MUSIK: Kronos QuartetTilliboyo
1. Sprecher
Deutschland vermisst seine Kinder. Kommt nun zu all den anderen Krisen auch noch die demographische Verfinsterung? Lauter letzte Menschen in einem Land ohne Zukunft?
2. Sprecher
So spricht die katastrophenverliebte, die panische Stimme. Ein Ton, der den Deutschen liegt, der aber vielen hierzulande langsam über ist.
3. Sprecher
Ein vollständigeres Bild wäre dieses: Die Kinder werden vermisst und sie werden neu entdeckt: Kinder als geborene Lerner. Säuglinge bereits als Forscher in Windeln.
Kinder als geniale Anfänger und insofern als Vorbilder für Erwachsene?
Das sind neue Töne.
Verändert sich die Gesellschaft selbst mit anderen Bildern von der Kindheit und vom Lernen?
Das zumindest ist eine Hoffnung, auf die man setzen muss, wenn von Kindern die Rede ist.
Ansage
Das Lerngenie der Kinder
Oder: Die Entdeckung der frühen Jahre
Ein Feature von Reinhard Kahl
Archiv : Atmo mit vielen Kindern verblenden mit Musikatmo Originalmitschnitt / Vogelhändler Staatsoper Berlin (Barenboim) steht kurz offen
O-Ton Take 1 Daniel Barenboim
Eine ganz radikale Veränderung der Erziehung, das ist mein Traum und ich glaube, ich habe verdient nach so viel Jahren diesen Traum zu haben.
Ich möchte, dass wir die Kinder nicht nur zur Musik bringen, sondern durch die Musik zum Leben bringen und über das Leben etwas zeigen und dass dann die gleichen Kindern weiter die Revolution machen, dass sie nach zwei, drei Jahren zur Schule gehen und dass sie dort fragen: Und wo ist die Musik?
ENDE Musik Vogelhändler
1. Sprecher
Der Dirigent und Pianist Daniel Barenboim hat etwas Großes vor: Ein Bündnis der Musik mit den Kindern. Zusammen mit Wissenschaftlern und Künstlern hat er in Berlin einen Musikkindergarten gegründet. Das wird gefeiert. Der Garten der Deutschen Staatsoper Unter den Linden in Berlin ist voll mit Kindern. Für sie spielt unter der Leitung des Generalmusikdirektors Daniel Barenboim das Staatsorchester Berlin.
Musik wieder offen
O-Ton Take 2 Daniel Barenboim
Wenn aus dem Kindergarten ein Kind rauskommt, ist es vielleicht nicht in der Lage das so zu artikulieren, wie ich das jetzt artikuliere, aber es hat gelernt, bestimmte Dinge muss man langsamer machen und bestimmte andere Dinge schneller. Das hat es durch die Musik gelernt. Aber wenn man ihm nur lehrt die Tonleiter zu spielen, lauter und leiser, schneller und langsamer, länger und kürzer, wenn das Musikerziehung ist, dann hat es nichts gelernt
Musikatmo Originalmitschnitt Musikraten / Musiker der Staatsoper Berlin in einer Kita – bleibt unter der nächsten Sprecherpassage
3. Sprecher
Die Lebendigkeit der Musik und die der Kinder macht sie beide, die Musik und die Kinder für Daniel Barenboim verwandt. Diese Lebendigkeit ist bedroht.
O-Ton Take 3 Daniel Barenboim
Was die Musik betrifft, ist die negative Tendenz, dass Musik wird mehr und mehr als spezialisiert gesehen. Mit Spezialsten für Spezialisten. Wir haben sozusagen spezialisierte Arbeiter, sie spielen Oboe und sie spielen Geige. Und das Publikum, was in die Konzerte kommt, ist auch ein Publikum, das spezialisiert ist. Ich meine damit Musik wird als etwas behandelt, womit man die Welt vergessen kann, als Ablenkungsinstrument, das ist es ja auch, aber es ist nicht nur das.
3. Sprecher
Das gleiche Musikstück ist nie dasselbe. Es bildet sich der Geschmack für die Einmaligkeit und Kostbarkeit der Welt. Jeder Augenblick ist anders. So schärft die Musik auch den Sinn für die Kostbarkeit und die Einmaligkeit eines jeden Menschen.
O-Ton Take 4 Daniel Barenboim
Warum? Weil Musik ist vielleicht ein bisschen wie eine Religion. Man kommt so an einen Punkt, wo man Dinge nicht mehr trennen kann. In der Musik können sie nicht mehr trennen, was rationell ist, was emotional ist, was sinnlich ist. Die Musik bringt alle diese Elemente zusammen.
Musikatmo Originalmitschnitt Streichquintett / Musiker der Staatsoper Berlin in einer Kita – bleibt unter der nächsten Sprecherpassage
1. Sprecher
Musiker der Staatsoper Berlin gehen in Kindergärten. Viele Kinder erleben Menschen, wie sie aus Instrumenten Töne hervorbringen. Vielleicht haben sie auch noch nie einen Handwerker oder einen Künstler bei seiner Arbeit gesehen.
3. Sprecher
Aber es geht hier nicht nur um Instrumente und Töne, es geht nicht um Lektionen eines auch noch so gelungenen Musikunterrichts für die Allerkleinsten. Wir sind Zeugen eines schwer beschreibbaren Vorgangs, in dem sich Musiker und Kinder gegenseitig mit Leben anstecken.
Musikatmo Klavier und Raum
1. Sprecher
Der chinesische Starpianist Lang Lang und Daniel Barenboim spielen auf einem alten Klavier im Keller des Berliner Pestalozzi-Fröbel-Hauses, einem traditionsreichen Haus für die Ausbildung von Erzieherinnen.
3. Sprecher
Hier begann der Musikkindergarten Berlin. Zwei Stars der Konzertsäle in einem Keller mit Kindern?
Die besten Leute für die Kinder?
O-Ton Take 5 Daniel Barenboim
Ich möchte, dass wir wirklich radikal neu denken über die Erziehung von Kindern durch Musik, nicht Musikerziehung, Erziehung von Kindern durch Musik.
Nichts bleibt so wie es ist und jeder Augenblick ist unwiederholbar, das ist die Lehre von der Musik. ////auch wenn wir Platten, Kassetten und Videos haben, das ist ein künstliches Medium, das uns erlaubt was zu halten, das eigentlich nicht zu erhalten ist und hilft uns eine unsere Sehnsucht nach einen Moment zu wiederholen wie ein Foto aber die Musik als solche ist unwiederholbar.
Musikatmo
2. Sprecher
Die besten Leute für die Kinder? Und für sie die besten Räume, vielleicht sogar irdische Kathedralen bauen? Das ist gewiss ein sehr schöner, aber doch wohl verstiegener Traum. Unrealistisch. Oder?
3. Sprecher
Nein, die Aufforderung zum Umdenken kommt heute von einer Seite, von der man es vor kurzem am wenigsten erwartet hätte.
O-Ton Take 5 Jürgen Kluge, McKinsey
Ich bin davon überzeugt, Bildung, vor allem frühkindliche Bildung ist der Schlüssel zu allem.
