit das Vorbild war. Noch in den 50iger Jahren gab es in Schweden

grundständige, mit dem ersten Schuljahr beginnende Gymnasien, die hier zu Lande

bereits nach dem 1.Weltkrieg abgeschafft worden waren. Auf der anderen Seite beginnt

Schweden Anfang der 60iger Jahre zunächst langsam einen Schulentwicklungsprozess,

der sich seit 20 Jahren in einer Weise dynamisiert, die manchen Schwedenreisenden

mit der Frage zurück kehren lässt: Schaffen wir den Anschluss?

1. Sprecherin

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Ein Feature von Reinhard Kahl

Schwedische Schüler gewinnen bei Pisa deutlich Punkte hinzu, ebenso die Finnen.

Im internationalen Vergleich der Grundschüler, die Studie heißt IGLU, belegt

Schweden den ersten Platz. Und auf dem Innovationsindex der EU steht

Schweden an der Spitze.

Betrachten wir zu nächst das Schulsystem.

3. Sprecher

In Schweden basiert die Bildung auf Kindergarten und Vorschule, die Förskola

. Sie wird von 75 Prozent der Kinder zwischen eins und fünf besucht. Bei den

sechsjährigen sind es 93Prozent. Die Förskola genießt von allen

Bildungseinrichtungen bei der Bevölkerung das höchste Ansehen. 83Prozent

der Pädagogen, die dort arbeiten, haben studiert.

1. Sprecherin

Darauf folgt die neunjährige Grundskola. Bis Klasse 8 gibt es keine Noten.

Strikte Leistungsdifferenzierung untersagt das Gesetz. Die Sekundarstufe II,

von Klasse 10 bis 12 nennt man Gymnasium. Es vereint akademische und

berufsvorbereitende Programme. Sie wird von 90Prozent der Jugendlichen

besucht. Von den Jugendlichen eines Jahrgangs beginnen über 70 Prozent ein

Studium.

2. Sprecher

Bereits in der Grundskola fallen Selbständigkeit, Gelassenheit und

Zusammenarbeit der Schüler auf. Ihre Arbeitshaltung beeindruckt die Besucher

am meisten.

Zitatorin

Obwohl es bis zur achten Klasse keine Noten und keine

Leistungsdifferenzierung gibt?"

1. Sprecherin

fragen immer die deutschen Besucher, übrigens die reformerisch gesinnten

ebenso wie die Konservativen. Und die Schweden fragen verwundert zurück,

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Ein Feature von Reinhard Kahl

Zitatorin

„warum sagen Sie eigentlich obwohl?"

1. Sprecherin

Mit dem Wörtchen weil, tun sich die Deutschen schwer. Kann es denn sein,

dass freiere und auf Gemeinschaft setzende Schulen auch noch die

erfolgreicheren sind? Dass gute Leistungen eher ein Echo auf Vertrauen als auf

Misstrauen sind. Genau das ist die starke Lektion aus Skandinavien, Kanada

und vielen anderen Ländern. Dort lautet die Botschaft:

Zitator:

„Du gehörst dazu. Du kannst mehr als du glaubst! Du bist ganz gut!"

2. Sprecher

Man spricht weniger von Leistung als vom Wohlbefinden und von den

Bedürfnissen der Kinder und im Ergebnis sind dann die Leistungen so viel

besser.

Cut 17: Alenius

In Sweden we have the school 150 years now, during that time we have a classroom, the

pupils and the teacher and about 40 minutes for a lesson. So, now it’s time to change it.

Zitator: (voice over)

In Schweden haben wir nun seit 150 Jahre Schule: Den Klassenraum, die

Schüler, die Lehrer und ungefähr 40 Minuten Unterricht. Nun ist es Zeit etwas

zu ändern.

1. Sprecherin:

Hans Alenius ist Lehrer in der „Futurum" Schule in Balsta [sprich Booalsta],

nördlich von Stockholm. Die Besucher trauen ihren Augen nicht. Schon die

Architektur erinnert nicht mehr an Schulen. Besucher werden durch Ateliers und

Labors geführt. Sie sehen Räume, in denen Schüler gemeinsam in Arbeitsgruppen

oder still für sich lernen. Man staunt im Lehrerbüro über Schreibtische und

Computer. Diese Räume sind um lichtdurchflutete Großräume gebaut, die an

Markt- oder Dorfplätze erinnern. Nach zwei Stunden fragt einer der Besucher:

„Können wir denn auch mal richtigen Unterricht sehen?"

