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Titel DIE WELT Kinder vermisst
Datum 07.09.2006
Erschienen DIE WELT7. 9. 2006

Was der Gesellschaft fehlt, wenn die Kinder fehlen

Heute ziehen 1000 Frauen in Deutschland 670 Töchter groß. Denen folgen 450 Enkelinnen. Und die bringen noch 300 Urenkelinnen zur Welt. Der Diagnose der Bevölkerungswissenschaftler folgt der Alarm der Rentenpolitiker. Ein paar Gedankenspiele.

Von Reinhard Kahl

Deutschland vermisst seine Kinder. Nun kommt zu all den anderen Krisen auch noch die demografische Verfinsterung. Lauter letzte Menschen in einem Land ohne Zukunft? So spricht die katastrophenverliebte, die panische Stimme.

Ein Ton, der den Deutschen liegt, der aber vielen hierzulande langsam über ist. Zuerst fehlten die Kinder in den Statistiken der Demografen. Heute ziehen 1000 Frauen in Deutschland 670 Töchter groß. Denen folgen 450 Enkelinnen. Und die bringen noch 300 Urenkelinnen zur Welt. Der Diagnose der Bevölkerungswissenschaftler folgt der Alarm der Rentenpolitiker. Der Dritte im Bund ist die Wirtschaft: "Die Verfügbarkeit von Humankapital wird sich zusehends verschlechtern und zur Wachstumsbremse", warnt Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft.

So oder so ähnlich klingen die Vermisstenanzeigen für den ausbleibenden Nachwuchs. Fehlen da neben den unterzeichnenden Fachleuten für Demografie, Renten und Wirtschaftswachstum nicht andere Stimmen? Noch bleiben die Personalchefs, Bürgermeister und Statistiker unter sich und drohen, wenn das so weiterginge, müssten bald Schulen, Schwimmbäder, Fabriken und, wer weiß, vielleicht irgendwann auch die Konten der Rentner geschlossen werden. Aber es geht so weiter. Im Jahr 2005 verringerten sich die Geburten um weitere 4,2 Prozent, stärker noch als in den Vorjahren, obwohl der große Alarm nun schon einige Zeit anhält. Im europäischen Vergleich lag Deutschland im Jahr 2005 mit 8,5 Geburten je 1000 Einwohner auf dem letzten Platz.

Nun nutzen die schon länger arbeitslos gewordenen Apokalyptiker ihre Stunde. "Ab in die Wälder - Wölfe treten an die Stelle der Menschen", schrieb der "Spiegel" über die demnächst entvölkerten Regionen. Tatsächlich gelten Teile von Mecklenburg-Vorpommern nach den Normen der EU-Statistik bereits als unbewohnt. Das gleiche Magazin benannte eine Titelgeschichte über Einzelkinder in Restfamilien "Unter Wölfen". Tatsächlich werden Kinder überall zur Minderheit. In allen Regionen. In den meisten Familien. In der Öffentlichkeit. Aber etwas kommt in diesem Sorgendiskurs einfach nicht vor. Die Kinder. Wo ist das Interesse an ihnen? Vor allem das an den bereits geborenen?

Ist es vielleicht nur folgerichtig, dass sich der Nachwuchs rarmacht, wenn lediglich diese Instanzen, die sich bisher zu Wort gemeldet haben, ihm vorwerfen, nicht zahlreich genug zu erscheinen? Es ist schon merkwürdig, neben dem gestochen scharfen Katastrophenbild gibt es einen riesigen blinden Fleck. Um ihn zu orten, stelle man sich vor, all die demografischen, renten- und arbeitsmarktpolitischen Probleme wären durch einen politischen Zauber gelöst. Wir bekämen Zuwanderung von tatendurstigen Eliten aus der Dritten Welt, dazu eine wunderbare Geldvermehrung in den Rentenkassen und auch noch intelligente Roboter. Mangel an späteren Arbeitskräften, an Steuer- und Rentenzahlern wäre also nicht mehr zu beklagen. Nur der an Kindern. Aber wem würden sie dann noch fehlen? Wir nähern uns langsam dem Problem.

Noch ein Gedankenspiel. Man stelle sich eine Welt ohne Kinder im Alltag vor. Sich einfach eine Welt ohne Kinder vor Augen führen. Dann sehen wir, den meisten fehlen gar nicht die Kinder, ihnen fehlt einfach die Lust auf sie. Aber in einer Welt, in der Kinder selten und seltener werden, fühlen sich auch kinderwunschresistente Erwachsene langsam verloren. Ihre Lebenswelt wird alt. Der menschlichen Sterblichkeit fehlt das Gegengewicht, das Hannah Arendt "Natalität" oder auch "Gebürtlichkeit" nannte. Kinder sind eben nicht nur der Nachwuchs für die Subsysteme der Gesellschaft. Um diese am Laufen zu halten, bekommt niemand ein Kind, selbst wenn hohe Gebärprämien ausgesetzt würden. Nochmals: Warum werden die Kinder selbst so wenig vermisst? So wie sie sind. Wie sie einfach da sind. Hier und heute. Ohne weitere Gründe, außer dem einen, dass wir sie mögen. Ohne Kinderwunsch bleibt das Alarmieren und Drohen unfruchtbar, ja es erweist sich als ein Teil des beklagten Problems.

Kinder stören. Sie unterbrechen Routinen. Sie sind geniale Unterbrecher und Neuanfänger. Und genau dieses Unterbrechen und Neuanfangen fehlt der Gesellschaft insgesamt. Wo ist die Unruhe im Uhrwerk? Unterbrechen und Neuanfangen ist ebenso wichtig wie das Weitermachen, dessen Gefährdung so häufig beschrieben wird. Dieser Sinn für eine offene, nicht limitierte Zukunft, für Kontingenz und Unverfügbarkeit ist in Deutschland schwach. So schwach wie der freundliche, neugierige und erwartungsvolle Blick auf Kinder jenseits von Demografie, Rente & Co.

Der Autor ist Journalist und Filmemacher

Artikel erschienen am Thu, 7. September 2006


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