1. Sprecher
Jürgen Kluge, der langjährige Deutschland Chef von McKinsey kommt zu dieser Schlussfolgerung im Rahmen des Projektes „McKinsey bildet“..
O-Ton Take 6 Jürgen Kluge, McKinsey
Es gibt in unserem Land keine bessere Anlagemöglichkeit als die, in Bildung zu investieren. Ich sage bewusst Investition. Es gibt da viele Langzeitstudien, vor allem aus den USA, die sich auf Vorschulprogramme stützen, und die versprechen von Renditen von 12 Prozent. Die Hochschulausbildung übrigens liegt, wenn man sich die Rendite ansieht, weit dahinter zurück, die Rendite liegt zwischen drei und vier Prozent.
MUSIK Kronos Quartett Escalay
4. Sprecher
Jeder Euro für die Bildung von Kindern, die noch nicht zur Schule gehen, bringt den Einzelnen und der Gesellschaft insgesamt eine Rendite von zwölf Prozent.
O-Ton Take 7 Jürgen Kluge, McKinsey
Kultur, Bildung und Wissenschaft sind das Eigenkapital Deutschlands im Wettbewerb mit der globalen Konkurrenz. Wer diese Standortfaktoren vernachlässigt, führt Deutschland auf den Weg zum geistigen Billiglohnland.
Machen wir also Schluss mit der Gleichgültigkeit, mit der die Gesellschaft mit ihren Kindern umgeht, hören wir auf die Kinder systematisch zu unterschätzen. Begreifen wir Kinder als vollwertige Menschen.
Nehmen wir sie doch mit ihren Bedürfnissen ernst. Ein Hauptbedürfnis ist Erkennen, Lernbereitschaft, Lernbegierde. Nehmen wir die doch bei den Kindern an.
2. Sprecher
Wird Bildung nun etwa nicht mehr als Verursacher von Kosten gesehen? Wenn man die Zeitung aufschlägt, findet man Anderes. Bildung und Sparen sind immer noch ein Duett. Und nun soll Bildung ein Beitrag sein, die Menschen und die Welt reicher zu machen?
3. Sprecher
Stimmt und stimmt nicht. Die neue Idee von Bildung ist in Deutschland, anders als in manchen anderen Ländern, längst noch nicht Gemeingut. Oft gilt noch das Gegenteil:
O-Ton Take 8 Andreas Schleicher, OECD, Leiter der Pisa Studien
Deutschland ist ein Land, wo wir heiß darüber diskutieren, ob kognitives Lernen im Kindesalter schädlich sein könnte. Dafür bemühen wir dann den begriff der Schulreife: warten bis die Kinder reif für die Schule sind, die Schule, die wir seit immer haben. Das Ergebnis kennen wir aus der Pisa Studie.
1. Sprecher
Andreas Schleicher leitet in der OECD Zentrale in Paris die internationalen Pisa Studien.
O-Ton Take 9 Andreas Schleicher, OECD, Leiter der Pisa Studien
Was ganz interessant ist, und diese Zahlen kennen sie wahrscheinlich noch nicht, dass die (Schul)Leistungen der 15jährigen mit mehr als einem Jahr Kindergarten in Deutschland eindeutig besser aussehen. Also ein deutlicher Gewinn. Was noch zu sagen ist, dass dieser Gewinn in anderen Ländern noch deutlich stärker ausgeprägt ist.
MUSIK Kronos Quartett Wawshishijay
3. Sprecher
Die Argumente für einen neuen Blick auf die Kinder sind eindeutig. Ihnen wird kaum noch widersprochen, wenn auch das alltägliche Handeln überwiegend noch von Vorurteilen bestimmt wird.
2. Sprecher
Etwa von der Vorstellung, Lernen sei doch das, was einem gegen den Strich geht, eher eine bittere Medizin, deren Wirksamkeit mit dem Grad an Bitternis steigt.
Musik Ende
3. Sprecher
Dann ist es nur folgerichtig, wenn sich Eltern auf dem Spielplatz darauf einigen, ihre Kinder lieber erst ein Jahr später einzuschulen, um ihnen noch ein Jahr kindliches Spiel zu lassen, bevor dann der Ernst des Lebens beginnt.
2. Sprecher
In der Schule wird dann immer noch mit dem späteren Leben gedroht.
3. Sprecher
Als seien Schule und Lernen eine Art Vorstrafe darauf.
Langsam aber ändert sich diese Einstellung den Kindern und dem Lernen gegenüber. Es beginnt damit, sie zum Lernen und ins Leben einzuladen. Lernen als das große, einmalige Projekt des eigenen Lebens anzusehen, eben nicht mehr als Drill und Rekapitulieren, ob nun Tonleitern oder Vokabeln, sondern Lernen als eine Vorlust auf sich selbst.
Das ist ein neues Denkmuster. Es ist vor allem ein anderes Muster wahrzunehmen und zu empfinden. Und zu staunen.
O-Ton Take10 Hubert Markl, em. Prof. für Biologie und ehemals Präsident der deutschen Forschungsgemeinschaft und der Max-Planck-Gesellschaft
Es gehört zu den kennzeichnendsten Wesensmerkmalen der Biologie unserer Spezies und zugleich zu den bis heute kaum erklärbaren Unglaublichkeiten unserer Natur, dass jedes einigermaßen gesunde Kind in wenigen Jahren zu sprechen und Sprache zu verstehen zu lernen vermag. Von Sanskrit mit 800 Verbformen bis zu den afrikanischen Sprachen mit nicht nur 2 oder 3 sogenannten „Geschlechtern“, sondern Dutzenden von Substantivklassen; vom isolierenden Chinesisch ohne jede Flexion, bis zum „agglutinierenden“ oder „polysynthetischen“ Türkisch oder Eskimo, die in ein ellenlanges zusammengehängtes Wort einen ganzen Komplexsatz fassen können.
1. Sprecher
Der Biologe und ehemalige Präsident der Max-Planck-Gesellschaft Hubert Markl.
3. Sprecher
Der berühmte Forscher staunt wie ein Kind darüber, was die Kleinsten können. Auch in der Wissenschaft ändert sich der Blick auf sie, die, von der Kindermedizin abgesehen, noch vor einer Generation kaum ein Thema waren. Das Lernen in den ersten Jahren war wie das Wachsen des Körpers ein nicht weiter erklärungsbedürftiger Naturvorgang.
O-Ton Take11 Hubert Markl
Dass jeder x-beliebige Dreijährige auf der ganzen Welt, mal Einstein ausgenommen, der war ein Jahr später dran, jede beliebige dieser 7, 8 oder gar 10.000 Sprachen und ungezählte Aussprachedialekte davon, sogar das Altbayerische, geradezu begierig und weitgehend fehlerfrei erlernen, obwohl man später ein halbes Leben lang studieren müsste, um das später nachzulernen, das ist ein ganz unglaubliche Leitung, die wir noch nicht begreifen und würdigen können.