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Der Lehrer lächelt.

„Das hier ist unser Unterricht."

3. Sprecher:

Die Schule mit 1000 Schülern und etwa 100 Lehrern besteht aus sechs kleinen

Schulen, die jeweils um einen der Gemeinschaftsräume gruppiert sind. Zu dieser

kleinen Schule in der Großen gehen jeweils um die 160 Kinder und Jugendliche

von sechs bis sechzehn Uhr, von der Klasse Null, der Vorschulklasse bis zur

Klasse neun.

Cut 18: Alenius

The basic is, that we mix ages of the pupil. The older the pupil get, the more

we mix the ages, because older pupil help younger, and the younger also can

help the older. And that is very, very important. In computing, in mathematic

we have a six grade pupil, who helps pupil the eight grade. And that was

impossible in the old school.

Zitator: (voice over)

Es kommt darauf an, Altersgruppen zu mischen. Je älter die Schüler sind, desto

mehr mischen wir sie. Ältere helfen Jüngeren, und auch Jüngere helfen Älteren.

Das ist wichtig. Bei Computern oder zum Beispiel in Mathe haben wir einen aus

der Sechsten, der hilft denen aus der Achten. Das war in der alten Schule

unmöglich.

Cut 19: Ekholm

Schüler lernen von Schülern. Schüler oder Kinder sind manchmal besser als

Lehrer um etwas zu erklären. Bei Schülern in Schweden finden wir, dass bei

ihnen im Laufe der Zeit die Lust an Mathematik zum Beispiel verschwindet. Und

da versuchen wir heraus zu bekommen, wie kann man die Lust länger am

Leben halten.

2. Sprecher:

Die Zusammenarbeit der Schüler ist für Mats Ekholm ein Grund für den

schwedischen Erfolg. Mats Ekholm ist Professor in Karlsstadt, er ist einer der

international anerkanntesten Schulforscher. Viele Jahre war er Generaldirektor

der schwedischen Bildungsagentur Skolverket.

Cut 20: Markus

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We have enormous freedom. Because if we want to do mathematics today, we

can make it in our own schedule. If we want to have English, we can have it.

One week we need to have more Swedish, we can have it and make more

mathematics and something next week.

Every day, sit down half an hour, an write in, what we have to do. I write in

Monday morning what I gone to have Tuesday afternoon and write what I have

to do in every subject.

Zitator: 3 jungendlich, männlich (voice over)

Wir haben viel Freiheit. Wenn wir heute Mathe machen wollen, dann nehmen wir

das in unseren eigenen Stundenplan, oder wir machen Englisch. In einer Woche

merke ich, dass mehr Schwedisch nötig ist, dann kommt Mathe und anderes

nächste Woche dran. Jeden Morgen setzt man sich ne halbe Stunde hin und

schreibt auf, was zu tun ist.

Montag morgen schreibe ich schon auf, was ich bis Dienstagnachmittag in den

verschiedenen Fächern machen will.

1. Sprecherin:

Sein Logbuch ersetzt Markus’ Stundenplan. Es ist Sache der Schüler, ob sie

ihre wöchentlichen Matheübungen am Donnerstag Früh oder am Mittwoch

Nachmittag machen. Aber sie müssen darüber Rechenschaft ablegen. Die

Schüler für ihr eigenes Lernen selbst verantwortlich zu machen, ist das oberste

Lernziel. Diese Verantwortung verändert den Stil im Umgang mit den Lehrern.

2. Sprecher:

Auch der Schulalltag der Lehrer hat sich in Schweden verändert.

Seit Mitte der 90iger Jahre sind die Lehrer 35 Stunden in der Woche , volle 60-

Minuten-Stunden, in der Schule.

Nur ein Teil davon ist Unterricht.

Cut 21: (Lehrerinnen Titti Turner und Agneta Petterson)

You are not alone, we have a lot of children together and if there is a problem,

we can work it out together and we can support each other.

2. Lehrerin

The team have to see each other a lot. Therefore we have to bee here, so we

ca talk, that is the meaning, it’s the way we do the school, it’s a team work, so

the team must be here

Zitatorin: (voice over)

Man ist nicht allein. Wir haben viele Schüler zusammen. Und wenn es Probleme

gibt, lösen wir diese gemeinsam und unterstützen uns.

