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Titel taz 24.9. Würdige Pädagogen
Datum 24.09.2004
Erschienen taz 24. 9. 2004


Würdige Pädagogen

Die deutschen Lehrer sollten nicht bloß Fachwissen verehren, sondern endlich die Kinder wertschätzen lernen. Nur so können sie wirksam und nachhaltig Wissen vermitteln

Vielen Ärzten graut es vor Lehrern. Die wüssten alles und vor allem wüssten sie alles besser. "Lehrer", sagen die Mediziner, "ist ein Symptom." Gut, das sind Vorurteile. Es gibt viele Lehrer, die es widerlegen. Aber gerade von denen hört man die schärfste Kritik an diesem Habitus einer falschen Souveränität, denn er macht deutsche Lehrer so auffällig und inzwischen so unzeitgemäß: Sie pochen aufs Wissen statt aufs Lernen. Zu den skandalösen Ergebnissen der OECD-Lehrerstudie gehört, dass die meisten Lehrer in Deutschland ein Vorurteil gegen das Lernen haben, zumindest wenn es um sie selbst geht. Ihre Bereitschaft zur Fortbildung ist ganz niedrig.

Betrachten wir den deutschen Lehrkörper wie eine Beuyssche soziale Skulptur. Lehrer orientieren sich hierzulande noch am alten Bild vom Wissensbesitzer. Nach einem langen Studium, darin sind unsere Pädagogen Weltspitze, wird von ihnen dann bis zum Vorruhestand im Unterricht der Stoff vermittelt - nur 7 Prozent halten überhaupt bis zum Pensionsalter durch.

Das Selbstverständnis des Wissensbesitzers stammt aus zwei Konzepten des 19. Jahrhunderts. Das eine ist das des Bildungsbürgers. Mit viel angelesenem Wissen hat er sich über eine Welt erhoben, die zu verändern ihm in einer bürgerlichen Revolution nie gelang. (Hallo, Achtundsechziger!)

Das andere Konzept ist das des Fachmanns. Ausgestattet mit einem prallen Rucksack voller Wissen, liefert er Wertarbeit am Werkstoff oder am Schülermaterial. Damit konnte dieses Land im Industriezeitalter Weltmeister werden.

Blicken wir noch etwas genauer auf den Bildungsbürger. Er überspielte seine politische Resignation mit inneren Werten. Er trieb seine Ideale hoch und höher. Im wirklichen Leben wurde er dabei misanthropisch. Als Misanthrop galt in der Antike ja ein Mensch, der andere nicht für würdig findet, mit ihm zusammenzuleben.

Wenn aber im Jahr 2004 an einem renommierten Gymnasium, das so stolz ist auf Latein und Griechisch, die stehende Rede eines Deutschlehrers vor seinen Schülern heißt, "ihr seid der Rotz an meinem Ärmel", dann spricht hier der Verächter, der seit Generationen mit wechselnden Argumenten weiß, dass mit den heutigen Schülern nichts mehr los ist.

Das kann er mit seinem schöngeistigen Alter Ego oder mit progressiven Aufklebern auf dem Golf durchaus vereinbaren. Natürlich reden nicht alle Lehrer so. Nicht mal die meisten. Aber dieser Unterstrom von Verachtung und Beschämung ist in unseren Schulen noch immer stark. Herabsetzung und Selektion sind die stärksten Spuren des deutschen Sonderweges in der Bildung. In ihnen bewegen sich Lehrer als Experten ihrer Fächer und als Stundengeber.

In der Grundschule, wo bekanntlich Kinder und nicht Fächer unterrichtet werden, findet man deshalb auch einen ganz anderen Lehrertyp. Zumeist sind es Lehrerinnen. Aber sobald in unseren Schulen das disziplinäre System der Fächer seine Herrschaft übernimmt, wird es für Lehrer, die es anders machen wollen, übermächtig. Es gibt zu denken, dass sich das Gymnasium, wo sich Lehrer als Historiker, Germanisten oder Chemiker verstehen und höchstens nebenher Spezialisten fürs Lernen sind, als die am wenigsten wirksame Schule herausgestellt hat.