Da zudem jedes Kind in dieser höchst sprachgeöffneten Phase seines Lebens die Fähigkeit hat, nicht nur seine Muttersprache, sondern auch eine Zweitsprache, z.B. das Englische, spielerisch mit auf zu nehmen, - jedenfalls unter Sprachbildungsbedingungen, von denen die Spracherziehung heute viel Vernünftiges weiß, - kann die Vor- und Grundschulperiode geistig höchst förderlich zu solchem Mehrspracherwerb genutzt werden, ohne die kleinen Geister zu überlasten. Vergessen wir nicht, dass solche Mehrsprachigkeit bei vielen Mischvölkern der Welt seit Jahrtausenden gang und gäbe ist, und auch nicht, dass schon heute zahlreiche Migrantenkinder unter Bedingungen heranwachsen, die sogar eine Dreisprachigkeit eher alltäglich macht, als eine klassische Sprachmonokultur, die manche von uns für normal halten mögen. Dem kleinen Köpfchen schadet dies nicht, es kommt ihm in seiner Entwicklung, wenn einfühlsam nahe gebracht, nur rundum zugute, damit es auch von früh an zu einem klugen Köpfchen werden kann.
MUSIK Penguin Cafe Orchestra: Yodel2
3. Sprecher
Ein ungewöhnliches Bündnis entsteht bei der Entdeckung der frühen Jahre. Künstler wie Daniel Barenboim und Wirtschaftsleute wie Jürgen Kluge, Wissenschafter wie Hubert Markl, also nicht nur die traditionellen Bewohner der Pädagogischen Provinz.
2. Sprecher
Sind wir etwa Zeugen eines Paradigmenwechsels, eines Umbaus an den grundlegenden Koordinaten des Denkens und Empfindens? Sollten der überhöhte Bildungsgedanke, der an Sonntagen proklamiert wurde und eine gewöhnlich griesgrämige Alltagspraxis in der Lernvollzugsanstalt tatsächlich überwunden werden?
3. Sprecher
Einen radikalen Blick aufs Lernen eröffnet die moderne Hirnforschung. Sie widerspricht der Vorstellung Lernen sei ein passiver Vorgang. Sie kündigt den Vorrang der Belehrung auf.
O-Ton Take12 Wolf Singer, Direktor Max-Planck-Institut für Hirnforschung Ffm
1. Sprecher
4. Sprecher
O-Ton Take 13 Wolf Singer
Kinder fangen irgendwann einmal an aufstehen zu wollen und versuchen dann das Gehen zu lernen, indem sie sich mit der Schwerkraft auseinander setzen und mit Objekten in ihrer Umgebung. Das kommt aus einem inneren Antrieb heraus, das tun zu wollen. Kleine Kätzchen spielen mit Wollknäuels, weil die üben wie man Mäuse fängt, das sind genetisch vorgegebene Programme, die sich irgendwann einmal ausdrücken und dafür sorgen, dass durch aktive Interaktion mit der Umwelt die Information aufgenommen wird, die das Gehirn braucht, oder die bestimmte Zentren im Gehirn brauchen um sich entsprechend ausbilden und anpassen zu können. Man tut also gut daran, weil es diese kritischen Phasen und Abfolgen von Lernprozessen gibt, genau hinzuschauen, was ein sich entwickelndes Gehirn wann braucht. Das drücken die meistens dadurch aus, dass sie, wenn man den Informationshunger adäquat stillt, mit Lächeln, Freude und Wohlbefinden antwortet oder mit frustrierten Handlungen, wenn ihnen vorenthalten wird, was sie suchen. Was nicht geht, ist zu versuchen in ein Gehirn irgend etwas hinein zu programmieren mit Nürnberger Trichtern oder Reizüberflutung oder Reizanbietung was, wofür es in dem bestimmten Entwicklungsschritt noch keine offenen Fenster gibt. Dann werden sowohl die Aufmerksamkeitsmechanismen Schwierigkeiten haben sich darauf zu konzentrieren, weil die notwendigen Erwartungen nicht vorstrukturiert sind und wenn die Aufmerksamkeit nicht auf etwas gelegt werden kann, dann kann man auch nichts lernen.
Kronos Quartet: Escalay
3. Sprecher
Wenn sich die Ideen eines Daniel Barenboim mit den Erkenntnisse eines Wolf Singer treffen, dann könnte ein Jürgen Kluge zufrieden einer Zukunft entgegen sehen, in der die Investitionen in gute Lern- und Lebensbedingen der Kinder mit 12 Prozent Rendite prämiert werden. Das wäre dann vielleicht tatsächlich eine Wissens-, Bildungs-, oder wie Bundespräsident Horst Köhler sagt, eine Ideengesellschaft.
MUSIK Ende
Zu dem Interessanten und Neuen gehört auch, dass sich dieser Ertrag zwar nachträglich errechnen, aber nicht auf direktem, wirtschaftlichem oder politischem Weg ansteuern lässt. Das ist das Paradoxe. Die 12 Prozent Rendite ist nicht der Endeffekt eines wirtschaftlichen Kalküls, denn in den Fristen von Generationen plant niemand. So langfristig rechnet schon gar kein Politiker. Und kein Mensch macht mit dieser Zahl im Sinn aus einer Kita oder Schule einen schönen, anregenden und herausfordernden Ort. Diese Rendite ist eher die Nebenfolge eines guten Klimas in der Erziehung. Sie zeugt davon, dass Erwachsene die Kinder und die Welt mögen. - Ja, wagen wir das Wort: dass sie die Kinder lieben, so wie Augustinus Liebe definierte:
4. Sprecher
„Ich will, dass Du seiest!“
Musikakzent (froh, verspielt, vielleicht Kronos, Piece of Africa Take 3
1. Sprecher
Eine Reise zu den Kindern. Zu den Orten, an denen eine Zukunft mit ihnen schon begonnen hat.
3. Sprecher
Es gibt solche „Schwalben, die vor dem Sommer kommen“, wie der Dichter Friedrich Hölderlin schrieb.
Zum Beispiel wurde in Berlin am Prenzlauer Berg die Elias Kirche zu einem Mach-Mit-Museum für Kinder umgewandelt.
2. Sprecher
Im Kirchenschiff Einbauten mit einem Labyrinth von Gängen und Höhlen, durch die Kinder und Eltern krabbeln. Werkstätten, Ecken zum Malen und ein Spiegelzelt. Toberäume, ein vollständige ausrangierte Druckerwerkstatt, und naturwissenschaftliche Exponate zum Anschauung und für Experimente. Auch ein Café für die Eltern.
3. Sprecher
Das Mach-Mit-Museum ist ein noch ungewöhnlicher, öffentlicher Ort für Kinder und Familien. Eher ein Gesamtkunstwerk als eine so genannte Freizeiteinrichtung. Solche Häuser müsste es eigentlich in jedem Stadtteil geben, vielleicht mit Kindergärten und Schulen verbunden?