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Das Team muss sich oft helfen. Dazu muss man vor Ort sein und miteinander

reden, das ist der Sinn, das ist unsere Art Schule zu machen. Es ist Teamwork

und dazu muss man da sein.

2. Sprecher

Eine der folgenreichsten Veränderungen in schwedischen Schulen war diese

Einführung der Präsenzzeit für Lehrer Die Schule wurde nach und nach zu

Arbeitsplatz und Lebensort der Lehrer. Und wenn Lehrer in der Schule zu Hause

sind, dann wird die Schule auch für die Schüler ein Ort, an dem sie sich gern

aufhalten. Das ist eine sehr pragmatische und zugleich ideenreiche Auffassung

von Erziehung:

1. Zitator

Erziehung ist die Tätigkeit der Erwachsen, womit sie die Kinder in ihre Welt hinein

ziehen. Erziehung ist keine Moralpredigt, sondern ansteckendes Handeln.

2. Sprecher

Im Herbst 2001 haben die Schweden das Lehrerstudium neu organisiert. Im

ersten Jahr studieren alle künftigen Pädagogen gemeinsam, gleichgültig ob ihr

Ziel die Arbeit in der Vorschule oder im Gymnasium ist. Sie sollen

Lernwissenschaftler werden. Das neue Ideal heißt,

Zitatorin

„ weniger die Theorie praktizieren, als die Praxis theoretisieren."

2. Sprecher

Und man sagt,

Zitatorin

die Besten Studenten sollten in die Vorschule gehen.

2. Sprecher

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Mats Ekholm, hat für die kürzlich veröffentlichte OECD Lehrer Studie deutsche

Schulen, Lehrerzimmer und Universitäten besucht. Wie bereiten nach seinen

Beobachtungen unsere Lehrer sich und die Schüler auf die Zukunft vor?

Cut 22: (Mats Ekholm)

In Deutschland sehe ich mehr einen befehlsführenden Lehrer. Da bin ich

erstaunt, wie man in Deutschland die Zukunft vorzubereiten versucht. Ich sehe,

dass man in Deutschland mit seiner Schule mehr für eine alte Zeit arbeitet.

Aber das waren meine schwedischen Augen

Cut 22 / Deutsche Kinder in Finnland

Mädchen

Ich habe am Anfang auch gedacht, ich lerne hier vielleicht weniger, weil das

hier viel einfacher war und viel netter und so.

1. Sprecherin:

Finnland. Kinder von Deutschen in der Universitätsstadt Jyväskylä.

2. Sprecher:

Die deutschen Kinder, die in Finnland zur Schule gehen, haben zunächst die

gleiche Vermutung, wie die meisten Deutschen, wenn sie ihre Schulen mit denen

in anderen Länder verglichen haben.

3. Sprecher

Anderswo ist die Schule nicht so schwer wie in Deutschland. Schwer, so glaubte

man ist wirksam. So wie man glaubt, dass eigentlich nur bittere Medizin hilft.

2. Sprecher:

Und man zog häufig den Schluss, je schwerer desto wirksamer. Aber die

deutschen Kinder in Finnland revidierten dann ihre Meinung.

Cut 23: Deutsche Kinder in Finnland,

Mädchen

Ich weiß nicht, vielleicht ist es in den deutschen Schulen ein bisschen schwerer,

weil die Lehrer viel strenger sind, oder so.

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Junge

Die Lehrer sind in der finnischen Schule viel gelassener.

Mädchen

Genau.

Junge

Und auch viel netter. In der deutschen Schule haben die sich wegen jeder

Kleinigkeit sofort aufgeregt und sind sofort an die Decke geflogen. –

(Alle Lachen)

Mädchen

Unsere Mathelehrerin hier sagt, wenn ich rede, müsst ihr leise sein und

zuhören, wenn ich nicht rede, dürft ihr sprechen.

Cut 24: Jorma Ojala

Die Kinder sind wie ein Spiegel...

1. Sprecherin

.. sagt Jorma Ojala, Professor für Erziehungswissenschaft in Jyväskylä

Cut 25 Jorma Ojala

Wenn die Lehrer sie nicht achten, achten die Kinder die Lehrer nicht. Früher

dachte man, dass die Kinder (uns Lehrer) zu verstehen haben. Es ist ganz

umgekehrt: Lehrer haben die Kinder zu verstehen.

