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Titel Wunderbare Welt des Lernens / über Spitzer
Datum 10.11.2003
Erschienen süddeutsche zeitung

Süddeutsche Zeitung

Die wunderbare Welt des Lernens

Warum ein Psychiater, der eigentlich triviale Botschaften verbreitet, tausende von Zuhörern begeistert

Von Reinhard Kahl

 

 

 

So wild sind die Leute sonst nur bei Popkonzerten“, sagt ein Techniker, der Großprojektionen auf zwei Leinwände justiert. Die Stadthalle von Schwäbisch Gmünd ist um halb Sieben fast voll. An den Kassen stehen noch Schlangen. Dabei wird es gleich drei Stunden Worte ohne Pause geben. „Wie lernt das Gehirn?“

 

 

Ende Oktober, an einem Abend kurz vor Sieben sitzt der Mann, den an diesem Abend 1200 Menschen hören wollen, unscheinbar am Rand von Reihe 8. Graue Jacke und dunkler Rollkragenpulli. Er mustert die Lehrer, Eltern, Ärzte, Kindergärtnerrinnen und Therapeuten. Erstaunlich viele junge Leute sind gekommen. Der Mann genießt den Auftrieb. Fünf Minuten nach Sieben tritt der Leiter des staatlichen Schulamtes, Wolfgang Schiele auf die Bühne. „Ich begrüße Herrn Doktor, Doktor, Professor Manfred Spitzer.“ Gejohle, Beifall. Was ist hier los?

 

 

Manfred Spitzer ist Direktor der psychiatrischen Uniklinik Ulm, Autor von populären Büchern übers Lernen und die Hirnforschung, Guru einer neuen Szene und umstritten bei manchen seiner akademischen Kollegen aus den Lehr- und Lernwissenschaften. Der Mann, der in Medizin und Philosophie promoviert, Psychologie studiert hat, zweimal Gastprofessor in Harvard war, verblüfft sein Publikum gleich mit der ersten Folie. Ein fast um die Hälfte amputiertes Gehirn. Der Eingriff lag in früher Kindheit. Inzwischen spricht der erwachsene Besitzer des Torsos zwei Sprachen. Seine Gehirn hat sich trotz des Mangels gut organisiert. Verblüffung. Nach dieser Eröffnung muss sich keiner im Saal unvollständig oder gar als potentieller Versager fühlen. Keinem kriechen heute Abend diese Schuldgefühle über den Rücken, die Lektionen übers Lernen zum Beispiel beim Elternabend sofort wieder hervor holen. Dieses „Es-reicht-nicht, Du reichst nicht, Du hast wieder Fehler gemacht und wirst irgendwann als blinder Passagier enttarnt werden“.

 

 

Trost für die 40-Jährigen

 

 

Spitzer verkündet die frohe Botschaft einer neuen pädagogischen Bibel. Nichts treibe unser Zentralorgan lieber als zu lernen. „Es kann nichts anderes. Es kann nicht Nichtlernen.“ Schwups, die nächste Folie. „Und es macht ihm eine Heidenspaß.“ Gebannte Gesichter. Dann eine Abkühlung. Lernkurven, überwiegend aus amerikanischen Journalen, selten älter als zwei, drei Jahre. Sie zeigen, so Spitzer, „wie die Lernkurve unseres Gehirns nach und nach fällt“. Fürs Fremdsprachenlernen wird mehr Zeit benötigt und auch das Zusammenwachsen durchschnittener Nervenstränge geht nicht mehr so flott. Es geht abwärts. Ein zumindest vorläufiger Tiefpunkt wird auf einer Grafik mit 45 Jahren erreicht. So alt ist Spitzer.