Immerhin planen einige deutsche Bundesländer, Baden-Württemberg und Hamburg voran erste Modelle für eine neuartige Bildungseinrichtung, ein so genantes „Haus des Lernens“ für die drei- bis zehnjährigen, das Kita und Grundschulen zusammenfassen wird. Und es klingt ja auch hoffnungsvoll, wenn Annette Schavan, die Bildungsministerin bekennt:
MUSIK Ende
2. Sprecher
„Ich finde, dass in jeder Stadt die Schulen und andere Häuser des Lernens zumindest so aufwendig gebaut und ausgestattet sein sollten, wie die schönste Sparkasse der Stadt.“
Musik Kronos Quartett Tilliboyo
1.Sprecher
In Berlin, ein paar Kilometer vom Mach-Mit-Museum entfernt in Kreuzberg wurde ein Parkhaus zum Lern- und Kinderhaus umgebaut. Man hatte versehentlich ein Autohaus zu viel geplant.
3. Sprecher
Aus der Ruine wurde eine der schönsten Kitas der Stadt. Sie hat viel Platz für die Kinder. Unter einem Glasdach Palmen und eine offene und dennoch nicht sofort übersichtliche Architektur von Treppen, Räumen und Nebenräumen. Auf dem Dach inmitten des Kiez am Kottbusser Tor ein riesiger Kasten mit Blumen, Kräuterbeeten, Rasenflächen.
Natürlich sind Erzieher wichtig. Natürlich kommt es auf die Pädagogik an. Aber nicht weniger wichtig ist der Raum. Der Raum ist, wie der italienische Pädagoge Loris Malaguzzi sagt, der dritte Pädagoge. Die ersten Pädagogen sind die anderen Kinder. Der zweite sind die Erwachsenen. Aber ohne einen gelungenen Raum können sich die Menschen nicht entfalten.
2. Sprecher
Die Beschaffenheit des Raumes erzählt den Kindern, ob sie willkommen sind oder nur geduldet. Schafft man dort viele Gelegenheiten? Investiert man in ihre Talente oder wird immer noch nur betreut und verwahrt?
1. Sprecher
Mülheim an der Ruhr. Hier wurde im Sommer 2006 in den Park Witthausbusch, der an einen Wald grenzt, von der Stadt mit der Unterstützung einer Stiftung ein Glashaus gebaut, eine Lernwerkstatt, in die Gruppen aus Kindergärten zum ersten Forscherpraktikum ihres Lebens kommen.
Atmo Kinder jubelnd
Eine Woche lang kommen sie und beginnen mit Expeditionen in den Wald.
Atmo Kinder springen ins Wasser
3. Sprecher
Die meisten Experimente sind zunächst Selbstversuche. Die Kinder springen in das fußhohe Wasser eines kleinen Bachs. Erzieherinnen und zwei Erziehungswissenschaftlerinnen der Universität Köln, die hier Erkenntnisse über den Forschergeist der Kinder sammeln, haben einen Bollerwagen mit Seilen, Hammer, Nägeln und anderem Werkzeug mitgebracht. Die Kinder setzen sich Grubenlampen auf die Köpfe und betrachten den Boden durch eine Lupe. Im Nu erobern die drei bis sechsjährigen Kinder den Hang einer Schlucht im Wald. Sie bringen die Taue an Bäumen an, ziehen sich den Abhang hoch, springen über den Bach. Sie hämmern an Wurzeln und Steinen und schichten den Lehm um. Man könnte Angst vor Unfällen haben.
O-Ton Take 14 Frau Eden
2. Sprecher (fortlaufend, durch die Atmo-O-Töne unterbrochen)
Das Forscherleben beginnt nicht mit Belehrungen auf angeblichem Kinderniveau, sondern mit etwas ganz Ernsthaftem. Die Kinder nennen das übrigens Arbeit.
Atmo: „Hier wird Kleber gemacht. Schleimiger Kleber und fester Kleber. Eine Fabrik.
Der Sog ist enorm und die meisten Kinder haben keine Angst sich ins Unbekannte vorzuwagen.
Am liebsten würden sie in der Materie baden.
Die Kinder wollen die Dinge im Experiment entdecken. Dabei schärfen sie ihre Sinne.
Atmo Jungen:. Die Erdmännchen suchen wir. Nein wir machen hier eine Baustelle - Das bewegt sich.
Hallo, ist da jemand..
Und dann finden sie die vergittern Eingänge eines Kriegsbunkers.
Atmo Jungen: Da geht man einfach durch die Erde einfach, das ist ganz dunkel da, ein Haus und da sind keine Fenster und keine Türen.
Mittags bringen sie dann die Ausrüstung zusammen mit der Ausbeute des ersten Expeditionstages zurück ins Basislager. Aus Lehm werden Kugeln geformt und gebrannt. Ein Kind fragt, warum eigentlich der Ofen dabei nicht verbrennt. Große Ratlosigkeit, viele Überlegungen. Bald haben die Kinder ihr Wissen zusammen getragen. Offenbar gibt es Stoffe, die leicht brennen und andere, die schwer oder gar nicht brennen. Die Kinder sind mit dieser Frage nicht fertig. Sie werden hungrig und nicht satt gemacht.
1. Sprecher
Die Lernwerkstatt im Mülheimer Park ist auch Lernprojekt des Kölner Erziehungswissenschaftlers Professor Gerd Schäfer. Denn das Lernen der Kinder beginnen die Psychologen, Kognitions- und Hirnforscher eigentlich erst in Konturen zu verstehen.
O-Ton Take 14 Prof Gerd Schäfer, Uni Köln.
Eine der wichtigsten Einsichten, die wir jetzt zusehends auch durch diese Werkstatt gewinnen, ist, dass der Alltag und die Gestaltung des Alltags für Kinder wichtiger sind als alle speziellen Programme. Nämlich die Wirkung des Alltags, die ist dauerhaft, die hält an.
3. Sprecher
Die geringe Nachhaltigkeit ist ja das Hauptproblem des schulmäßig angeeigneten, oft nur äußerlich übergestülpten Wissens. An den kleinen Kindern wollen die Forscher mehr vom Vorgang des Lernens selbst verstehen. Wie wird Neues in das komplexe Gewebe vorhandenen Wissens eingefügt? Wie verhält es sich mit der je verschiedenen Eigenzeit der Kinder und überhaupt mit lernenden Individuen?
O-Ton Take 15 Prof Gerd Schäfer, Uni Köln
MUSIK: Pengui Cafe Orchestra: Simmon’s Dream
O-Ton Take 16 Prof. Gisela Lück, Universität Bielefeld
Ich bin mir ganz sicher, dass jeder, der hier im Raum sitzt, als er fünf Jahre alt war oder sechs Jahre alt war Warum-Fragen gestellt hat, die er heute nicht mehr stellen kann. Und ich vermute, dass je nachdem, welche Resonanz ihre Warum-Fragen bei den Erwachsenen, ihren Bezugspersonen, den Eltern gefunden haben aus ihnen eine naturwissenschaftsinteressierte Person geworden ist oder jemand, für den die Naturwissenschaften nicht so ganz oben auf den Prioritätenlisten stehen.