ATMO Unterricht - Doo doo – boogi singen / Ende Klavier 0´28 (ende total 0´31)

Die Atmo kurz offen. Dann gut hörbar unter Sprecher.

1. Sprecherin:

Eine fünfte Klasse in Jyväskylä.

In fast jedem finnischen Klassenzimmer steht ein Klavier. Der Unterricht beginnt

morgens nach einer Begrüßung mit Singen. Es ist, als würden Lehrer und

Schüler sich erst mal stimmen – so wie man ein Musikinstrument stimmt. Dann

wechseln in der Stunde klassischer Unterricht des Lehrers, häufig an der Tafel,

mit langen Phasen von Gruppenarbeit der Kinder. Bei Hauptfächern wie

Muttersprache oder Mathematik ist zumeist ein Assistenzlehrer dabei, der sich

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um Kinder, die langsamer sind oder Schwierigkeiten haben, kümmert. Sind die

Schwierigkeiten größer oder ständig, verabreden sich Lehrer und Schüler, um

zu Zweit oder auch mit einem Sonderlehrer die Sache noch mal zu erklären, zu

üben oder heraus zu bekommen, woran es liegt. Noten gab es für diese Kinder

bisher noch nicht. Die gibt es erst nach der 6. Klasse, in manchen Schulen auch

schon nach der vierten. Das entscheidet die Schule.

2. Sprecher:

Die finnische Gesellschaft investiert mehr Geld in die Schulen als Deutschland.

Aber das allein erklärt nicht, dass Finnland bei Pisa nun zum zweiten Mal

Weltmeister ist und sich weiter verbessert hat. Beim Lesen waren sie schon in

der ersten Pisa-Studie Spitze, nun sind sie es auch in Mathematik.

3. Sprecher:

Die Finnen investieren viel Vertrauen in die Kinder. Kinder niemals zu beschämen

und nicht zu gängeln, das ist die finnische Grundidee. Respekt ist die Basis von

Bildung in Finnland. Diese Überzeugung prägt die Schule, durch und durch. Das

daraus entstehende Klima ist nicht bloß Ausdruck eines finnischen

Nationalcharakters. Die hohe Wertschätzung der Kinder ist vor allem Ergebnis von

vierzig Jahren Bildungspolitik.

Cut 26: Rita Piri

Also ich hatte sogenannte schwierige Fächer unterrichtet in der Schule:

Fremdsprachen und zweite Landessprache und ich habe sehr viel schlechte

Noten gegeben und die Schüler sind sitzen geblieben und haben auch die

Schule verlassen müssen. Besseres wusste ich damals nicht.

1. Sprecherin:

Riita Piri [gesprochen wie Rriehta] blickt auf mehr als vierzig Jahre Schule in

Finnland zurück. Sie war Lehrerin, arbeitete in der nationalen Schulbehörde und

schließlich im Bildungsministerium. Jetzt wurde sie pensioniert.

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Cut 26: Rita Piri

Dann mit der Gesamtschule wurde es anders. Die Lehrer bekamen

entsprechende Ausbildung, auch Grundbildung der Lehrer wurde anders und

die älteren Lehrer bekamen Weiterbildung. Allmählich haben wir unsere

Ausbildung, unsere Gesamtschule besser gemacht, so dass wir jetzt zu

diesen PISA- Ergebnissen gekommen sind.

2. Sprecher:

Heute bleibt in Finnland kein Kind mehr sitzen, außer es ist in einer

Ausnahmesituationen, etwa nach langer Krankheit. Und im Land mit etwas

mehr als 5 Millionen Einwohnern blieben in den vergangenen Jahren nie mehr

als 150 bis 200 Jugendliche nach der 9. Klasse ohne Schulabschluss.

3. Sprecher:

In Deutschland sind es bei 80 Millionen Einwohnern jährlich über 100 000, die

ohne Abschluss als Versager entlassen werden.

2. Sprecher:

Das ist der eine Unterschied. Der andere ist, dass es die Finnen stört, dass

einige Kinder ohne Abschluss bleiben. Stört es die Deutschen, dass bei uns so

viele scheitern? Finden nicht sehr viel Deutsche, dass 10 Prozent ohne

Abschluss die Güte der Abschlüsse beglaubigt?