Bei der Hamburger LAU-Studie (Lernausgangslagen Untersuchung), für die sämtliche Schüler getestet wurden, konnten im Gymnasium zwischen der siebten und neunten Klasse, zumal bei den Jungen, keine nennenswerte Kompetenzzuwächse gemessen werden. Was passiert da eigentlich? "Da unterrichten Lehrer", sagt Wolfgang Edelstein, emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, "mit einem Rezeptwissen, das sie von den Feldwebeln Friedrichs des Großen kaum unterscheidet."

Die Bodensee-Schule in Friedrichshafen hingegen ist leistungsmäßig Spitze, obwohl sie den herkömmlichen Fachunterricht weitgehend aufgegeben hat. Obwohl? Nein, weil sei ihn aufgegeben hat. Aber die meisten von uns neigen im Zweifelsfall häufig noch dazu "obwohl" zu sagen. Wenn wir unsere Innenbeleuchtung einschalten, erkennen wir uns als Verwandte der kritisierten Lehrer und als potenzielle Verbündete beim Umbau eines Systems, in dem das Belehren dem Lernen im Weg steht.

Dass die Ergebnisse der OECD Lehrerstudie die Öffentlichkeit so erregen und dass inzwischen jede Bildungsdiagnose dieses Land fiebrig macht, zeigt auch eine andere Seite. Die geistigen Modelle des 19. Jahrhunderts überzeugen nicht mehr. Aber können sich die Deutschen Alternativen vorstellen?

In Kanada zum Beispiel spricht man vom Teacher as a Learner und sieht darin den entscheidenden Impuls, damit Schüler mit selbst reguliertem Lernen ihr Leben in die eigenen Hände nehmen. Seit mehr als zehn Jahren verbringen in Schweden Lehrer 35 volle 60-Minuten-Stunden die Woche in der Schule. Das war die wichtigste Schulreform am Wendekreis der Pädagogik. Sie hat dazu geführt, dass Lehrer die Schule für sich selbst zu einem Lebensmittelpunkt machen und damit auch für ihre Schüler.

Die Gewerkschaften haben diese Reform gegen manchen Widerstand bei ihren Mitgliedern durchgesetzt. Das Ziel, den Beruf zeitgemäßer zu machen und damit die Würde der Pädagogen zu erhöhen, war stärker als die Liebe zum verfügbaren Nachmittag. Statt vereinzelt Stunden geben, mehr Zusammenarbeit, heißt die Maxime.

Zugleich wurden Schulen selbstständig. Jede schwedische Schule hat ihren Etat, der sich nach der Zahl der Schüler bemisst. Die Schule entscheidet, ob sie demnächst in Fortbildung oder ins Gebäude investiert. Natürlich stellt der Schulleiter in Absprache mit dem Kollegium neue Lehrer ein und handelt auch Gehälter aus.

Seitdem werden in Schweden Lehrer mehr und mehr als Lotsen in die Zukunft angesehen und weniger als Echo aus der Vergangenheit. Und immer häufiger proklamieren Vordenker der schwedischen Schule wie Eskil Frank von der pädagogischen Hochschule Stockholm: Die besten Lehrer sollten in der Vorschule unterrichten. Das ist der Kern: Wertschätzung der Kinder und Jugendlichen statt Verehrung des Fachwissens. Die List der Sache ist: So entsteht ein viel wirksameres und nachhaltigeres Wissen als beim deutschen Bulimielernen.

Nun sagen alle: Wir müssen die Lehrerbildung ändern. Ja, auch das. Aber so viel Zeit haben wir nicht mehr. Man stelle sich vor, Siemens erklärt, das neue Handy kommt erst nach einer Reform des Ingenieurstudiums. Absurd. Die Lehrer müssen jetzt neben ihrer Arbeit die Bildung ihrer Professionalität betreiben. Dafür verdienen sie jede materielle Unterstützung und alle Anerkennung.

Die beste Lehrerbildung wird der Umbau der deutschen Schule sein. Der steht am 7. Dezember wieder ganz oben auf der Tagesordnung. Dann werden die Ergebnisse der zweiten internationalen Pisa-Studie veröffentlicht.

REINHARD KAHL

taz Nr. 7470 vom 24.9.2004, Seite 12, 241 Kommentar REINHARD KAHL, taz-Debatte

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