1. Sprecher
Professor Gisela Lück aus Bielefeld stellt auf einem Werkstattgespräch der Initiative „McKinsey bildet“ ihre Forschungen vor. Das Interesse von Grundschulkindern an naturwissenschaftlichen sei enorm. 70 Prozent betonen, dass sie daran jederzeit freiwillig und mit Freude teilnehmen. Kinder liebten Experimente. Und noch nach Monaten können sich die Kinder an Einzelheiten und die Deutung der Experimente erinnern. Das gilt übrigens für Kinder aus sozialen Brennpunkten genauso wie für Kinder von Bildungsbürgern. Wenn Kinder nah an die Dinge heran kommen, verschwinden Barrieren, wenn der Unterricht vor allem über Worte geht, wachsen sie.
2. Sprecher
Weit über tausend Studierende im ersten Semester Chemie wurden von Gisela Lück und ihren Mitarbeitern befragt, warum sie dieses schwierige Fach gewählt haben. Zweiundzwanzig Prozent haben geantwortet:
O-Ton Take 17 Prof. Gisela Lück
„Ich möchte deshalb dieses Fach studieren, weil ich als kleines Kind liebevoll an Naturphänomene herangeführt worden bin.“
2. Sprecher
Die Oberstufe der Schule, die Sekundarstufe II, gab hingegen bei nur circa fünf Prozent der Befragten den Anstoß Chemie zu studieren.
O-Ton Take 18 Prof. Gisela Lück
„Wir haben viel zu lange in unserem Land besonderen Wert auf die weiterführenden Schulen, besonders auf die Jahrgänge kurz vor dem Abitur gelegt und den Anfang vernachlässigt.“
O-Ton Take 19 Prof. Christiane Nüsslein-Volhard, Direktorin am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie, Tübingen
Ich werde oft gefragt, wie ich zu der Biologie gekommen bin, warum ich Naturwissenschaftlerin wurde. Und ich kann einfach sagen meine Eltern waren beide nicht naturwissenschaftlich in besonderer Weise gebildet. Haben sich auch nicht besonders dafür interessiert...
1. Sprecher
Die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard, Direktorin am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie.
O-Ton Take 20 Prof. Christiane Nüsslein-Volhard
Aber natürlich kannte meine Mutter alle Pflanzen, die wir auf den Spaziergängen im Wald fanden und auf den Bergen. Meine Großmutter kannte das auch, wir haben das früh gelernt. Ich hatte das Glück, eine Mutter zu haben, die als Kindergärtnerin ausgebildet war, wo sehr viel handwerklicher Umfang mit Stoffen, handwerkliche Fertigkeiten vermitteln wurden auch den Kindern und wir waren fünf Kinder und eine Kindergärtnerin als Mutter zu haben ist natürlich dann ideal. Das kann man überhaupt gar nicht anders sagen.
Ich würde beim Kochen anfangen. Ich würde mit Kindern kochen und würde ihnen erklären, wie die Luftblasen in der Hefe entstehen und wie man Sachen auflöst und was Hitze bedeutet und so/ bei mir ging vieles dieser Erkenntnisse zur Wissenschaft ging übers Essen, muss ich ehrlich gestehen
Musik: Penguis: Simon’s Dream
O-Ton Take 21 Prof. Friedrich Wilkening
Und ich möchte Ihnen hier, wie man in der Schweiz sagt, wo ich inzwischen bin, den Gedanken beliebt machen, dass kleine Kinder im Vorschulalter ein ganz erstaunliches Wissen haben, ein Wissen, was man bisher nicht für möglich gehalten hat, ein Wissen, was man durchaus als genial bezeichnen kann
3. Sprecher
Das erstaunlichste Ergebnis trug bei der Bildungswerkstatt der in Zürich lehrende Kognitionsforscher Friedrich Wilkening vor. Zum Beispiel beherrschen Kinder im Vorschulalter „intuitiv“ die Formel Geschwindigkeit ist Weg durch Zeit - auch wenn sie diese Formel so nicht formulieren können. Dieses intuitive oder embodied Wissen erzeugen Kinder, wenn sie mit ihrem Körper wahrnehmen und denken. Der Kopf, die Augen, der ganze Körper sind in nachahmenden und experimentellen Bewegungen. In einem Versuch sollten die Kinder die Geschwindigkeit eines Balles bestimmen. Abwurfpunkt und Ziel waren bestimmt.
O-Ton Take 22 Prof. Friedrich Wilkening
Wie schnell muss ein Ball sein, damit er von hier oben abgeworfen da unten das Blatt trifft? Wie muss er von hier unten sein? Wie schnell von dort oben? Da gelten auch multiplikative Gesetzmäßigkeiten, ich weiß es nicht, aber …, wusste es nicht, inzwischen weiß ich es. Die Kinder konnten einmal auf einer abstrakten Rating-Skala ihre Urteile abgeben und ein anderes Mal einfach den Ball anstoßen und sagen, ja, das Ziel dort, dort, dort, unten, oben, trifft in zufälliger Reihenfolge hintereinander. Die Daten zeigen, dass Kinder diese Handlungen so ausgeführt haben,, als ob sie multipliziert hätten Höhe mal Distanz. Es ist in Wirklichkeit noch etwas komplizierter. Die Daten sind so rein, ich konnte es nicht glauben. Es geht um vier-, fünfjährige Kinder. Interessant ist, dass wenn man die gleichen Kinder und auch Erwachsene gefragt hat: Wie muss es denn sein? Sie haben genau das Umgekehrt gemacht, manche, die meisten Kinder, sogar noch manche Erwachsene, haben gesagt: Je höher abgeworfen wird, desto schneller muss der Ball sein. Keine Person, Kind oder Erwachsener hat das getan. Aus den Handlungen war das überhaupt nicht ersichtlich. Wir sehen, das Handlungswissen ist ein anderes als das explizite Wissen und das Handlungswissen ist vielleicht eines, auf dem man aufbauen kann.
3. Sprecher
Dieses Wissen ist nicht den besonders begabten Kindern vorbehalten. Wilkening hat kaum Ausnahmen gefunden. Das unerwartete Ergebnis fand er bei mehr als 90 Prozent der Kinder. Aber warum wurden diese Fähigkeiten der Kinder bisher von Psychologen verkannt?
O-Ton Take 23 Prof. Friedrich Wilkening
Weil man nach reinen Konzepten gesucht hat. Zum Beispiel nach einem reinen Konzept von Zeit, unverfälscht von Gedächtnisfaktoren, vom Körper und losgelöst vom sozialen Kontext.“
3. Sprecher
Diese Vorstellung wurde zuerst von der Relativitätstheorie erschüttert. Vor der Relativitätstheorie meinte man ja, wenn man alle Dinge aus der Welt wegnimmt, dann bleiben nur noch Raum und Zeit übrig. Nach der Relativitätstheorie gibt es für den Fall, dass alle Dinge weg sind, auch keinen Raum und keine Zeit mehr. Und vielleicht ist dem Züricher Kognitionspsychologen etwas für den Blick auf die Fähigkeiten von Kindern gelungen, was Einstein für das physikalische Weltbild geleistet hat.