3. Sprecher:

Die Maxime der finnischen Schule heißt:

Zitator

Jeder gehört dazu. Niemand ist überflüssig. Alle werden gebraucht.

Cut 27: Linnakylä

If you are teaching in a comprehensive school, you have to take care of every

student. You can not put the student to another school. If he doesn’t well, but

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Ein Feature von Reinhard Kahl

you have to change your own teaching, so that it fits into every student’s

interests and abilities.

Zitatorin (overvoice):

An einer Gesamtschule muss man sich um jeden Schüler kümmern. Man kann

einen Schüler nicht auf eine andere Schulen abschieben, wenn er nicht gut ist.

Man muss seinen Unterricht so ändern, dass er zu den Interessen und

Fähigkeiten der Kinder passt.

3. Sprecher:

Das ist für Pirjo Linnakylä, Professorin an der Universität von Jyväskylä und

eine der finnischen PISA-Wissenschaftlerinnen die Quintessenz gelungener

Gesamtschule:

2. Sprecher

Vertrauen wurde in die finnischen Schulen auch auf einem anderen Weg

investiert. Die Schulaufsicht wurde abgeschafft. Das zentrale Unterrichtsinstitut

hat die Aufgabe zu beraten und Tests zu organisieren, die mehr die Schulen als

die Schüler testen. Jedes Jahr werden zu diesem Zweck 200 Schulen

ausgelost. Viele andere machen freiwillig mit, weil sie Auskunft und

Rückmeldung über ihre Arbeit wünschen. Keiner kommt auf die Idee für Tests

zu trainieren. Man will sich doch nicht selbst betrügen.

Cut 28 Piri

Wir haben die Schulaufsicht, die Kontrolle im Grunde genommen abgeschafft.

Wir haben Zuversicht, Vertrauen, das ist unser Grundkonzept, und wir haben

unsere Lehrerschaft so gut ausgebildet, dass wir auf sie vertrauen können, z.B.

bei uns spricht man nicht mehr von Sanktionen. Wir haben im Gesetz

Möglichkeiten zu Sanktionen, aber wir haben sie noch nicht für die Schule

gebraucht.

Wir haben innerhalb von zwanzig Jahren immer weniger Kontrollen gemacht.

Das läuft sehr gut. Also wenn man Zuversicht gibt, dann benimmt sich der

Mensch auf gleiche Weise. Also das Vertrauen ist sehr wichtig.

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WDR 3 DISKURS, 07.12.2004

Macht bloß keine Fehler!

© Westdeutscher Rundfunk Köln 2004

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Ein Feature von Reinhard Kahl

1. Sprecherin:

Deutsche Besucher in finnischen Schulen wundern sich darüber, dass die

Schüler auch ihre Prüfungsarbeiten mit Bleistiften schreiben. Bei vielen

Besuchern läuft die Assoziationskette ab:

Zitatorin

Bleistift, Radieren, Schummeln, Kontrolle, gerichtsfeste Prüfungen.

1. Sprecherin

Der Bleistift in Finnland hat eine ganz profane Tradition. Im Winter, bei

Temperaturen häufig unter minus 20 Grad, platzen Füllfederhalter. Also schreibt

man auch im Zeitalter von Filz- oder anderen Stiften weiter mit dem Bleistift.

Cut 29 Atmo Sonderlehrerin artikuliert überdeutlich Laute /

die ersten „Laute" offen, dann unter Sprecherin weiter gut hörbar

1. Sprecherin:

Kinder, die Schwierigkeiten beim Hören und beim Artikulieren von Lauten

haben, bekommen auch Probleme beim Lesen. Also üben die Sonderlehrer mit

solchen Schülern Hören und Artikulation, damit es gar nicht erst zum Versagen

beim Lesen kommt.

3. Sprecher:

In jeder finnischen Gesamtschule gibt es neben den Lehrern ein zweites

Kollegium. Dazu gehören Kuratoren, das sind Sozialarbeiter, die, wenn nötig, den

Kontakt zur Familie suchen und sich um Hilfen für die Familie und Kinder

kümmern. Dazu gehören Sonderlehrer, die von Anfang an Lernschwierigkeiten

diagnostizieren und zu beheben versuchen. Eine Schulkrankenschwester ist eine

Art Vertrauensperson, zu der die Kinder nicht nur mit körperlichen Wehwehchen

gehen. Auch einen Schulpsychologe hat jede städtische Schule. Auf dem Land

sind Mitglieder dieses zweiten Kollegiums für mehrere Schulen zuständig.

