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Titel Rechtschreibtheater
Datum 06.02.2004
Erschienen NDR & Deutschland Radio

DeutschlandRadio Berlin - 6. Februar 2004 • 17:32
URL: http://www.dradio.de/dlr/sendungen/fazit/233636/

5.2.2004
"Ihr seht schon ganz manierlich aus..."
Zum neuerlichen Theater um die Rechtschreibung
Ein Kommentar von Reinhard Kahl
Schultafel mit alter und neuer Rechstschreibung (Foto: AP)
Schultafel mit alter und neuer Rechstschreibung (Foto: AP)
Vielleicht sollten unsere Don Quichottes, die dieser Tage wieder mal in den Krieg für die ganze richtige Rechtschreibung ziehen, zwischendurch mal Goethe lesen. Er sagte, "Ihr seht schon ganz manierlich aus, kommt mir nur nicht absolut nach Haus." Das Absolute ist tödlich. Es hat, wie jede andere Perfektion keine Zukunft.

Die Doppelherrschaft von alter und neuer Rechtschreibung hat in den vergangenen Jahren ganz unbeabsichtigt einen enormen Zivilisationsgewinn gebracht. Die alte Leitdifferenz von "richtig - falsch", die immer nur eine Möglichkeit durchgehen lässt, wird nun im Alltag von der überlegenen Unterscheidung "möglich - nicht möglich" durchsetzt und langsam ersetzt. "Möglich - nicht möglich", das ist etwas ganz anderes als die befürchtete Beliebigkeit, gar Anarchie im Schreiben!

Mit "Möglich - nicht möglich" kehrt in die Schrift wieder ein Hauch von dem zurück, was die Dynamik der gesprochenen Sprache auszeichnet. Da gibt es zwischen dem Hamburger und dem bayrischen Sound, zwischen Görlitz und Aachen doch auch Platz! Wäre die Liquidation der Varianten ein Gewinn?

Vor allem muss man verstanden werden. Und die Sprache sollte möglichst elegant, vielleicht sogar etwas erotisch klingen. Man stelle sich vor, es gäbe eine Rechtsprechkommission? Der erste Nebeneffekt wäre, dass viele glaubten, ohne bei ihr nach zu sehen oder nach zu hören, keine rechten Sätze mehr bilden zu können.

Nein, der Regelperfektionismus, in dem sich die Anhänger der einen richtigen alten und der allein richtigen neuen Schreibweise nur so übertreffen, produziert inzwischen mehr Probleme als er löst.

Nach der einen Dogmatik sollen wir belämmert mit Ä schreiben, nach der anderen "belemmert" mit E. Apropos, eben beim Versuch mit meinem Computer belemmert mit E zu schreiben korrigierte er das gleich selbst in Ä. Und jetzt nach meinem Widerspruch wird das Wort rot unterstrichen, wie von der Fehlerinquisition in der Schule.

Dass Regeln, sobald es mehr als eine gibt, sich aneinander stoßen und nie wirklich aufgehen, das ist nur für Pedanten eine Not. Es ist tatsächlich ein Glück. Ein Glück für jede Evolution. Wenn die Dinge nicht ganz auf gehen, dann gehen sie weiter.

Warum nur, fragt man sich, schon seit Tagen dieses Theater in den Feuilletons und nun auch auf den skandalfreudigen Vorderseiten der Zeitungen? Es wird der Popanz einer zentralstaatlichen Geheimloge aufgebaut, die uns nun wie ein ZK für die Sprache an seine Fäden nehmen will. Ach Gott.

Reinhard Kahl (Foto: privat)
Reinhard Kahl (Foto: privat)
Die meisten schreiben doch sowie wie sie wollen. Wie sie wollen? Von der Betonung dieses Satzes "Wie sie wollen" hängt doch alles ab.
Die behauptete Beliebigkeit und gefürchtete Verwahrlosung "die schreiben wie sie wollen" ist nicht von großem Vertrauen geprägt. Dann braucht man keine Regulative sondern Vorschriften. Aber wenn man mit etwas Achtung sagt, der schreibt wie er will, dann könnte es doch sein, er oder sie will etwas und das ist alles andere als banal.

Und jetzt mal im Ernst. Wer morgens die FAZ liest, mit der alten Rechtschreibung, die dort geheimnisvoll die "bewährte Rechtschreibung" genannt wird und dann zur Süddeutschen greift, mit ihrer nach eigenen Redaktionsregeln modifizierten neuen Rechtschreibung und dann vielleicht noch die taz, mit linientreuer neuer Rechtschreibung, fällt dem überhaupt was auf? Ob achtmal nun mit oder ohne Bindestrich geschrieben wird, groß oder klein, ist das wichtig?

Also halten wir es mit dem Meister aus Weimar: "Ihr seht schon ganz manierlich aus, kommt mir nur nicht absolut nach Haus." Goethe war gar nicht zimperlich, er schrieb seinen Namen mal mit H und mal ohne, das sollte ein Schüler mal wagen! Ja er sollte es wagen. Und er sollte Goethe, der ein großer Freund von Fehlern war, lesen.



© DEUTSCHLANDRADIO 2003
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