Die Entwicklungspsychologie wollte auf ihrer Suche nach reinen kognitiven Konzepten alle vermeintlich störenden Faktoren, wie den eigener Körper, den sozialen Kontext, Gedächtnisfaktoren und Wahrnehmungsverzerrungen wegnehmen. Tut man das, so fragt Friedrich Wilkening, stehen dann die Kinder am Ende ohne ihre Konzepte da?
Atmo Kinder
Sprecher 3
Die Erkenntnisse der kognitiven Psychologie verweisen auf ein anderes Lernen, als das, was wir aus Schulen, Hochschulen und anderen Belehrungsinstitutionen kennen.
Martin Wagenschein hat bereits in den 20er Jahren und später nach dem Krieg an der Odenwaldschule einen nicht belehrenden Unterricht für die Naturwissenschaften entwickelt.
Den üblichen Unterricht nannte er:
Sprecher 4
„Überwältigungspädagogik“.
Sprecher 3
Auch wenn die Inhalte, der so genannte Stoff, völlig korrekt sind, so steht diese „Überwältigungspädagogik“ dem Verstehen und Erkennen der Kinder im Weg, ja sie verdunkelt, wie Wagenschein meinte, die Wirklichkeit. Die Natur zu erkennen, die Mathematik und die physikalische Welt zu verstehen…
Sprecher 4
“... heißt nicht, es den Kindern nachweisen, so dass sie es zugeben müssen, ob sie es nun glauben oder nicht. Es heißt: sie einsehen lassen, wie die Menschheit auf den Gedanken kommen konnte und kann, weil die Natur es ihr anbot und weiter anbietet.”
Sprecher 1
Wagenschein war Mathematiker, Lehrer und Hochschullehrer. Er wird heute wieder entdeckt.
Sprecher 3
In der Tradition von Wagenschein arbeitet Dr. Salman Ansari.
O-Ton Take 24 Dr. Salman Ansari
Ich lerne, dass es nicht nur eine Art des Lernens gibt, dass selbst sogar wenn zwei Menschen ein und dasselbe tun, haben sie über unterschiedliche Wege sich das angeeignet, Das ist ja unglaublich, wie kann das angehen. Der kann einen Löffel anfassen, ich ja auch aber trotzdem haben wir etwas anders gelernt und das fasziniert. Das ist das eine
Sprecher 1
Nachdem Ansari an der Universität Chemie gelehrt hatte, zog es der gebürtige Pakistaner vor, Lehrer zu werden, wie Wagenschein an der Odenwaldschule, dem berühmten Reformschulinternat in Oberhambach. Nun, nach seiner Pensionierung arbeitet er mit Kindern in der Grundschule und neuerdings im Kindergarten und lernt von ihnen.
O-Ton Take 24 Dr. Salman Ansari
…und das zweite ist, dass Kinder sehr viel wissen und dass wir dieses Wissen unbedingt berücksichtigen müssen, wir Erwachsene, also nicht nur Lehrer, / Lehrer ganz besonders, wenn die Kinder in die Schule kommen aber wir müssen heraus kriegen, was sie wissen und das sind für mich so zwei Dinge, die für mich sehr wichtig sind und das dritte ist, dass alles was wir lernen, dazu müssen wir eigenständige Konzepte entwickeln um das zu verstehen, d.h. jeder Mensch entwickelt sein eigenes Konzept und diesen Raum muss er ja haben um etwas zu verstehen und was wir selbstständig über die Bildung solcher Konzepte gelernt haben, das bleibt ein Leben lang bei uns und alles was wir sozusagen übernehmen, das bleibt bei uns nicht. Also Wissen ist nicht übertragbar, das ist auch eine sehr wichtige Aussage der kognitiven Wissenschaften, ich kann Wissen nicht übertragen.
Sprecher 3
Die Schule versucht in der Regel immer noch genau dieses: Wissen so zu übertragen, als wäre es ein Kopiervorgang. Sie will instruieren, wie man Ausführenden sagt, was sie zu tun haben – oder sie weicht in ermüdendes Reden über die Dinge aus. Aber zu selten schafft sie Gelegenheiten zum Erkennen und zum Verstehen. Das macht sie so häufig noch zu einer Einrichtung, die dem Lernen im Wege steht. Dieser am Lernen hindernde Effekt wächst noch, wenn Lehrer glauben, nicht Schüler, sondern Fächer unterrichten zu sollen. Vor allem wenn die Lehrer unter Druck stehen, ein dichtes Pensum schaffen müssen, weichen sie fataler Weise noch mehr auf diese so wenig ergiebigen Belehrungsstrategien aus.
Sprecher 2
Aber wie soll es denn auch anders gehen, wenn die Klassen voll, die Kindergärten schlecht ausgestattet und viele Kinder von zu Hause schlecht vorbereitet sind?
Sprecher 3
Liegt die Lernschwäche wirklich nur an geringen Ressourcen und schlechten Umständen?
Musikakzent kurz
Sprecher 3
Verfolgen wir eine Spur zu einer ungewöhnlichen Pädagogik, die Hoffnung macht.
Es geht zuerst nach Bremen zu Kindern aus Migrantenfamilien.
Viele von ihnen sind gefährdet, Schulversager zu werden.
O-Ton Take 24 Schulleiter Edzard Steffen,
Wir haben gerade in diesem Schuljahr festgestellt, dass wir eine sehr lange Zeit benötigen um die Kinder erst mal lernfähig zu kriegen, d.h. dass ein soziales Miteinander so hergestellt werden kann, dass die Kinder sitzen und gucken und zuhören.
Sprecher 1
Edzard Steffen ist Schulleiter der Schule „Am Pulverberg.“ So heißt sie.
Der Pulverberg liegt im Bremer Stadtteil Walle, einem sozialen Brennpunkt.
Atmo im Bus – Kinderstimmen
Sprecher 1
Viele Kinder dieser Schule nehmen in den großen Ferien an einem Sommercamp für Drittklässler überwiegend ausländischer Herkunft teil. Diese Sommercamps finden in Bremen seit einigen Jahren in den großen Ferien statt. Für drei Wochen fahren die Kinder in Landschulheime.
Atmo Sprachunterricht
Machen wir eine Schnitzeljagd? Das geht auch. –
Sprecher 1
Machen wir eine Schnitzeljagd, ist das ein Satz oder eine Frage?
Cynthia, du bleibst stehen. Und Du bewegst Dich. Immer musst Du stehen bleiben. Du bewegst Dich nicht, Du bist die Chefin, Cynthia.
Sprecher 1
Die Schülerin spielt heute in einem Rollenspiel das Verb, das sich anders als die anderen Wörter im Satz nicht bewegt, denn im Deutschen dreht sich alles um das Verb, es ist der Chef im Satz.
Sprecher 3
Jeden Tag stehen zwei Stunden Sprachunterricht und zwei Stunden Theater auf dem Programm.
Atmo Theater
Sprecher 1
Die Stücke werden zum Schluss aufgeführt. Nach dem Sprach- und Theaterprogramm haben die Kinder jeder Menge Zeit zum Spielen, Toben und für Abenteuer.