 

 

Jetzt wird es Zeit, Trost nachzuladen. „In welchem Alter erreichten Jäger in einer anthropologischen Studie die größte Beute?“ Die Folien zeigen: Deutlich über 40 und das Hoch bleibt. Spitzer erklärt, dass wir zwar erst schnell lernen, dann aber komme mit dem langsameren Lernen sozusagen die Feinjustierung. Ohne die gäbe es keine Höchstleistungen. Wer als Erwachsener schnell oder zu wild sei, verfehle das Ziel.

 

 

Der Vortrag fesselt. Spritzer spricht dem Publikum irgendwie aus dem Herzen und dennoch ist für die 1200 das meiste neu und verblüffend. Und draußen, in der wissenschaftlichen Community? Bisher ist noch keiner von Spitzers Kollegen, Konkurrenten oder Mitbewerbern aus den Nachbardisziplinen aufgestanden und hat nachgewiesen, das nicht stimmt, was er vorträgt oder schreibt. Die Kritik lautet eher, alles olle Kamellen, wussten wir doch schon und zahlreiche Folgerungen seien überspannt. Es fehlten noch replizierbare Studien für viele Befunde der Hirnforschung. Vieles sei vorschnell, typisch für eine überhitzte Wissenschaftskonjunktur. Gewiss. Aber das Ereignis Spitzer ist nicht nur ein wissenschaftliches. Es spielt sich in Hallen wie Schwäbisch Gmünd oder ein paar Tage zuvor in Erding ab, wo ebenfalls die Stadthalle voll besetzt war.

 

 

Wissenschaft hat unverständlich zu sein, das gehört zu den nachhaltigen Prägungen im kollektiven Imaginären der Deutschen. Wahrheit ist schwer und etwas dunkel. Wirksames Lernen gleicht eher einer bitteren Medizin. Im Schulalltag gilt immer noch, dass sich Lust und Leistung zueinander eher wie Feuer und Wasser verhalten. Manfred Spitzer verkündet die Gegenthese, ja er inszeniert und verkörpert sie. Spitzer zeigt zu jeder These eine Grafik, eine Studie oder Fotos von den neu entdeckten Hirnlandschaften. Für die meisten Thesen zeigt er auf den Hirnkarten eine Stelle: „Hier vorne werden im Hirn erzeugte opiumähnliche Stoffe ausgeschüttet.“ Pause. „Und was macht das?“ Pause. „Das macht Spaß! Wir können besser denken. Und wenn sie besser denken, bleibt es besser hängen und das wollen wir ja beim Lernen.“Das Publikum ist hungrig nach dieser Botschaft.

 

 

Schulamtdirektor Wolfgang Schiele, der die Veranstaltung in der Stadthalle organisiert, hatte schon vor Jahresfrist bei einem Spitzer-Vortrag sein Saulus-Erlebnis und sagte sich, den lad’ ich ein. Dass er dafür die Stadthalle mietete, fanden viele übertrieben. Aber der in Schulreformen engagierte Mann machte eifrig Werbung für den Abend und erhielt 7000, in Worten siebentausend, Anmeldungen. Als Spitzer vor zwei Wochen zum vierten Mal in diesem Jahr nach Schwäbisch Gmünd kam, gab es wieder 3000 Kartenbestellungen und morgen, am 12. November wird die Halle beim fünften Auftritt wieder voll sein.

 

 

In Wallung gerät das Publikum, darunter sind viele Lehrer, wenn es um die Schule geht. Spitzer erzählt von einer Studie seiner Freiburger Kollegen, wonach die Geistesaktivität von Schülern den ganzen lieben Tag lang nie so schwach ist wie vormittags in der Schule. Die Schüler stellen dort offenbar nur ihre Körper ab, machen ein intelligentes Gesicht, aber ihre Phantasie geht spazieren. Sie lernen Regeln auswendig und vergessen sie. Aber ihr Gehirn lernt nicht, sagt Spitzer, denn das Gehirn ist das Protokoll seiner Benutzung. Es verlangt Beispiele, will aktiv sein und dann macht es sich seine Regeln selbst. Das finde vormittags in der Schule zumeist nicht statt. Unserer Königsorgan ist dort untererregt und das häufig 13 Jahre lang. Ein Skandal.

