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Titel Gespr. mit Hans Brügelmann /Schreiben wie sie wollen?
Datum 24.03.2006
Erschienen www.grundschulverband

Quelle: www.grundschulverband.de  [Abruf ab 24.2.2006]

 

 

Dürfen Kinder schreiben, wie sie wollen?

 

Reinhard Kahl im Gespräch mit Hans Brügelmann

über freies Schreiben im Anfangsunterricht

 

 

Kahl:

Herr Brügelmann, Ihre Kollegin Renate Valtin hat angeblich[1] den Berliner Schulsenator aufgefordert, die Methode „Lesen durch Schreiben“ in den Grundschulen zu verbieten. Sind Sie einverstanden?

 

Brügelmann:

Gar nicht. Und ich hoffe sehr, dass Frau Valtin sich vorsichtiger ausgedrückt hat, als in der Presse zu lesen war. Aber Ihre Frage zeigt schon ein Problem: Reden wir darüber, dass Kinder vom ersten Schultag an ihre eigenen Wörter lauttreu verschriften dürfen, oder reden wir über eine sehr spezifische Methode, diese Idee umzusetzen. Wie Jürgen Reichen, [der Urheber der Methode „Lesen durch Schreiben“] und viele andere – ich dachte eigentlich auch Frau Valtin – sehe ich im Übersetzen der eigenen Aussprache in Buchstaben den Schlüssel für Kinder, um unser Schriftsystem zu verstehen. Diese wichtige Funktion des freien Schreibens ist übrigens auch in den großen Forschungsüberblicken in den USA mehrfach und einhellig bestätigt worden.. Anders als Reichen bin ich allerdings dafür, dass Schulanfänger sich auch mit der Orthographie als der „Buchschrift“ oder der „Erwachsenenschrift“ auseinander setzen.

 

Kahl:

Es wird ja kritisiert, durch diese Methode gewöhnten sich die Kinder ihre Fehler an.

 

Brügelmann:

Wie beim Sprechenlernen  sind Fehler überhaupt nicht schlimm. Über ein beiläufiges korrektes Wiederholen des Gesprochenen lernen die Kinder nach und nach den richtigen Gebrauch der Sprache.

Darüber hinaus aber finde ich wichtig, dass sie auch auf ihre Weise anfangen in Büchern zu lesen. Man darf die produktive Idee des „Lesens durch Schreiben“ nicht dogmatisieren und Kindern andere Zugänge  vorenthalten. Ein solcher „Spracherfahrungsansatz“, in dem das selbstständige Lesen und Schreiben der Kinder im Vordergrund steht und von ihren Lehrern individuell gefördert und begleitet wird, bildet die Basis für die Entwicklung zu (auch orthographisch) kompetentem Lesen und Schreiben.

 

Kahl:

Sie sind also auch dafür, die Reichen-Methode zu verbieten, wenn der Unterricht ganz aufs Schreiben reduziert wird?

 

Brügelmann:

Nein, das bin ich keinesfalls, obwohl ich eine andere Vorstellung als Reichen vertrete. Wie ich auch viele andere Ansätze nicht verbieten würde, die ich nicht teile. Ich kenne erfolgreiche Lehrer, die ihren Unterricht ganz unterschiedlich gestalten. Und für jede Methode, jedes Lehrwerk werden Sie einige finden, die erfolgreich sind, und andere, die damit nicht so gut zurecht kommen. Auch Kinder lernen unterschiedlich, sind keine Lernmaschinen die man alle nach einer Methode programmieren könnte.

 

Kahl:

Aber es ist doch nicht egal, wie man unterrichtet. Kritiker der Methode „Lesen durch Schreiben“ weisen darauf hin, dass leistungsschwache Kinder beim freien Schreiben Probleme haben und mehr Halt brauchen.

 

Brügelmann:

Vorsicht, so einfach ist das nicht! Die Daten muss man sehr sorgfältig lesen und behutsam interpretieren. Wenn Sie sich zum Beispiel die Ergebnisse der aktuell viel zitierten Merkens-Studie in Berlin in einer Tabelle zusammenstellen, dann bekommen Sie ein ganz unübersichtliches Bild, nach welchem Ansatz welche Kinder zu welchem Zeitpunkt die Nase vorn haben. Und außerdem könnte ich Ihnen andere Studien entgegenhalten, die umgekehrt zu „beweisen“ scheinen, dass freies Schreiben erfolgreicher ist als ein lehrgangsgebundener Unterricht. Im Schreibvergleich Bundesrepublik - DDR vor 15 Jahren zum Beispiel war die Rechtschreibung in den Deutschschweizer Reichen-Klassen am Ende der ersten Klasse deutlich besser als in den westdeutschen Fibelklassen. Im freien Text waren sie sogar besser als die DDR-Klassen, die nur im geübten Diktat orthographisch sicher waren.

 

Kahl: Gut, aber noch einmal: werden die leistungsschwächeren Schüler nicht überfordert?

 

Brügelmann: Sicher gibt es – wie in jedem Unterricht – auch hier Kinder, die mehr Schwierigkeiten haben. Aber, auch die Streuung war in unseren „Lesen durch Schreiben“-Klassen war nicht nur der Durchschnitt besser, sondern auch die Streuung war geringer, d. h. die langsamen Lerner wurden nicht abgehängt. Das hat auch mein Kollege Falko Peschel in einer sehr sorgfältigen Studie der Lernverläufe seiner Schüler über vier Jahre hinweg zeigen können. Und Erika Brinkmann hat in Schwäbisch Gmünd eine sehr erfolgreiche Förderung schwacher Schulanfänger nach dem Spracherfahrungsansatz praktiziert. Die Evaluation durch das ZNL von Spitzer in Ulm wird demnächst publiziert.