Die Jacobs-Stiftung bezahlte im ersten Jahr außer allen Kosten auch eine aufwendige Auswertung durch das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Dritter im Bund ist der Senator für Bildung, der sich verpflichtete, das Projekt weiterzuführen, wenn es erfolgreich ist.
Sprecher 3
Das Ergebnis der Auswertung ist nun so sensationell, dass es die Bildungsforscher Petra Stanat und Jürgen Baumert – sie haben auch die erste Pisa-Studie in Deutschland verantwortet - zunächst nicht glauben konnten.
O-Ton Take 25 Jürgen Baumert MPI
Drei Wochen Training, zwei Stunden täglich hat Effekte, die etwa vergleichbar sind, wenn ich es ganz vorsichtig ausdrücke, fast den Zuwachs eines Schuljahres ohne Training und das ist alles Andere als ein trivialer Effekt.
Sprecher 3
Die Pädagogik im Sommercamp antwortet auf Grundbedürfnisse der Kinder:
Wahrgenommen, anerkannt und gebraucht zu werden.
Die Kinder wollen stolz sein und sie wollen etwas leisten. Dafür schulden ihnen die Erwachsenen Angebote und Gelegenheiten. Die erhielten sie dort.
Das Theater bietet eine Bühne. Auf ihr können die Kinder ich und wir sagen. Liegt das Dilemma der deutschen Schule auch daran, dass sie mit diesen kulturellen Lebensmitteln geizt?
Vormittags Unterricht und Theater und am Nachmittag ein verschwenderisches Angebot an Freizeit und Abenteuer.
Von den Kindern viel verlangen und ihnen viel geben, ist pädagogisches Betriebsgeheimnis erfolgreichen Lernens!
Sprecher 2
Die Sprachkompetenz der Kinder ist in drei Wochen Sommercamp so stark gewachsen wie üblicherweise im Verlauf eines Schuljahres?
Sprecher 3
Es fällt tatsächlich schwer, dieses Ergebnis zu glauben. Aber genau in diesem Glauben oder Unglauben, also darin, was man für möglich hält, steckt der größte Teil des Problems und vielleicht auch die Lösung.
Man stelle sich vor, Pädagogen bekommen folgenden Auftrag.
Sprecher 4
Sie müssen mit ihren Schülern in drei Wochen den Kompetenzgewinn eines Schuljahres erzielen. Dafür bekommen sie alle Ressourcen, die sie brauchen. Sie haben jede Freiheit.
Sprecher 3
Gegen diese Zumutung würden deutsche Schulbeamte wohl zuerst protestieren. Dann würden sie sich fügen und würden sie ihre Fantasien dann nicht in Richtung eines pädagogischen Sibirien ausrichten? Denn solch harte Vorgaben ließen sich doch – wenn überhaupt – nur durch allergrößten Druck erfüllen?
Der Glaube an den Druck ist hierzulande stärker als das Vertrauen in die Lernbereitschaft. Entsprechend selten werden für das Lernen einladende Bedingungen geschaffen. Sind vielleicht der Druck und das Misstrauen, von dem viele meinen, sie seien nötig, die größten Lernverhinderer?
Anhänger des Drucks glauben ja, Ergebnisse ließen sich am besten durch Außensteuerung erzielen.
Aber...
Sprecher 4
...nicht die Fülle, sondern Intensität ermöglicht den Lernerfolg...
Sprecher 1
.... sagt der Nestor der deutschen Pädagogik Hartmut von Hentig und fährt fort:
Sprecher 4
"Will die Pädagogik einen guten Menschen machen, wird sie ihn nicht bekommen."
Sprecher 3
Lernen ist also ein höchst indirekter Vorgang.
Musikakzent
Atmo Forschcamp
Sprecher 1
In den Weihnachtsferien, am Tag nach Neujahr. In Norderstedt am Rande von Hamburg kommen eine Woche lang jeden Morgen 28 Kinder in ein Freizeitheim zum Forschercamp. Das jüngste Mädchen ist vier, der älteste Junge ist elf Jahre alt. Eine Woche lang beschäftigen sie sich mit nur einem Thema, der Elektrizität. Wenn sie morgens kommen, ist es noch dunkel. Wenn die Eltern sie abholen, dämmert es schon wieder. Trotzdem wollen viele Kinder einfach nicht nach Hause. Sie wollen Müttern und Vätern erst noch zeigen, was sie alles herausgefunden haben. Am Ende dieser ungewöhnlichen Ferien fließen Tränen.
Sprecher 3
Eingeladen hat das Team "Kinder entdecken Naturwissenschaften“ um die Erziehungswissenschaftlerin Anja Gottwald. Dazu gehören ein Umweltingenieur, eine Biologin, ein Tischlermeister und ein Student - alle naturwissenschaftlich versiert und, was wichtiger ist, begeistert.
Die Kinder experimentieren mit den Erwachsenen den ganzen Tag. Sie diskutieren, bauen und grübeln. Zwischendrin gehen die Kinder in den Toberaum, helfen bei der Essensvorbereitung oder verziehen sich in Ruhe in die Kinderbibliothek.
O-Ton Take 26 Kinder –
„Der Stahl fängt ja an zu glühen wenn es heiß wird und wenn man das drauf legt dann wird das heiß und dann fängt es an zu glühen.
Und jetzt müsste die Batterie entweder auch kaputt sein.
Darum funktioniert nicht nur Strom durch Eisen geleitet werden sondern auchsondern auch Magnetkraft, die ist so stark, dass hier der hier an dem hängt. –
beim Strom durch die Kabel fließen Elektronen und die wollen zum Plus, die wollen sich zum Plus verwandeln.
Sprecher 3
Die Kinder kommen dahinter, warum „sich das Minus zum Plus verwandeln will.“ Sie finden heraus, warum der Glühfaden sofort durchbrennt, wenn man das Glas drum herum kaputt macht. Sie bauen große Leuchttürme und eine Drahtseilbahn und halten sich gegenseitig Vorträge über Edison oder Graf von Volta.
O-Ton Take 27 Kind, Lukas
Der hatte in echt einen ganz langen Namen und zwar Alexandro, Guiseppe, Antonio, Ansatasio Graf von Volta. Er wusste, da muss es irgendeinen Zusammenhang zwischen dem Magnetismus und der Elektronik geben
Sprecher 3
Auf die Idee zu den Vorträgen kam der achtjährige Lukas selbst. Das Material fand er bei „Wikipedia" im Internet.
Die Kinder haben in dieser Ferienwoche Zeit. Niemand ist auf dem Sprung. Sie stecken sich in dieser Woche mit Konzentration und Begeisterung an. Und keiner weiß am Ende, war das nun ein Monat oder ein Tag, und keiner der Erwachsen hat am Ende der Woche daran gezweifelt, dass die Kinder in diesen Tagen mehr über Elektrizität gelernt und auch wirklich verinnerlicht haben, als die meisten Menschen in ihrer ganzen Schulzeit.