Cut 30 Piri

Wenn man Diagnose gemacht hat, zuerst kann man vielleicht feststellen, die

Schwierigkeit ist nicht beständig, nur vorübergehend. Dann gibt man

Förderunterricht. Aber wenn es so aussieht, dass die Schwierigkeit noch da

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bleibt, dann beginnt man irgendwie länger vielleicht mit Sonderschullehrer in

der Klasse, oder nach der Klasse, oder während der Klasse, wie es immer am

Besten geht. Sehr flexibel wird das Kind gefördert. Wir haben festgestellt,

wenn man früh anfängt, z.B. in den untersten Klassen der Gesamtschule

haben ein Viertel der Kinder irgendwelche Schwierigkeiten mit Lesen und

Schreiben, aber dann, wenn sie in die höheren Klassen kommen, sind sie

schon verschwunden.

1. Sprecherin:

Es gelingt mit diesem sehr beweglichen System der Förderung, dass fast alle

Kinder, die – wie man sagt – mit einer Diagnose eingeschult worden sind, bis

zur dritten Klasse im normalen Unterricht mitarbeiten. Manche gehen vorher in

Starterklasse, kleinen Gruppen, oder man gibt Einzelunterricht. Weil

Lernprobleme individuell sind, versucht man sie individuell zu lösen.

Sonderschulen wurden in vielen Region Finnlands, zum Beispiel in Jyväskylä,

abgeschafft.

Cut 31 Atmo Unterricht englisch üben

und singen, Flur Atmo

3. Sprecher:

Nach Schwedisch, der zweiten Landessprache, und nach Englisch ab der

dritten Klasse, beginnen die Schüler in der fünften Klasse bereits die dritte

Fremdsprache zu lernen. Langsam starten und dann Gas geben, dass ist ein

Geheimnis des finnischen Erfolgs.

1. Sprecherin:

In der finnischen Schule ist übrigens der Anteil des musischen Unterrichts hoch.

Im Stundenplan stehen mehr Stunden für Kunst und Musik als für Mathematik.

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Cut 31 Pirjo Linnakylä,

If your compare the results of Finnish and German students, how engaged they

are, how often they go to the library, how many books and newspapers they

read and how they feel about reading. Is reading enjoyable, or is it a waste of

time. If you compare these results, you see that the Finnish students are much

more and much more deeply engaged than the German students.

Zitatorin (overvoice):

Wenn man die Pisa Ergebnisse deutscher und finnischer Schüler vergleicht, wie

oft sie in Bibliotheken gehen, wie viele Bücher und Zeitungen sie lesen, und wie

sie das Lesen empfinden, ob es Freude macht oder ob es für sie

Zeitvergeudung ist, sieht man, dass die finnischen Schüler mehr lesen und

tiefer mit dem Lesen verbunden sind.

2. Sprecher:

Die Pisa Ergebnisse, an deren Auswertung Pirjo Linnakylä von der Universität

Jyväskylä mitgearbeitet hat, zeigen, dass sich Lust und Leistung ergänzen und

dass sie keineswegs - wie viele Deutsche immer noch glauben - unvereinbar sind.

Die skandinavische Doppelstrategie, das Lernen zu individualisieren und

zugleich die Gemeinschaft zu stärken, geht auf. Vertrauen wird belohnt,

Respekt wird zurück gegeben.

1. Sprecherin

Die Schulpflicht endet in Finnland mit dem 16. Lebensjahr. 60 Prozent der

Jugendlichen gehen dann weiter zum Gymnasium, das ist die Oberstufe mit

den Klassen 10 bis 12. Auch an Berufsschulen können sie die Berechtigung

zum Studium erwerben.

2. Sprecher:

Finnland versteht sich als lernende Gesellschaft. Dieses Ziel wurde 1995 sogar

in die Verfassung geschrieben. Eine dafür vom Parlament gesetzte Marke

heißt: 70 Prozent eines Jahrgangs soll studieren.

1. Sprecherin

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Inzwischen beginnen 71 Prozent der jungen Finnen ein Studium.

3. Sprecher:

Zum Vergleich, in Deutschland sind es 32 Prozent . Im Schnitt der OECD

Länder beginnen 45 Prozent zu studieren.