 

 

Aus Angst in den falschen Hals

 

 

Es kommt noch schlimmer. Jetzt berichtet Spitzer von einer eigenen Untersuchung an der Universität Ulm. Demnach scheint es, als würden den Erfahrungen und Informationen, die unter Angst, Misstrauen und Stress aufgenommen werden, negative Vorzeichen eingebrannt. Das so gelernte Wissen wird eher zu harten Waffen geschmiedet und nicht als Gewebe geschmeidig gehalten, das weiter verknüpft werden soll. Unter Angst und Misstrauen Gelerntes bekommt man sozusagen in den falschen Hals.

 

 

Mit Angst könne man natürlich ganz schnell lernen. Niemand legt seine Hand ein zweites Mal auf die heiße Herdplatte. „Aber aversiv mit Strafe, Wehtun und Schmerzen lernen sie nur, was sie nicht tun sollen, und nicht wo es lang geht.“ Jetzt erreicht der Abend seinen Höhepunkt. Spitzer weiß das. Der Punkt der Umkehr ist erreicht. Wir haben falsch gelebt. Spitzer kommt den alten Vorurteilen übers mühsame Lernen noch mal einen Schritt entgegen, um sie endgültig zu erledigen: Lateinvokabeln unter Angst und Tränen zu lernen, „das klappt schon. Doch wenn sie da raus geholt werden, wird die Angst mit raus geholt, mit aktualisiert. Und wenn wir eines wissen, dass sie, wenn sie Angst aktivieren, nicht mehr kreativ sein können.“ Große Stille. Als hätte Spitzer ein Betriebsgeheimnis des nicht mehr so richtig laufenden deutschen Systems ausgeplaudert. „Wenn wir wollen, dass unsere Kinder künftig Probleme lösen können, dann brauchen wir eine positive Lernumgebung in den Schulen.“ Donnernder Beifall.

 

 

Aber was macht eine gute Atmosphäre aus? „Die Person des Lehrers ist das Wichtigste.“ Darauf hätte man auch ohne Hirnforschung kommen können. Spitzer will es beweisen und setzt auf die wirklichkeitsverändernde Macht unbestreitbarer Erkenntnisse seiner naturwissenschaftlich angelegten Studien, „mit denen wir noch ganz am Anfang stehen.“ Aber einiges sei sonnenklar. Was die Lehrer betrifft, greift er zu einer Analogie aus der Psychotherapieforschung: Egal was Therapeut und Patient miteinander anstellen, die Therapie ist erfolgreich, wenn sich beide wertschätzen.“ Für die Schule gelte das erst recht.

 

 

Von zynischen Lehrer, über die ihm seine fünf Kinder berichten, spricht er erst nach dem Vortragsmarathon beim Essen mit einigen Unternehmern und dem Sparkassendirektor. Sie wollen ihre Weiterbildung nach Spitzer’schen Erkenntnissen umbauen. Lernen ist auch bei ihnen ein Schlüsselwort und sie wissen, dass das deutsche Erfolgsmodell, das eines des Industriezeitalters war, ausläuft.

 

 

So einvernehmlich wie der Schulamtsdirektor, Spitzer und die Manager am Tisch sitzen könnte man glauben, der 30jährige deutsche Bildungskrieg könnte nun endlich beigelegt werden. Die Hirnforschung könnte für diese Gemeinschaftsfeld deutscher Bildungspolitik die Fahne liefern. Aber wenn es nach Spitzer geht, dann fängt die Wissenschaft überhaupt erst richtig an. Von seinem jüngsten Triumph kann er der Runde beim Wein berichten. Annette Schavan, Kultusministerin in Baden Württemberg, spendiert jetzt 2,3 Millionen Euro für das von Manfred Spitzer just gegründete „Transferzentrum für Neurowissenschaft und Lernen“ in Ulm.

 

 


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