Musikakzent
Atmo Kinderakademie Fulda
Sprecher 1
Immer noch Weihnachtsferien, in der Woche darauf: Fulda. In Hessen sind die Weihnachtsferien besonders lang. In Fulda gibt es eine Kinderakademie und dort machen Kinder ebenfalls eine Woche lang von morgens bis abends Mathematik. Thema ist das Pascalsche Dreieck. Wieder erleben wir diese Mischung aus Theorie, freier Arbeit und dem langsamen Entstehen von Produkten. Die Kinder sind zunächst nur der Schönheit und der Ordnung der Mathematik auf der Spur. Am Ende bauen sie kleine Rechenmaschinen.
O-Ton Take 28 Kinder
Z.B. hier die Eins, die kommt hier oben hin. Dann kommt die Eins plus Eins und was darunter raus kommt, das kommt hier hin, also die zwei und auf der Eins plus Null kann man wieder die Eins hin machen.
Sprecher 3
Die Kinder lernen nicht nach einem Programm. Die Pädagogin hat das Thema gestellt. Wie eine Gastgeberin lädt sie die Kinder zum Workshop ein. Sie hat sich mit Material vorbereit und kann den Fragen der Kinder folgen, sie manchmal beantworten, die Kinder aber vor allem beim Finden von Strategien unterstützen, selbst die Antworten zu finden. Und häufig gibt ein Problem ja Hinweise zur Lösung eines anderen, findet die ehemalige Mathematiklehrerin Ursel Cornelius, die jetzt an der Kinderakademie arbeitet.
O-Ton Take 29 Kinder
Sie haben Erlebnisse, die sie nicht mehr vergessen. Es muss nicht ungedingt ein Fachwissen sein, das ist es auch aber das Fachwissen ist schnell wieder da, wenn sie diese Erlebnisse wieder hoch holen. Wenn die plötzlich wieder auftauchen.
Sprecher 3
Man könnte diese einwöchigen Projekte in Norderstedt und Fulda als Beweise ansehen, wie man Zeit in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen einsparen könnte. Sie sind allerdings das denkbar größte Gegenteil von Beschleunigung, wenn man sich den Ablauf und die Stimmung dieser Tage ansieht. Jean Jacques Rousseau hatte bereits vor 250 Jahren diese Paradoxie elegant formuliert:
Sprecher 4
„Wenn du Zeit gewinnen willst, musst du Zeit verlieren.“
Musikakzent
Sprecher 3
In der Kinderakademie Fulda treffen wir Artur Fischer.
Sprecher 1
Der 87 Jahre alte Mann hat die meisten Patente in Deutschland, über tausend: Fischerdübel, Fischertechnik oder Fischertip. Seine Fabriken stehen im Schwarzwald, wo er als Schlosser anfing. Heute arbeiten in seinen Werken mehr als 3000 Menschen. Fischer liebt die Kinderakademie. Vier Stunden Bahnfahrt dorthin, findet er, seien für ihn keine verlorene Zeit.
O-Ton Take 30 Arthur Fischer
Wenn sie die Kinder ansehen, wie kreativ sie sind dann ist es fast logisch, dass man im Alter oder im zunehmenden Alter genau das weiterführen sollte, was Kinder nämlich haben: hohe Kreativität. Kinder können nur vielleicht das später nicht so umsetzen wie der, der diese Kreativität, die er mitbekommen hat tatsächlich auch nutzt, sie verwendet um etwas zu erreichen, um etwas zu schaffen, um etwas auf die Beine zu bringen, aber die Kreativität ist etwas, was jedem Menschen geschenkt ist.
Sprecher 3
Die Kinder ernst nehmen; mit den Anfängern sympathisieren; das Spiel neu entdecken. Diese neue Haltung gegenüber Kindern gewinnt vielleicht noch nicht Oberhand, aber doch Land. Diese Haltung gegenüber Kindern und dem Lernen korrespondiert mit Veränderungen in den Berufen und der Arbeitswelt. Lust und Leistung werden in vielen Berufen nicht mehr wie Feuer und Wasser als Gegensätze gesehen. Der Erfinder Arthur Fischer ist ein Beispiel für diese andere Haltung, in der sich auch der starre Gegensatz von Kind und Erwachsenem auflöst.
O-Ton Take 31 Arthur Fischer
Sprecher 3
Gewiss, solche Einrichtungen wie die Kinderakademie Fulda sind noch rar. Finanziert wird sie übrigens von einem Kardiologen, der mit seinen Patenten für Herzkatheder reich geworden ist. Aber auch andernorts verabschiedet man sich davon die frühen Jahre nur unter dem Aspekt der Betreuung zu sehen. Man beginnt sie als Bildungszeit zu kultivieren.
„Paradigmenwechsel“ nennt man solche mentalen Umbauten. Erst allmählich, dann oftmals ganz schnell zeichnen sich plötzlich andere Muster des Selbstverständlichen ab. Langsam verblasst auch das alte Vorurteil, dass Bildung eine Last sei, die viel kostet. Viele fragen sich, wie wir nur hatten übersehen können, dass Bildung tatsächlich doch eine Investition ist, die sehr viel bringt – vorausgesetzt natürlich, man macht die Sache gut.
Der Erfinder, Arthur Fischer, erklärt seinen Erfolg wie Albert Einstein auf die Frage, wie er all das hätte entdecken können:
Sprecher 4
„Weil ich das ewige Kind geblieben bin.“.
Atmo, Kinderakademie
Und während Fischer noch weiter überlegt, worauf es bei Kreativität ankommt, geht er schon wieder zu den Kindern, spielt mit ihnen, überlegt mit ihnen und strahlt. Er genießt die Intensität des Augenblicks.
O-Ton Take 32 Arthur Fischer
Das ist relativ einfach, es sind im Wesentlichen nach meiner Auffassung drei Punkte: ich muss neugierig sein, ich muss Mut haben und ich Muss diszipliniert sein.
Sprecher 2
Und wie fühlt sich das innere Kind an?
O-Ton Take 32 Arthur Fischer
Sprecher 3
Mit Kindern spielen wie Arthur Fischer, sie fragen, ihnen etwas zeigt und von seinem Leben erzählen. So oder so ähnlich wie die Kinderakademie in Fulda werden vielleicht einmal Schulen aussehen. Dieser Gedanke drängt sich auf:
In einem Raum ein Großbild von Baselitz. In einem anderen Raum eine Ausstellung zur Technikgeschichte. In einem dritten steht ein begehbares Herz. Es gibt Werkstätten und natürlich ein Café. Und in einer solchen Schule würde man neben den Kindern auch Leute wie Arthur Fischer treffen: souveräne Erwachsene, die im Laufe ihres Lebens das innere Kind bewahrt und gegen alle Abtreibungsversuche verteidigt haben.
Absage:
Das Lerngenie der Kinder. Oder: die Entdeckung der frühen Jahre
Ein Feature von Reinhard Kahl
Es sprachen: Daniel Berger, Isis Krüger, Hanns-Jörg Krumpholz, und Thomas Lang.
Technische Realisation: Olaf Dettinger
Regieassistenz: Christian Kosfeld
Regie: Thomas Blockhaus
Eine Produktion des Westdeutschen Rundfunks Köln mit dem Saarländischen Rundfunk 2007