Nur: Solche Ergebnisse geben keine Garantie, wie auch die positiven Ergebnisse von Metzes „Lollipop“ in Hessen keine Garantie dafür sind, dass alle Kinder lesen und rechtschreiben lernen. Lernen ist kein mechanisch planbarer Prozess und Unterricht kein Programm, das man wie die Produktion von Autos optimieren könnte.

 

Kahl:

Wo ist dann der Kern des Problems? Bei der Methode, bei den Lehrern?

 

Brügelmann:

In der Pädagogik spielt immer auch das Menschenbild, spielen Werte und persönliche Einstellungen eine wichtige Rolle: Ist mir nur wichtig, dass die Kinder fachliches Wissen und Können möglichst effektiv erwerben, oder auch, wie sie es erwerben. Genau da sehe ich das große Verdienst von Jürgen Reichen. Wie Montessori,  Freinet und andere schon vor dem zweiten Weltkrieg hat er gezeigt, dass man Kinder nicht abrichten muss, damit sie lesen und schreiben lernen, sondern dass sie sich die Schrift selbstständig als Sprache aneignen können, um selbstständig ihre Gedanken und Erfahrungen anderen mitzuteilen. Reichens Problem ist, dass manche Lehrer seine Konzeption als Technik missverstehen. Das ist leider allen großen Pädagoginnen passiert. Und dann sind wir bei dem, was wir auch bei jeder Fibel und jedem Mathebuch erleben: Ideen werden zum Rezept. Was als Hypothese für den eigenen Unterricht hilfreich sein könnte, wird als die „richtige Methode“ und fertige Lösung  missverstanden.

 

Kahl:

Aber wenn viele Lehrer so ein Korsett brauchen, ist dann ein guter Lehrgang nicht doch besser als ein gutes Konzept?

 

Brügelmann:

Nein, nein! Mit einer Fibel können sie genau so viel Unheil anrichten. Als erstes muss die Schule zum Entwicklungsraum werden, in dem die Kinder als eigenständige Persönlichkeiten respektiert werden. Dazu gehören dann unbedingt auch Lernmöglichkeiten, die sie selbstständig wahrnehmen können. Man muss ja auch sehen, dass Kinder schon mit sehr breit streuenden Schrifterfahrungen in die Schule kommen. Das entspricht Entwicklungsunterschieden von mehreren Jahren. Und da ist freies Schreiben optimal: Die Kinder bestimmen inhaltlich, worüber sie schreiben, sie schreiben auf dem Niveau, das sie beherrschen, und sie bekommen in einer funktionalen Schreibsituation Rückmeldungen, wie sie sich besser verständlich machen könnten. Das ist eine optimale Passung, sozusagen eine Individualisierung "von unten" – die kriegt eine Lehrerin als Differenzierung „von oben“ so nie hin.

 

Kahl:

Klingt gut, was aber, wenn die Freiheit in Verwahrlosung umkippt?

 

 

Brügelmann:

Verzichten wir auf medizinischen Fortschritt, nur weil es auch schlafmützige oder inkompetente Ärzte gibt? Aber Sie haben Recht: Lehrer brauchen Unterstützung. Ohne eine umfassende, auf Jahre angelegte Fortbildung, ohne Zusammenarbeit in den Kollegien, ohne organisatorische Veränderungen des Schultags, ohne außerschulische Begleitung, z. B. ein reiches Bibliotheksangebot, klappt das in der Breite nicht.

 

Kahl:

Und wie wollen Sie diese Maßnahmen der Politik verkaufen, die sehen muss, wie sie ihre Haushalte auch nur für das Alltagsgeschäft einigermaßen zusammen bekommt?

 

Brügelmann:

Indem ich auf die italienische Provinz Südtirol verweise. Diese deutschsprachige Region war bei der IEA-Lesestudie Anfang der 1990er Jahre Mittelmaß, bei PISA-2003 ist sie im Lesen sogar einen Punkt besser als der internationale Spitzenreiter Finnland – und viel besser als das wegen seines „leistungsorientierten“ Unterrichts so gerühmte Bayern oder Baden-Württemberg. Und das, obwohl Italien insgesamt mit 476 Punkten im Mittel noch deutlich schwächer abgeschnitten hat als Deutschland. Meine Kollegin Erika Brinkmann,  ich selbst und weitere Kollegen, die auch „freies Schreiben von Anfang an“ als Teil eines übergreifenden Konzepts vertreten, machen dort seit vielen Jahren systematisch Fortbildung. Diese wiederum ist in ein umfassendes Reformkonzept für den Unterricht insgesamt eingebunden. Das ist keine kleine Studie mit zehn oder zwanzig Klassen, sondern ein sozusagen natürliches Experiment. Und es zeigt: Freies Schreiben ist auch in fachlicher Hinsicht erfolgreich – wenn die Randbedingungen stimmen.


[1]    Diese vom Berliner TAGESSPIEGEL (2.2.2006) und vom SPIEGEL (12/2006) verbreitete Meldung ist inzwischen von Renate Valtin als „Zeitungsente“ und ihr unverständliches Gerücht zurückgewiesen worden.


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