2. Sprecher:

Mit Pisa hat die Globalisierung in der Bildung begonnen. Der mächtigste Effekt

der Globalisierung in der Bildung ist nicht die befürchtete McDonaldisierung,

sondern die Erfahrung von Unterschieden. Nimmt die Schule die Kinder wie sie

sind, um sie möglichst weit zu bringen, oder fragt sie, ob die Schüler für die

Schule geeignet sind? Nutz man Unterschiede zwischen den Menschen zur

Steigerung von Individualität und Intelligenz oder wollen wir möglichst homogene

Gruppen? Unterrichten die Lehrer ihre Fächer oder unterrichten sie Kinder und

Jugendliche?

3. Sprecher

Deswegen ist es besser nicht nur von Globalisierung sondern auch von

Glokalisierung zu sprechen. Mit dem „G" wird ein neues Vorzeichen vor das

Lokale gesetzt.

2. Sprecher:

In Zeiten der Globalisierung kommt es auf die Orte an. Es werden geschützte

Räume gebraucht, in denen Talente gedeihen, Treibhäuser der Zukunft, nicht bloß

Qualifizierungsagenturen, in denen Wissen vermittelt wird und Zertifikate

vergeben werden.

In diesen Schulen kommt es auf kleine Unterschiede an. Wie betont man zum

Beispiel einen Satz, der neutral und leidenschaftslos heißt:

Zitator (wie aus dem Telefonbuch vorgelesen..)

„Auf Euch haben wir gewartet."

2. Sprecher:

Klingt er so:

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Zitator (begeistert)

„Hey, kommt her, wir machen hier was Tolles. Ihr seid schon ganz gut, aber da

steckt doch noch viel mehr in euch."

2. Sprecher:

Oder tönt der Satz:

Zitator (genervt, missbilligend)

„Auf Euch haben wir gerade noch gewartet". …. „Mich wundert schon gar nichts

mehr... Ihr werdet noch euer blaues Wunder erleben..."

2. Sprecher:

Oder, wie betont man den Satz

Zitatorin

„Die machen, was sie wollen".

2. Sprecher:

Ist das die Chiffre für Chaos und Beliebigkeit oder liegt darin

Hochachtung, weil jemand wirklich etwas will und man ihm zutraut, dass

er etwas Eigenes in die Welt setzt?

3. Sprecher:

Und noch eine dritte Betonungsübung. Der neutrale Satz heißt:

Zitator

„Hast Du heute schon einen Fehler gemacht?"

3. Sprecher

Kommt er als die gereizte Frage:

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Zitator (genervt, missbilligend)

„Was hast Du da nur wieder für Fehler gemacht?"

3. Sprecher

Oder geht es auch anders?

2. Sprecher:

Neuerdings versuchen es manche Unternehmen mit der

Mittagsmeditation.

Zitator (neugierig, offen, fragend)

„Hast du heute schon einen Fehler gemacht",

2. Sprecher:

Die Frage dient der Selbsterforschung. Habe ich schon etwas gewagt?

Der Fehler gilt als Eintragung im mentalen Pass für Scouts. Am

Fehlversuch geben sich Grenzgänger zu erkennen. Wer Neuland betritt,

macht Fehler, unweigerlich. Wer keine gemacht hat, der hat sich nicht

bewegt. Der hat nichts in seinem Pass stehen.

3. Sprecher

Natürlich geht es nicht darum, alte dumme Fehler zu wiederholen,

sondern neue, intelligente Fehler zu wagen.

2. Sprecher:

Fehlerverbote sind Entwicklungsverbote. Was, wenn die menschliche

Fehlerhaftigkeit - oder sollten wir nicht lieber Fehlerfähigkeit sagen -

besiegbar wäre? Endgültig! Für Zukunft würde kein Platz mehr sein.

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Zitator

Josef Beuys sagte

„Ich ernähre mich von Fehlern, wovon sonst?"

2. Sprecher:

Eine Schule, in der man Fehler machen darf, eine Schule, die Raum und

Zeit bietet, etwas über sich und die Welt heraus zu finden, eine, in der

man auch schon früh morgens willkommen ist und die am Nachmittag und

Abend ihre Werkstätten anbietet, das wäre eine Schule, in der tatsächlich

Zukunft entsteht.

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